Ohne Frage: Das digitale Mindset Estlands ist ein hervorragender Nährboden für eine stetig wachsende Startup-Szene, die sich inzwischen einen internationalen Ruf erworben hat. Es gibt wahrscheinlich kein Land auf dieser Welt, bei dem man den Beginn des Startup-Booms so klar datieren kann wie in Estland. Der Erfolg der Startup-Szene Estlands ist eng mit der Firma Skype Technologies verbunden, die im Juli 2003 von dem schwedischen Unternehmer Niklas Zennström und dem dänischen Unternehmer Janus Friis gegründet wurde. Die eigentliche Software des kostenlosen Messaging-Dienstes (ursprünglicher Name: Skyper 1.0) wurde von den Esten Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn entwickelt, die auch gemeinsam mit Niklas Zennström und Janus Friis die Filesharing-Software Kazaa entwickelt hatten.

Der Kazaa- und Skype-Mitentwickler Niklas Zennström leitet heute die Investmentgesellschaft Atomico
Der Kazaa- und Skype-Mitentwickler Niklas Zennström leitet heute die Investmentgesellschaft Atomico (Bild: Niklas Zennström)

Skype – der Urknall

Skype ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte für Estland. Der Verkauf spülte viel Kapital in die baltische Republik und war ein internationales Ausrufezeichen. Im September 2005 wurde Skype für 3,1 Milliarden Dollar von Ebay übernommen. 2,6 Milliarden Dollar wurden sofort gezahlt, der Rest als Aktien, verteilt auf die Jahre 2008 und 2009. Im Mai 2011 wurde Skype für 8,5 Milliarden Dollar an Microsoft weiterverkauft. Zu diesem Zeitpunkt war es die teuerste Übernahme in der Geschichte von Microsoft. Den Skype-Erfindern gelang es, bei den Transaktionen doppelt abzukassieren: beim Verkauf an Ebay, und dann, als Ebay weiterverkaufen wollte, erwarben die Gründer nach einem hässlichen Schlagabtausch um angebliche Urheberrechtsverletzungen 14 Prozent von Skype zurück – zu einem geheimen Preis. Für diesen Anteil erhalten sie rund 1,2 Milliarden Dollar. Zennström betreibt heute die Investmentfirma Atomico, deren vierter Fonds gerade mit 765 Millionen Dollar aufgelegt wurde. Atomico ist im baltischen Raum sehr aktiv. Das Skype-Gründerteam wird in Estland augenzwinkernd als Skype-Mafia bekannt (skypemafia.com).

#Estonian Ma a: So nennt sich die Startup-Szene in Estland.
#Estonian Mafia: So nennt sich die Startup-Szene in Estland (Bild: startupestonia.ee)

Für viele Investoren ist Estland ein ernstzunehmender Startup-Hub. Wie in den meisten anderen osteuropäischen Startup-Hubs (Warschau, Budapest, Bratislava, Riga oder Prag) brodelt dort eine besondere Mischung aus Unternehmergeist, Veränderungsdrang und Professionalität. Estland rangiert weltweit unter den Top-21-Ländern des Weltbank-Reports „Doing Business 2017“ und ist laut diesem gekennzeichnet von einer besonderen Unternehmenskultur, niedrigen Zinsen, großartiger Infrastruktur und einem unternehmensfreundlichen Steuer- und Rechtssystem. Mit Skype, Transferwise, Pipedrive, Nortal, CloutexClick & Grow, Grabcad, Erply, Fortumo, Lingvist und nun Starship Technologies gibt es zahlreiche Leuchtturm-Unternehmen, die wiederum internationale Talente anziehen. Mit Latitude59 existiert eine wichtige Tech-Konferenz, die dieses Jahr zum zehnten Mal stattfindet (25. und 26. Mai 2017) und circa 1500 Besucher anziehen wird.

Auffällige Fassade: das Hauptquartier der CRM-Softwarefirma Pipedrive (Bild: Pipedrive)
Auffällige Fassade: das Hauptquartier der CRM-Softwarefirma Pipedrive (Bild: Pipedrive)

Insgesamt 13 Accelerator helfen jungen Startups bei der Gründung. Die Initiative Startup Estonia ist ein kompetenter Anlaufpunkt für alle Unternehmer und Investoren. Sämtliche Startups in Estland sind dort aufgeführt, inklusive vieler Zusatzinformationen. Außerdem müssen wegen der geringen Größe des Heimatmarktes estländische Startups von Anfang an international denken. Dank dieser Voraussetzungen sind in den letzten Jahren einige international bedeutsame Firmen entstanden. Doch auch der umgekehrte Weg wird angestrebt: Seit Anfang 2017 gibt es das Startup-Visa-Programm, das es Nicht-EU-Bürgern erleichtern soll, ein Unternehmen in Estland zu gründen.

ESTLAND: STARTUPS TO WATCH

Eine Auswahl an jüngeren Startups aus Estland, die Ihr kennen solltet.

  • Pipedrive ist ein weltweit bekanntes CRM – einer der Shootingstars aus Estland. pipedrive.com
  • Weps ist ein Chatbot, mit dessen Hilfe man Webseiten in zwei Minuten erstellen kann. getweps.com
  • Funderbeam ist eine Crowdinvesting-Plattform – eine Mischung aus Nasdaq, Angellist und CBInsights. funderbeam.com
  • Barking hilft bei der Verwaltung und beim Finden von Parkplätzen. barking.ee
  • Toggl ist ein auch in Deutschland inzwischen bekanntes Timetracking-Tool. toggl.com
  • Nordic Automation Systems (NAS) bietet eine einzigartige End-to-End- Internet-of-Things-Lösung an. nasys.no
  • Testlio ist eine Software-Testing-Plattform mit Kunden wie Microsoft, Lyft, Salesforce und CBS Interactive. testlio.com
  • Zeroturnaround ist eine Plattform für Entwickler, die bereits knapp 15 Millionen Dollar einsammeln konnte. zeroturnaround.com

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 22

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2 Kommentare auf "Startup-Szene Estland: „Ein ernstzunehmender Startup-Hub“"

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