Thomas, was steckt hinter LGT Capital Partners?

Thomas Kristensen: LGT Capital Partners wurden in den späten Neunzigern durch die Familienstiftung der Familie des Fürstentums Liechtenstein gegründet. Wir verwalten mehr als 55 Milliarden US-Dollar von weltweit etwa 450 Kunden, darunter Rentenfonds, Versicherungsgruppen, Vermögensfonds, Stiftungen und größere Family Offices. Außerbörsliches Eigenkapital macht die Hälfte unserer Investitionen aus, zehn Prozent davon sind Risikokapital.

In was seid ihr investiert?

Thomas Kristensen: Unterschiedlich. Wir investieren in kleine Seed-Fonds, aber auch in die weltweiten Indizes. Ziel ist eine Performance, die besser ist als der Markt. Wir investieren nicht, wenn wir denken, dass das nicht möglich ist.

Ihr investiert nicht direkt in Unternehmen?

Thomas Kristensen: Richtig. Wir betreiben ein Modell namens „Fund of Funds“. Wir sind an 20 Venture-Capital-Fonds beteiligt, die wiederum in Unternehmen investieren. Unsere Kunden sind Anleger, die auf Innovation aus sind. Da sie die Startups nicht kennen, können sie auch nicht direkt investieren. Außerdem würden die meisten wahrscheinlich Geld verlieren. Es ist einfach schwierig, weil Fonds auf unserem Level starken Schwankungen ausgesetzt sind. Durch uns erhalten die Anleger einen Zugang zu einem breit gefächerten Portfolio. Darunter gibt es zwar auch einige, die Geld verlieren, aber eben auch die, die ihr Geld verfünffachen. Mit dieser Mischung erhält man eine Rendite, die auf lange Sicht mit überschaubarem Risiko die Markt-Performance übertrifft.

Welcher Sektor ist für Euch wichtig?

Thomas Kristensen: Wir sind Sektor-agnostisch. Für uns zählen gute Renditen. Allerdings sind wir mehr im Technologie-Sektor unterwegs als beispielsweise in Biowissenschaften, obwohl einige in dem Bereich wirklich gut performt haben. Sie sind grundsätzlich etwas schwieriger einzuschätzen. Der Technologie-Sektor lässt sich besser vorhersagen. Wir legen uns aber nicht auf einen Bereich fest.

Was macht Euch besonders?

Thomas Kristensen: Wir sind schon sehr lange auf dem Markt aktiv und drehen uns nicht nach dem Wind. Wir haben unsere Meinungen und teilen diese mit unseren Venture-Capital-Fonds. Wir sind konstruktiv und haben genug gesehen, um die Standpunkte der Fonds zu verstehen und wie sie ihre Unternehmen voranbringen wollen.

Welche Technologien interessieren euch?

Thomas Kristensen: Nichts spezielles. Wir wissen nicht, wo sich der nächste „heilige Gral“ befindet. Fintech ist ein Thema, oder besser gesagt: war es. Künstliche Intelligenz ist heiß oder Themen wie selbstfahrende Autos assoziiert mit künstlicher Intelligenz.

Fintech ist out?

Thomas Kristensen: Meine Beobachtung ist, dass einige in ihrer Bewertung sehr schnell gestiegen sind. Gute Beispiele sind Wonga aus Großbritannien oder Lending Club aus den USA. Wonga fing an, durch regulatorische Probleme zu straucheln und in der Folge an Wert zu verlieren. Bei Lending Club sank die Bewertung nach dem Börsengang. Investoren hatten sich von dem Hype und der Euphorie um Fintech anstecken lassen. Jetzt merken sie, dass es schwerer ist als gedacht, dass man Zeit braucht und dadurch wächst die Unsicherheit. Das ist der Grund, warum die Bewertung ein wenig gesunken ist. Grundsätzlich aber sind Finanzdienstleistungen eine riesige, profitable Industrie.

Worauf schaut Ihr bei einem Fonds, bevor Ihr investiert?

Thomas Kristensen: Unser Job ist es, Muster zu erkennen und die Strategie zu verstehen. Im Idealfall will der Fonds in die gleiche Art von Unternehmen investieren, in die er bereits zuvor erfolgreich investiert hat. Wir suchen Nachweise für gute Investments. Wichtig sind erfahrene, über lange Jahre zusammenarbeitende Investoren-Teams. Wenn wir uns auf einen Fonds einlassen, geben wir ein zehn Millionen schweres Versprechen für die kommenden zehn Jahre. Die Teams arbeiten mit dem Geld die ersten drei oder vier Jahre und dann warten wir, bis sich die Investition lohnt. In diesem Zeitraum treffen wir nicht viele Entscheidungen, es sei denn, die Startups machen etwas grundlegend falsch.

Gibt es weitere Qualitäten, auf die Ihr bei Venture-Capital-Fonds achtet?

Thomas Kristensen: Als Startup muss man die Zusammenarbeit mit einem Venture-Capital-Fonds schon mögen. Immerhin holst du Kapitalgeber in deine Firma und gibst ihnen Anteile. Sie sitzen in deinem Vorstand und wollen mitentscheiden. Für einen Gründer kann das anstrengend sein. Einige VCs sind nicht sehr diplomatisch und versuchen, das Unternehmen oder die Gründer zu manipulieren. Für uns ist es deshalb wichtig, dass die Gründer mit den Venture-Capital-Fonds zusammenarbeiten und von deren Vorteilen wie Wissen, Hilfsbereitschaft und Netzwerk profitieren wollen.

Wollt Ihr beim Fonds-Management auch mitbestimmen?

Thomas Kristensen: Wir machen das schon seit 20 Jahren, haben in mehr als 100 Fonds investiert und deshalb ein gutes Gespür. Das ist keine Garantie für die Zukunft,aber wir haben bestimmte Vorstellungen. Diese teilen wir natürlich mit den Fonds, in die wir investieren. Manchmal sind wir einer Meinung, manchmal einigen wir uns auf unterschiedliche Standpunkte und manchmal trennen wir uns auch. Wir versuchen immer, konstruktiv zu sein.

Das heißt, Euer Einfluss ist gering?

Thomas Kristensen: Normalerweise haben wir keinen Einfluss. Es gibt Mechanismen, die greifen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Wir nennen sie Notbremsen. Ein Fonds läuft für zehn Jahre, wir investieren im Voraus und der Fonds kann sich bedienen. Deshalb ist es wichtig, die Investoren-Teams zu verstehen und zu wissen, was sie vorher getan haben.

„WIR GEBEN EIN ZEHN MILLIONEN SCHWERES VERSPRECHEN FÜR DIE NÄCHSTEN ZEHN JAHRE“

Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Thomas Kristensen: Bevor wir investieren, treffen wir uns bis zu 20 Mal. Manchmal dauert es Jahre, bevor man zusammenkommt. Anschließend treffen wir uns mindestens einmal, aber vorzugsweise mehrmals pro Jahr. Wir wollen sehen, wie es dem Portfolio geht, verstehen, wie das Team am Markt operiert, wo die Konkurrenz steht und so weiter – ganz normales Portfoliomanagement. Außerdem interessieren uns die Zahlen.

Wir sind heute auf der Super Venture in Berlin. Wie wichtig ist das Event?

Thomas Kristensen: Es bringt viele Menschen zusammen. Auch für uns ist es eine gute Möglichkeit, Leute aus der Branche zu treffen. Dass sich hier alle an einem Ort befinden, macht es einfacher.

Welche Events sind noch wichtig?

Thomas Kristensen: Für mich ist das hier das einzige, und ich bin zum zweiten Mal hier. Normalerweise gehen wir nicht auf Konferenzen. Den Großteil der Leute hier treffe ich sowieso im Verlauf des Jahres. Entweder besuchen wir sie oder sie uns. Aber es ist schön, die Leute in einem Raum zu haben und zu hören, was sie über die Industrie denken.

Was ist denn gerade Gesprächsthema?

Thomas Kristensen: Wir beobachten, dass das Interesse für die Asset-Klasse Venture Capital wächst. Wenn wir unsere und fremde Portfolios ansehen, erkennen wir, dass die Performance nicht nachlässt. Die Firmen sind interessant und es gibt noch viele mit Potenzial. Ich habe das Gefühl, dass das Interesse an europäischen Ventures wächst – bedingt durch gute Erträge, gute Fonds-Manager und sehr starke private Unternehmen. Dadurch wird die Asset-Klasse interessanter und mehr und mehr Menschen fangen an zu investieren.

Könnte das auch eine Blase sein?

Thomas Kristensen: Aus unserer Sicht nicht. Die Preisgestaltung ist begründet.

Es wird also noch mehr Geld in Ventures in Europa fließen?

Thomas Kristensen: Ja, dazu muss man aber wissen, dass die Venture-Asset-Klasse in Europa erst in den späten Neunzigern aufgekommen und direkt nach der Dotcom-Blase wieder abgestürzt ist. In den USA war sie bereits seit 15 Jahren im Aufbau, besaß also mehr Reife. In Europa hat es dagegen bis 2006 oder 2007 gedauert, bevor man wieder angefangen hat, in Ventures zu investieren. Um eine Firma zu einem guten Preis zu verkaufen, brauchst du aber sieben bis acht Jahre. Deshalb sehen wir erst jetzt das Resultat der ersten Build-ups aus den Jahren 2006 und 2007 und deren Gewinne. Und genau die braucht man, um größere Investoren anzulocken.

„ALS INVESTOR WÜNSCHT MAN SICH NATÜRLICH KONTINUITÄT. ABER SO FUNKTIONIERT DIE WELT NICHT“

In der Early Stage gibt es genug Geld. Später wird es schwieriger. Ändert sich das?

Thomas Kristensen: Ich denke ja. Es gibt zwar einige Unternehmen, die relativ einfach viel Geld bekommen haben. Dennoch steigen viele US-Investoren erst dann ein, wenn es sich entweder um ein sehr spezielles Startup handelt oder der Preis niedrig ist. 2014 bis 2015 waren die Preise für Later-Stage-Investitionen in den USA ziemlich hoch und viele US-Investoren kamen nach Europa. Das hat die Preise hier hoch getrieben und in den USA sinken lassen. Für europäische Startups liegt die Messlatte einfach höher: Sie müssen besser oder billiger sein. Das schafft sehr interessante Möglichkeiten in Europa.

Wie beurteilst Du die Arbeit mit Fonds in Deutschland?

Thomas Kristensen: Deutschland ist die größte Wirtschaft in Europa und – auf die Gefahr hin Stereotypen zu bestätigen – die Leute hier sind gut im Umsetzen, sie folgen Fakten und verlieben sich nicht übermäßig in fantastische Hobbyprojekte. Ich denke, die deutsche Kultur ist ziemlich geradlinig. Wenn die Zahlen es nicht hergeben, funktioniert eine Idee nicht und man geht über zum nächsten Projekt. Die Leute sind talentiert. Europäische Unternehmen wie Skype, Spotify oder Zalando sind eine Inspiration.

Glaubst Du, dass der Brexit Auswirkungen auf den Venture-Capital-Markt haben wird?

Thomas Kristensen: Es gibt im Allgemeinen viel Unsicherheit in den Märkten, auch aus politischer Sicht. Damit muss man leben. Niemand weiß bis jetzt wirklich, was der Brexit für Auswirkungen haben wird. Innovation wird es trotzdem immer geben und die Technologie wird die Produktivität und das Wachstum weiter antreiben. Wenn du in dieses Wachstum investierst, stehen die Chancen besser, die Unsicherheit langfristig zu überwinden. Als Investor mit einem Fonds, der über zehn Jahre läuft, wünscht man sich natürlich Kontinuität. Aber so funktioniert die Welt nicht. Man muss akzeptieren, dass es Schocks gibt.

Wie überwindet man die Unsicherheit?

Thomas Kristensen: Man muss einfach sicherstellen, dass man mit Partnern investiert, die einen kühlen Kopf bewahren können. Die wissen, in was und warum sie investieren wollen. Behalte die Risiken im Hinterkopf, behalte dein Umfeld im Blick, lege aber den Fokus auf das, was du tust. Das ist wichtig für uns, und unsere Investoren erwarten das ebenfalls. Wir sollten uns nicht auf der Reservebank ausruhen und warten, was der Brexit bringt. Dann könnten wir in den kommenden zwei Jahren einfach nicht investieren. Das ist auch keine Option, da wir viele gute Gelegenheiten verpassen würden.

Welchen Einfluss hat die Trump-Administration auf die Investment-Szene?

Thomas Kristensen: Wie viel Einfluss ein amerikanischer Präsident darauf haben wird, wie US-Unternehmen und US-Investoren mit europäischen Startups umgehen, wissen wir nicht. Wir müssen darauf achten, was vor sich geht und mithalten. Es gibt natürlich Unsicherheit – auch wir fühlen uns unbehaglich –, aber damit muss man umgehen, sonst dreht sich jeder im Kreis und geht zurück auf Los. Einige Leute sind enthusiastischer und andere weniger. Wir versuchen, unvoreingenommen zu bleiben.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

LGT CAPITAL PARTNERS

NAME: LGT Capital Partners
GRÜNDUNG: 1997
GRÜNDER: Familienstiftung der Familie des Fürstentums Liechtenstein
MITARBEITER: 380
STANDORT: Pfäffikon, New York, London, Dublin, Hongkong, Tokio, Peking, Dubai, Vaduz, Sydney
SERVICE: Alternatives Investment Management
URL: lgtcp.com

THOMAS KRISTENSEN

Der gebürtige Däne ist seit dem Jahr 2004 Principal bei LGT Capital Partners. Seine berufliche Karriere begann Kristensen 2002 als Analyst bei der Investitionsbank Lazard in London. Kristensen hält einen Bachelor of Science der Universität von Kopenhagen sowie einen Master of Science der Londoner Cass Business School.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 21

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