Sascha, was ist die Investmentstrategie von Crosslantic Capital? 

Sascha van Holt: Wir investieren in schnell wachsende Unternehmen. Unser Fokus liegt dabei auf Konsumgütern und technologiebasierten Services. Wir verstehen Vertrieb und Marketing besser als viele andere. Wir wissen, wie man Markenbekanntheit schafft, und sind auch in der Lage, diese Prozesse quantitativ zu verarbeiten und zu messen. Darüber hinaus investieren wir auch in Technologien, die anderen Unternehmen helfen, ihre Produkte besser zu verkaufen und zu vermarkten.

Gibt es einen regionalen Fokus? 

Sascha van Holt: Unser Fokus liegt auf Wachstum in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir investieren auch in europäische Unternehmen außerhalb der DACH-Region und in den USA und Israel, aber immer nur dann, wenn wir diesen Unternehmen helfen können, in der DACH-Region zu wachsen.

„Das Ruhrgebiet ist ein sehr guter Ort, um zu leben, zu arbeiten und auch um Unternehmen aufzubauen“

Wieso sitzt ihr in Bochum? 

Sascha van Holt: Ich bin hier geboren und auch in meiner Zeit bei Prosiebensat1 am Wochenende immer zurückgeflogen. Das Ruhrgebiet ist ein sehr guter Ort, um zu leben, zu arbeiten und auch um Unternehmen aufzubauen. Zudem sitzen wir auch in New York.

Warum kann man im Ruhrgebiet gut Unternehmen aufbauen? 

„Diese Mischung aus Kompetenz und niedriger Kostenstruktur ist sehr attraktiv“

Sascha van Holt: Das Ruhrgebiet und Nordrhein-Westfalen insgesamt sind eine sehr dynamische Region mit vielen gut ausgebildeten jungen Leuten. Wir haben viele Universitäten auf engem Raum. Die Unternehmen, die sich hier niederlassen, finden die Talente, die sie brauchen. Dazu sind die Kosten für Personal und Miete viel geringer als in anderen Hubs in Deutschland. Diese Mischung aus Kompetenz und niedriger Kostenstruktur ist sehr attraktiv für junge Leute und damit auch für uns.

Investiert ihr hier auch? 

Sascha van Holt: Wir investieren überall, wo es gute Unternehmen gibt. In unserem Portfolio – was früher Sevenventures war und jetzt Crosslantic I ist – gibt es einige Unternehmen aus der Rhein-Ruhr-Region. Wir haben zum Beispiel mit Babymarkt in Dortmund ein Unternehmen, das sich hervorragend entwickelt und Marktführer in seinem Bereich wird. Und wir haben noch einige Firmen in Düsseldorf. Grundsätzlich ist es nicht wichtig, dass man dort sitzt, wo man investiert. Es ist aber wichtig, dass man ein gewisses Umfeld um sich hat. Im Ruhrgebiet finden wir alles, was wir brauchen: Hier sind Dax-Unternehmen, die womöglich Exit- Kanäle für unsere Ventures sind, und eben viele junge, gut ausgebildete Leute.

Loyaler Investor: Crosslantiv investiert gern über mehrere Runden (Bild: Max Threlfall)
Loyaler Investor: Crosslantiv investiert gern über mehrere Runden (Bild: Max Threlfall)

Es gibt nur wenige Investoren, die im Ruhrgebiet sitzen … 

Sascha van Holt: Tatsächlich sitzen hier nicht viele VCs, aber einige schon: allen voran Tengelmann Ventures in Mülheim, die einer der aktivsten und größten Venture-Investoren in Deutschland sind. Dann zum Beispiel Niko Pohlmann mit Tripos, einem Family Office in Werne, das auch in B2C-Startups investiert, oder Vorwerk Ventures in Wuppertal. Für uns ist aber weniger ein Kriterium, wo andere Investoren sitzen, sondern wo wir erfolgreich unser Geschäft machen können.

In welchem Stadium befindet sich das Startup-Ökosystem Ruhrpott? 

„In all diesen harten Faktoren ist das Ruhrgebiet besser als Berlin“

Sascha van Holt: Ganz klar in einem frühen Stadium, wenn man es zum Beispiel mit Berlin vergleicht. Aber wenn man betrachtet, was alles zu einem Ökosystem gehört, dann sind es auf der einen Seite die harten Faktoren wie Kostenniveau, Zahl der Universitäten oder Zahl der Dax-Konzerne. Und in all diesen harten Faktoren ist das Ruhrgebiet besser als Berlin. Auf der anderen Seite trägt aber auch die Lifestyle-Komponente dazu bei, dass sich viele Unternehmen hier gern ansiedeln und gute Leute finden. Es gibt im Ruhrgebiet zahllose kulturelle Angebote und eine aktive junge Kreativszene. Die weichen Faktoren entwickeln sich sehr schnell. Hier hat das Ruhrgebiet deutliches Potenzial aufzuholen.

Welchen Mehrwert bietet ihr? 

Sascha van Holt: Wir haben zum Beispiel eine Medienpartnerschaft mit der Prosiebensat1-Gruppe, über die wir unseren Portfoliofirmen ein Bruttomediavolumen von 100 Millionen Euro zur Verfügung stellen können, wenn sie es brauchen. Wir wissen natürlich sehr genau, wie man es einsetzt. Darüber hinaus sind wir anders als andere Venture-Investoren etwas später unterwegs und scheuen uns nicht, in eher mittelständische Unternehmen zu investieren, die aber digitale Wachstumschancen haben. Das heißt, wir investieren weniger in experimentelle Geschäftsmodelle als vielmehr in Unternehmen mit solider Umsatzbasis, um diese dann mit einem Ausbau der Digitalstrategie und unserer Hilfe auf eine neue Wachstumsebene zu heben.

Crosslantic ist vor allem im Bereich Sales und Marketing ein starker Partner (Bild: Max Threlfall)
Crosslantic ist vor allem im Bereich Sales und Marketing ein starker Partner (Bild: Max Threlfall)

Wie könnt ihr helfen? 

Sascha van Holt: Wir haben gute Beziehungen zu sehr vielen Medienhäusern in Europa. Unser zentraler Mehrwert ist technologisch unterstütztes Sales und Marketing. Wir haben Unternehmen im Portfolio, die diese Dienstleistung anbieten und verstehen den Bereich darum sehr gut. Die Tickets liegen bei zwei Millionen bis 20 Millionen Euro pro Unternehmen und wir investieren auch gern über mehrere Runden.

Wer sind eure Fonds-Investoren? 

Sascha van Holt: Wir haben verschiedene Limited Partner: unter anderem Lexington Partners, ein großer US-Finanzinvestor, der mehr als 30 Milliarden Dollar verwaltet, und die Prosiebensat1-Gruppe, die ihr Portfolio in den Fonds eingebracht hat. Wir sind in unseren Entscheidungen von den Investoren komplett unabhängig, wie bei anderen Fonds auch.

Was fehlt im Pott noch zum Glück? 

„Das Ruhrgebiet kann nicht nur Stahl und Kohle, sondern sehr viel mehr“

Sascha van Holt: Es fehlt ein Tick Selbstbewusstsein, dass das hier eine spannende und aufstrebende Region ist, und ein bisschen Abschied von der Nostalgie. Es ist zwar sehr schön, dass wir hier viel alte Industriekultur haben. Das darf die Leute aber nicht davon abhalten, nach vorne zu schauen. Das ist der zündende Funke, der noch fehlt, um das Ruhrgebiet nicht nur zu einer weltweit starken Industrie-, sondern auch IT-Region zu machen. Das Ruhrgebiet kann nicht nur Stahl und Kohle, sondern sehr viel mehr.

Das Gespräch führte Corinna Visser. 

Sascha van Holt, Gründer von Crosslantic Capital (Bild: Max Threlfall)

Sascha van Holt

Sascha ist gebürtiger Bochumer und baute nach einigen Jahren im Private Equity den Investmentarm der Prosiebensat1-Gruppe auf. 2017 gründete er Crosslanic Capital.

Crosslantic Logo (Bild: Crosslantic)

Crosslantic Capital

Gründung: Mitte 2017
Gründer: Sascha van Holt
Mitarbeiter: 6
Standort: Bochum
Service: Unabhängiger Growth-Capital-Investor
URL: crosslantic.com

Dieser Artikel erschien zuerst in BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE RUHRGEBIET. Die Sonderbeilage analysiert auf 48 Seiten den Standort, lässt die wichtigen Player aus Old und New Economy zu Wort kommen und zeigt, wie die Menschen der Region zupacken, um den anderen Ökosystemen den Rang abzulaufen. In keiner anderen Region in Deutschland ist der Freiraum zu gestalten so groß wie in der Metropole Ruhr. BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE RUHRGEBIET jetzt kostenlos laden und lesen.

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2 Kommentare auf "Investor Sascha van Holt über das Ruhrgebiet: „Es fehlt ein Tick Selbstbewusstsein“"

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mugwump
Gast
Finde ich wunderbar, dass hierauf einmal hingewiesen wird: Die harten Faktoren sind im Ruhrgebiet weitaus besser als in Berlin. Das wertet den Standort Berlin natürlich keineswegs ab. Da ist ein Momentum entstanden, das der Stadt gut tut, nicht aber unbedingt dem Startup, das sich für den Standort entscheidet. Gerade die Personalsuche ist in Berlin gar nicht so leicht, wie sie immer dargestellt wird. Ich kenne einige Unternehmen, die sogar Probleme haben, Leute für gut bezahlte Praktika in B zu finden. Einfach irgendwelche jungen Leute, die es in B ja angeblich zu Hauf gibt. Die Leute hoppen dort aber von Projekt… Read more »