Egal, was wir Menschen tun – Müll verbrennen, das Bruttosozialprodukt ankurbeln, Auto fahren, fliegen oder schlichtweg atmen – wir produzieren CO2. Und zwar viel zu viel davon. Lösungen, die darauf setzen, CO2-bedingte Luftverschmutzung so weit wie möglich zu vermeiden, zählen natürlich weiterhin zu den besten, reichen aber längst nicht mehr aus.

Jetzt kommen weltweit neue Technologien auf den Markt, die Kohlendioxid und andere schädliche Gase und Partikel aus der Luft filtern, binden und teils sogar in hochwertige Materialien wie etwa Baustoffe upcyceln. In den USA wurden jüngst sogar die Steuervergünstigungen für diese sogenannten Carbon-Capture-Technologien erhöht. Große Firmen wie Shell und Chevron arbeiten an Carbon-Capture-Projekten.

11,6 TONNEN CO₂ WERDEN TÄGLICH PRO KOPF IN DEUTSCHLAND ERZEUGT. DAS IST DER INHALT VON 6.000 LUFTBALLONS Quelle: co2online, 2017

Und Bill Gates höchstpersönlich ist in Carbon Engineering investiert. Das kanadische Startup-Unternehmen hat mit Air to Fuels eine Technologie entwickelt, die CO2-Emissionen aus der Luft filtern und über einen Synthese-Prozess in Treibstoff umwandeln kann. Mit Carbon Thermostat will Gründerin Graciela Chichilnisky, die an dem im Rahmen des Kyoto-Protokolls entwickelten Emissionshandel beteiligt war, die CO2-Bilanz sogar komplett umdrehen.

Schätzungen zufolge schafft es die Carbon-Capture-Technologie, rund 2,2 Kilogramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde zu filtern. Das ist etwa doppelt so viel, wie bei gleichwertiger Energieerzeugung durch die Verbrennung von Kohle generiert wird. CO2-Upcycling Leider hat auch Carbon Capture seinen Preis, und der liegt laut Bloomberg derzeit bei 200 US-Dollar pro Kilowattstunde, soll jedoch weiter fallen.

IN ACHT JAHREN WÄRE UNSER CARBON-BUDGET AUFGEBRAUCHT, WOLLTEN WIR DEN TEMPERATURANSTIEG AUF 1,5 GRAD CELSIUS BESCHRÄNKEN Quelle: MCC, 2019

Zusätzlich wird an Möglichkeiten gearbeitet, um das der Atmosphäre entzogene CO2-Gas sinnvoll weiterzuverwenden und so sogar Gewinne durch Carbon Capture zu generieren. Newlight aus Kalifornien liefert schon heute Bioplastik an Ikea, das aus Treibhausgasen hergestellt ist. Mineral Carbonation International aus Australien oder C4X aus China verwerten CO2 zur Herstellung von Baustoffen.

Novonutrients konvertiert Industrieabgase zu Fischfutter. Soletair aus Finnland, Aljadix in der Schweiz und Breathe aus Indien nutzen CO2 als Rohstoff für die Produktion von Treibstoff. Weitere Vorschläge kommen aus Quebec von CO2-Solutions, die ihre auf Enzymen basierende Filtertechnologie als industrielle Lunge bezeichnen. So kann Kohlendioxid in Treibhäusern, bei der Seifen- und Papierherstellung oder für die Zucht von Algenkulturen verwendet werden, wie es etwa Simris in Schweden macht. Einige spannende Carbon Capture Startups stellen wir euch nachfolgend vor.

Climeworks

Carbon-Capture-Pionier

Climeworks hat eine kommerzielle Direct-Air-Capture-(DAC-)Technologie entwickelt, mittels der CO2 direkt aus der Umgebungsluft gefiltert werden kann. Die Anlagen sind modular, skalierbar und können in Massenproduktion gefertigt werden.

Das gefilterte, reine CO2-Gas wird an Kunden in großen Absatzmärkten verkauft, darunter an die kommerzielle Landwirtschaft, die Lebensmittelindustrie, den Energiesektor sowie die Automobilbranche. Climeworks-Kunden nutzen CO2 beispielsweise für kohlesäurehaltige Getränke oder zur Herstellung CO2-neutraler synthetischer Kraftstoffe.

Branche: Cleantech
Kommerziellen Filterung von CO₂ aus der Luft
Gründer: Christoph Gebald und Dr. Jan Wurzbacher
Gründungsjahr: 2009
Firmensitz: Zürich
Mitarbeiter: 65
climeworks.com

Climeworks-Gründer Christoph Gebald und Jan Wurzbacher. Foto: Climeworks
Climeworks-Gründer Christoph Gebald und Jan Wurzbacher. Foto: Climeworks

Nuventura

Stromversorgung ohne SF6

Nuventura hat sich auf die Beseitigung von SF6 spezialisiert, eines der schädlichsten Treibhausgase. 80 Prozent des SF6-Gases werden in Schaltanlagen eingesetzt, einem wesentlichen Bestandteil des Stromnetzes. Die Schaltanlagen von Nuventura benutzen statt SF6 einfach trockene Luft.

Bereits 2014 hatte die EU ein Verbot für SF6 erlassen – mit Ausnahme der Stromindustrie. Zu diesem Zeitpunkt gab es schlicht keine Alternativen. Ein komplettes Verbot von SF6 wird EU-weit diskutiert. Nuventura betreibt erfolgreich ein erstes Pilotprojekt mit Westnetz/Innogy.

Branche: Cleantech;
Stromversorgung ohne SF6 – einem der schädlichsten Treibhausgase
Gründer: Fabian Lemke (Co-Founder & Managing Director), Manjunath Ramesh (Co-Founder & Managing Director), Nikolaus Thomale (Co-Founder & Operative Counsel)
Gründungsjahr: 2017
Firmensitz: Berlin
Mitarbeiter: 9
Investoren: privat
nuventura.com

Nuventura hat sich auf die Beseitigung von SF6 spezialisiert. Foto: Nuventura
Nuventura hat sich auf die Beseitigung von SF6 spezialisiert. Foto: Nuventura

Made of Air

CO₂ konvertieren

Made of Air (MOA) besteht zu 90 Prozent aus CO2 in Form von Biokohle. Diese kohlenstoffreiche Substanz wird durch die Pyrolyse (Verbrennung in einer sauerstofffreien Umgebung) von Abfallbiomasse aus der Forst- und Landwirtschaft produziert, wobei die dabei entstehende Wärme gespeichert oder in Elektroenergie umgewandelt werden kann.

Das Produkt selbst, genannt MOA, kann dank seiner thermoplastischen Eigenschaft in nahezu jede beliebige Form gebracht werden. MOA eignet sich als klimafreundliche Baustoff-Alternative, etwa für Gebäudefassaden, Möbel oder Innenräume. Mit Elegant Embellishment haben die Gründer bereits eine modular zusammensetzbare Fassade auf den Markt gebracht, die Schadstoffe aus der Luft absorbiert.

Branche: Cleantech/Biomaterialien
CO₂ in umweltfreundliche Materialien konvertieren
Gründer: Allison Dring, Daniel Schwaag
Gründungsjahr: 2016
Firmensitz: Berlin
Mitarbeiter: 7
Investoren: Ausgründung von Elegant Embellishments Limited
madeofair.com
elegantembellishments.net

Fassaden, die schön aussehen und für saubere Luft sorgen. Foto: Made of Air
Fassaden, die schön aussehen und für saubere Luft sorgen. Foto: Made of Air