Klimawandel, Atomkrieg, Asteroideneinschlag – schon heute bauen sich paranoide Superreiche vermeintlich sichere Zufluchtsorte vor der Apokalypse. Doch was, wenn das alles nichts hilft? Wenn selbst eine unterirdische Festung auf Neuseeland keine Arche Noah ist? Ganz klar, spätestens dann muss sich die Menschheit zum Mars oder einem anderen Ersatzplaneten retten.

Menschen mit Untergangsfantasien dürfte es da sehr gelegen kommen, dass die internationale Raumfahrt nach Jahren des gefühlten Stillstands endlich wieder deutlich im Aufwind ist. Auf der Erde hatte das neue Jahr kaum begonnen, da purzelten im Weltall schon die ersten historischen Rekorde: Mit „Change’4“, einem unbemannten Raumschiff aus China, setzte Anfang Januar zum ersten Mal ein Flugobjekt auf der sagenumwobenen, erdabgewandten Seite des Mondes auf.

„Nach nur einer Mondnacht bei minus 170 Grad Celcius war der galaktische Botanikertraum schon vorbei“

Doch damit nicht genug – die Sonde hatte auch noch eine Fracht an Bord, mit der sich die Chinesen prestigeträchtig von den letzten Mondmissionen der USA und der Sowjetunion abheben wollten: Pflanzensamen. Stolz präsentierte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua Bilder aus dem Inneren eines mit Kameras präparierten Mini-Gewächshauses an Bord der „Change’4“, in dem zum ersten Mal auf der Mondoberfläche Samen keimten.

Für einen kurzen Moment hielt die Welt den Atem an: War das der Anfang der tatsächlichen Kolonisierung des Weltraums? Sollten mehr als 385.000 Kilometer von der Erde entfernt bald Tomaten und Salatköpfe wachsen?

Nach nur einer Mondnacht und Temperaturen von minus 170 Grad Celcius war der galaktische Botanikertraum allerdings schon vorbei: Der gekeimte Baumwollpflanzenspross war jämmerlich erfroren.

Noch keine Realität: Dieses Konzeptbild zeigt Astronauten und menschliche Lebensräume auf dem Mars. Foto: NASA
Noch keine Realität: Dieses Konzeptbild zeigt Astronauten und menschliche Lebensräume auf dem Mars. Foto: NASA

Ist der erste Mensch auf dem Mars ein Chinese?

Dass die chinesischen Wissenschaftler angesichts dieses Misserfolgs ein trübseliges Gesicht machten wie Kleingärtner Matt Damon, dessen letzte Kartoffeln im Hollywood-Blockbuster „Der Marsianer“ ebenfalls dem Schockfrost erlagen, ist unwahrscheinlich. Ihr Motiv war ein anderes: Die Welt weiß nun endgültig, dass es die Volksrepublik China mit der Raumfahrt ernst meint.

Pekings Langzeitpläne, in den 2030er-Jahren einen bemannten Außenposten auf dem Mond zu errichten, erscheinen plötzlich ebenso realistisch wie seine für 2020 geplante unbemannte Mars-Mission. Und über all dem schwebt die Frage: Wird der erste Mensch auf dem Mars am Ende womöglich die chinesische Flagge hissen? Dann wäre Xi Jinping der neue John F. Kennedy der Raumfahrt.

Das asiatische Weltraumfieber markiert, genau 50 Jahre, nachdem Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, ein neues globales Wettrüsten um die Vorherrschaft im All. Während China ein ambitioniertes staatliches Langzeitprogramm im Sinne seines neuen Selbstverständnisses als Weltmacht verfolgt und sich dabei durchaus offen für internationale Kooperationen zeigt, fällt auf, dass in den USA und anderen westlichen Ländern immer häufiger kleinere private Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Startups Entwicklungen in der Raumfahrt-Technologie vorantreiben.

Berühmteste Vorreiter: Elon Musks 2002 gegründetes Unternehmen SpaceX (Space Exploration Technologies Corporation), das sich mit der Trägerrakete „Falcon 9“ und dem Raumschiff „Dragon“ als entscheidender Versorger der Internationalen Raumstation (ISS) etabliert hat, sowie Blue Origin, die 2000 gegründete Raumfahrtfirma des reichsten Menschen der Welt, Amazon-Gründer Jeff Bezos.

„Es wird viele Ideen und viele Stimmen brauchen“

Nach Angaben der Investmentfirma Space Angels haben Privatinvestoren aus 120 Risikokapitalgesellschaften 2017 fast vier Milliarden Dollar in weltraumrelevante Startups gesteckt. Eine Entwicklung, die der NASA gerade recht kommt, ist sie angesichts stagnierender oder sogar schrumpfender Budgets doch auf eine stückweise Privatisierung der Raumfahrt angewiesen, um mit den Chinesen langfristig mithalten zu können.

So startete die US-Raumfahrtbehörde bereits vor vier Jahren das Programm iTech, in dem – inspiriert durch die erfolgreiche Fernsehserie „Shark Tank“ des US-Senders ABC – Entrepreneure um die Gunst von Investoren werben. Ziel der NASA-Initiative ist es, Lösungen für kritische Technologiebereiche zu finden, wobei aktuell folgende Punkte als relevant benannt werden:

  • Big Data & Data Mining
  • künstliche Intelligenz
  • autonome Roboterfähigkeiten
  • revolutionäre Kommunikationskonzepte
  • medizinische Durchbrüche und X-Faktor-Innovationen (Lösungen für unbestimmte zukünftige Herausforderungen)

Unter den 2018 für iTech nominierten Startups befanden sich Roboter-Hersteller (Apptronik, Artimus Robotics), KI-Programmierer (Spectrabotics LLC) sowie Experten für die Wasseraufbereitung (Danish Aerospace Company) und die Verwendung von Ionen als Energiequelle (Ion Power Group).

Infrastruktur auf dem Mars

„Wenn wir endlich eine Person auf den Mars bringen, wundern Sie sich nicht, wenn viele der Maschinen und Geräte, die dies ermöglichen, mit Firmennamen und Logos versehen sind, von denen Sie noch nie gehört haben“, betonen Ellis Talton und Remington Tonar, die Gründer der Führungskräfte-Plattform StateOf, in einem gemeinsamen Beitrag für das Wirtschaftsmagazin Forbes. „So wie es Hunderte von Unternehmen jeder Größe braucht, um unsere physische Infrastruktur hier auf der Erde zu schaffen und zu erhalten, so wird es auch viele Ideen und viele Stimmen brauchen, um eine Infrastruktur auf dem Mars aufzubauen, die die Erforschung und letztlich die Bewohnbarkeit unterstützt.“

Der Curiosity Mars Rover. Foto: NASA
Der Curiosity Mars Rover. Foto: NASA

Europäische Weltraumorganisation setzt auf Berliner Startup

Dass das „New Space“ genannte privatwirtschaftliche All-Engagement auch in Europa angekommen ist, unterstrich die European Space Agency (ESA) zuletzt mehrfach. So kamen beim Raumfahrtkongress International Astronautical Congress in Bremen unlängst 6.000 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik unter dem Motto „Involving everyone“ zusammen.

Als führende deutsche New-Space-Hoffnung war da bei der Audi Lunar Quattro (ALQ) des Berliner Startups PTScientists auf großer Bühne zu erleben. Ausgestattet mit einer elektrischen Allradkette, neigbaren Solarmodulen, wiederaufladbaren Batterien und hochauflösenden Kameras soll der Rover bei künftigen Mondmissionen eine Reihe wissenschaftlicher und technologischer Nutzlasten transportieren und einsetzen.

Außerdem wollen die Berliner ihr autonomes Landemodul ALINA (Autonomous Landing and Navigation Module) auf dem Mond einsetzen. Eine entsprechende konkrete Zusammenarbeit mit PTScientists gab die ESA Ende Januar im Rahmen der Ankündigung der Mission „In space, in situ resource use“ (ISRU) bekannt.

„Die Nutzung der Weltraumressourcen könnte ein Schlüssel zu einer nachhaltigen Monderforschung sein“, sagte David Parker, ESA-Direktor für den Bereich „Human & Robotic Exploration“, bei der Vorstellung von ISRU.

„Mittlerweile können sich sogar Studenten einen Satelliten leisten“ (Daniel Metzler, Mitgründer von Isar Aerospace)

Mars. Foto: NASA
Mars. Foto: NASA

Robert Böhme, CEO und Mitgründer der in Berlin-Marzahn ansässigen PTScientists – einem Team aus ehemaligen Hobby-Raumfahrern, die sich 2008 zusammengeschlossen hatten, um beim Google-Wettbewerb „Lunar X-Prize“ teilzunehmen –, betonte in diesem Zusammenhang: „Wir freuen uns sehr über das Vertrauen, das uns die Europäische Weltraumorganisation ESA entgegengebracht hat. Die Vergabe der ISRU-Studie an das starke Konsortium aus ArianeGroup, dem belgischen Unternehmen Space Applications Services und PTScientists unterstreicht den aktuellen Wandel in der Raumfahrtindustrie.“

Als weiterer wichtiger deutscher New-Space-Vertreter gilt die Isar Aerospace Technologies GmbH aus Gilching bei München, die 2018 im Rahmen einer Beteiligung mehrere Investoren mit an Bord holen konnte, darunter die Venture Capital Fonds Vito Ventures und UVC Partners sowie den ehemaligen SpaceX-Manager Bulent Altan. Das Startup will den Antrieb für kleinere Trägerraketen, den sogenannten Microlauncher, effizienter machen und entwirft dafür Raketenmotoren, die anstelle hochtoxischer Stoffe wie Salpetersäure mit flüssigem Sauerstoff funktionieren.

„Wir entwickeln den Antrieb am Rande des technisch Machbaren, erhöhen die Effizienz und senken gleichzeitig die Emissionen im Vergleich zu Kerosin“, betont Daniel Metzler, der Isar Aerospace im Frühjahr 2018 zusammen mit Markus Brandl und Josef Fleischmann gegründet hat. Die Raumfahrt, so Metzler, sei im Grunde eine Industrie wie jede andere, in der viel Geld verdient werden könne. Dabei schätzt er das weltweite Volumen auf derzeit rund 340 Milliarden Euro pro Jahr.

Besonders lukrativ seien etwa die Erdbeobachtung, die Überwachung des Flugverkehrs oder Internet-Satelliten. Dass im Weltall-Business verstärkt private Unternehmen mitmischen, führt der Gründer vor allem auf den vereinfachten Zugang zu kostengünstigen Technologien zurück. „Mit der Standardisierung sogenannter Cubesats können sich mittlerweile sogar Studentengruppen ihre eigenen Satelliten leisten.

Risikokapital ermöglicht es, die anfangs hohen Kosten für die Entwicklung zu finanzieren und eine Vielzahl dieser Satelliten in den Orbit zu transportieren“, sagt Metzler. Dabei würde sich der 26-Jährige durchaus mehr staatliche Unterstützung für New-Space-Unternehmen in Deutschland wünschen: „Beinahe alle Raumfahrtnationen fördern mit dedizierten Fonds nationale Raumfahrt-Startups: Japan, Frankreich, Italien, Großbritannien sowie die USA über NASA und Air Force. Deutschland braucht unbedingt einen nationalen Fonds, um den Technologieanschluss nicht zu verlieren. Dieses Kapital sollte sowohl für die Entwicklung von – politischen – Kerntechnologien als auch für junge, innovative Firmengründungen zur Verfügung gestellt werden.“

Aber auch deutsche Gründer seien in Sachen Raumfahrt noch zögerlicher als jene in den USA, findet Metzler. „Ich hoffe, dass sich das über die nächsten Jahre etwas ausgleicht. Bis dahin halte ich Ausschau nach deutschen Firmen wie Orora.tech, die ihre eigene Satellitenkonstellation planen, oder Cloudeo, die Satellitendaten intelligent nutzen und verarbeiten.“

Ein gutes Beispiel, wie sehr die Volksrepublik China sowohl in staatliche als auch private Unternehmen investiere, um gegenüber dem Westen einen Technologievorsprung aufzuholen, sei das chinesische Positionierungssystem Beidou. „Mit dem spielen sie weltweit ganz vorne mit“, sagt Metzler und fügt hinzu: „In Europa und besonders in Deutschland sollten wir aufpassen, dass wir die vielen neuen Entwicklungen in der Raumfahrt nicht wieder versäumen.“