Das 2016 gegründete Yair (Your Art Is Reality) sichert den Zugang und die Wertigkeit digitaler Kunstwerke durch die Blockchain-Technologie und macht somit digitale Kunst für den Kunstmarkt zugänglich.

Kunst und Tech: Wie passt das zusammen?

Florian: Im weitesten Sinne passt das eigentlich sehr gut. Eines der ersten digitalen Kunstwerke ist von Andy Warhol 1985 erschaffen worden. Trotzdem hat digitale Kunst 33 Jahre später immer noch nicht so richtig abgehoben. Das liegt hauptsächlich daran, dass bei digitaler Kunst keine Scarcity (Knappheit) vorhanden ist. In dem Fall gibt es sowieso nur ein Papier als Zertifikat, dass man das Kunstwerk hält. Das ist wiederum relativ leicht fälschbar. Deshalb haben viele Leute bis heute sehr große Bedenken, so ein digitales Kunstwerk zu kaufen.

Rufus: Wir wollen digitaler Kunst die Möglichkeit verschaffen, so verrückt hohe Preise wie in der analogen Malerei oder Skulptur zu erlangen. Um das hinzukriegen, ist diese Scarcity notwendig. Genau daran arbeiten wir, um den Markt auf der einen Seite nach vorne zu bringen und auf der anderen Seite darüber jungen Künstlern den Weg zu ebnen, mit diesem Medium eine professionelle Karriere zu starten.

Florian: Die Technologie zieht nämlich momentan mit, sodass in dem Bereich neue Chancen entstehen. Unser Ansatz mit Yair ist, Kunstwerke mit der Blockchain-Technologie so zu erstellen, dass sie eine Knappheit haben, wie auch einen sogenannten „immutable record“. Dadurch entsteht eine einwandfreie Provenienz.

“Wir machen digitale Kunst mit Blockchain marktfähig”

Hinter YAIR stand aber ursprünglich eine andere Idee.

Leo: Wir haben lange getüftelt, das stimmt. Damals, also 2016, war unser erstes Projekt, eine App und Kunst zusammenzubringen. Das wollten wir mit Charity verbinden. Blockchain war zu dem Zeitpunkt noch nicht so ganz greifbar. Letztlich ist es aber am Geld gescheitert, das erste Projekt überlebensfähig zu machen.

Wie kam das neue YAIR zustande?

Florian: Wir hatten von Anfang an den Wunsch, Kunst zu demokratisieren. High-End-Art ist ein sehr geschlossener Kreis. Da muss man für ein Kunstwerk mindestens 15.000 Euro auf den Tisch packen, um irgendwie mitspielen zu können. Wir haben uns gefragt, warum das so ist. Warum kann nicht Kunst offener gestaltet werden?

Leo: Wie können alle daran teilhaben, die kunstaffin sind? Zwischen Kunststudenten und großen Sammlern klafft eine riesige Lücke. Wir sind dann bei digitaler Kunst gelandet. Heutzutage sind wir genau an dem Punkt, wo man immer besser werdende Hardware-Technologie wie zum Beispiel Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) gut in den Markt bringen kann: Die Leute sind schon technikaffin. Künstlern bietet das Möglichkeiten, Betrachter komplett in ihr Werk hereinzuholen. Wir sehen da eine große Chance, digitaler Kunst eine Plattform zu schaffen.

Mögliches Kunstwerk auf der Yair Plattform
Ein Yair-Kunstwerk entsteht aus der Zusammenarbeit zwischen einem bekannten Künstler, wie hier Robert Montgomery, und dem Produktionsteam von Yair.

Und wie?

Florian: Blockchain bietet sich dafür als perfekte Technologie an. Die Kunst wird an die Blockchain angeschlossen: Ein Werk wird erstellt und hat eine hard-capped Anzahl an Tokens. In diesen Artwork Tokens wird ein Encryption Key eingebaut. So wird das Kunstwerk gespeichert. Wenn das System registriert, dass du den Token besitzt, kannst du auf die Datei zugreifen. Wie viel dir davon gehört, kommt darauf an, wie viele Tokens du im Initial Art Offering (IAO) eins zu eins kostenlos getauscht hast. Das ist ein 24-stündiges Zeitfenster, wo das Kunstwerk auf die Plattform geschaltet wird, und alle können ihre Yair-Tokens gegen Anteile am Kunstwerk eintauschen. Wenn jemand alle Tokens eines Werks besitzen könnte, würde es ihm ganz gehören. Für den Zugriff ist die Größe des Eigenanteils aber egal. Sofern man mindestens einen Token besitzt, damit also vielleicht 0,0002 % des Kunstwerks, hat man die Viewing Rights (Sichtrechte). Somit kann jeder daran teilhaben, der ein paar Euro klein hat – bis hin zu Hunderttausenden, also bis hin zum Sammler. Wir vereinen beide Zielgruppen.

„The Art is the Token. The Token is the Product. The Product is the Art.“

Rufus: Genau. Mit Blockchain machen wir digitale Kunst marktfähig und zugänglicher. Marktfähig, weil wir die Werke damit knapp halten. Wir bauen da außerdem ein Royalty-System drauf, sodass der Künstler selbst, und später seine Ur-Enkel, mit jedem Wiederverkauf einen kleinen Anteil erhält. Das sehen wir als Dienst an die Kunstwelt.

Auf eurer Website steht: The art is the token. The token is the product. The product is the art. Wie funktioniert das?

Florian: Das Kunstwerk ist unveränderlich mit einem Token verknüpft. Mit deinem eigenen Token bist du dennoch relativ flexibel: Hast du ihn einmal auf ein Werk gesetzt, muss er nicht dort bleiben. Du könntest ihn auf unseren Marktplatz stellen und deinen Anteil an jemand anderen verkaufen. Du könntest ihn auch direkt in ein anderes Kunstwerk packen, dann fällt dein ursprünglicher Anteil auf die anderen noch bestehenden Tokens zurück. Wenn du den Token hältst, kann es also andersrum so sein, dass du über die Zeit mehr Anteile am Werk bekommst. Im Endeffekt geht es darum, ein Teil davon zu sein.

Wie sieht eurer Geschäftsmodell aus?

Florian: Wir planen nun einen Airdrop. Das bedeutet in der Kryptowelt, dass wir Tokens verschenken. Dazu muss man wissen, dass wir von Aeternity durch ihr Incubator-Programm Seed-Funding bekommen haben. Auf deren Blockchain bauen wir unser Produkt. Wir werden jetzt jedem, der auf der Aeternity Blockchain Tokens hat, auch Yair-Tokens schenken. Dann auch anderen Blockchain-Partnern, da gibt es schon große Communitys von bis zu 140.000 Usern: eine Menge Interessenten für Blockchain und Kunst. Wir verschenken also die Tokens erstmal und packen sehr wertige Werke drauf, die teilweise über 500.000 Euro kosten können. Über die Zeit entwickelt sich dann ein Marktpreis. Sobald das passiert, haben wir die Möglichkeit, einen Teil der Tokens wieder in Fiatgeld umzuwandeln und Angestellte damit zu bezahlen.

Wir „minen“, indem wir neue Kunst auf die Plattform stellen und eine Anzahl von neuen Tokens bei diesem Prozess erstellen, die einer Base Valuation (Grundwert) des Kunstwerks
entsprechen.

Leo: Das hört sich komplex an, aber der Branding-Prozess wird dem User über die App ganz leicht gemacht. Das klassische Business-Modell ist so: Der Künstler bekommt 50 Prozent. Wir arbeiten mit Galerien zusammen, weil wir auch mit Künstlern von großen Galerien, die die Kunst auch ausstellen dürfen, arbeiten. Wenn eine Galerie also mitarbeitet, bekommt sie 15 Prozent. Wir nehmen uns 35 Prozent raus, weil wir die Produktionskosten der Kunst tragen.

„Jeder wird überall auf Kunst zugreifen können“

Wie sieht Kunst dann in zehn Jahren aus?

Rufus: Kunst existiert in zehn Jahren auf einer Augmented-Reality-Ebene. Man kann von überall auf sie zugreifen, wenn man ein bisschen Technologie zur Hand hat. Statt in den Händen einer kleinen Elite zu sein, wird jeder ein Stück Kunst besitzen können.

Florian: Analoge Kunst wird es trotzdem immer geben. Bei unserem Projekt geht es nur darum, die Kunstsparte, die es seit fast 40 Jahren gibt, zu fördern und ihr eine Basis zu erschaffen. Digitale Kunst ist noch nicht abgehoben, weil es schwierig ist, sie zu verkaufen und wiederzuverkaufen, aber sie holt auf – an Wertigkeit und Popularität. Das ist ein Generationsdenken. Unsere Vision ist, dass Kunst öffentlich zugänglich und weiter verbreitet ist und dass sie mehr Menschen interessiert. Das, was uns in hundert Jahren bleibt, ist Kunst und Kultur.

Das Team hinter Yair
Das Team hinter Yair (v.L.): Kay Pieper, Lovis Leonardo Lüpertz, Florian Braeunig, Laura Braeunig, Rufus Lane

Das Gespräch führte Cosima Justus.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 30