Airbnb und Uber haben die Art, wie wir Unterkünfte auf Reisen buchen oder Fahrdienste nutzen, radikal verändert. Dabei hat die kollaborative Wirtschaft (Sharing Economy) einige Geschäftsmodelle in Bedrängnis gebracht und überall auf der Welt nicht nur etablierte Anbieter wie Hotelbesitzer und Taxiunternehmer gegen sich aufgebracht, sondern auch die Politik. Die hat mit einer Flut von Regeln und Verboten auf die neuen Angebote reagiert. Nun bekommen die Unternehmen Rückendeckung aus Brüssel. Zugleich wachsen aber neue Anbieter heran, die ihrerseits die Geschäftsmodelle von Uber, Airbnb und anderen zentralisierten Plattformen bedrohen.

Neue Leitlinien von der EU

Anfang Juni legte die EU-Kommission in Brüssel in der „Europäischen Agenda für die kollaborative Wirtschaft“ Leitlinien vor, wie das bestehende EU-Recht in dem sich schnell entwickelnden Bereich angewandt werden solle. Nach Einschätzung der Kommission lag der EU-weite Bruttoumsatz der kollaborativen Wirtschaft in 2015 bei 28 Milliarden Euro – was fast doppelt so viel ist wie im Vorjahr. Die Kommission will nun für eine „ausgewogene und nachhaltige Entwicklung dieser neuen Geschäftsmodelle“ sorgen und ruft die Mitgliedstaaten auf, „ihre Vorschriften vor diesem Hintergrund zu prüfen“.

Während die Politiker der Europäischen Union sich nun um faire Regeln für die großen Player bemühen, sehen sich diese einer Herausforderung aus einer ganz anderen Richtung gegenüber: dezentrale Peer-to-peer-Netzwerke, die auf Basis von Blockchain funktionieren. Blockchain, bekannt durch die Kryptowährung Bitcoin, ist eine auf viele Rechner verteilte Datenbank, die durch kryptografische Verfahren und eine dezentrale kollektive Verarbeitung sicherstellt, dass alle Transaktionen in ihr fälschungssicher gespeichert sind.

Ein Beispiel ist das US-Startup Arcade City, das von sich selbst sagt, tausendmal besser als Uber zu sein. „Was ist, wenn Fahrer und Mitfahrer sich untereinander verbinden können, ohne einen Mittelsmann wie Uber?“, fragen die Macher auf ihrer Website und kündigen an, dass die Tage von Uber gezählt seien. Viel mehr als eine Facebook-Seite und eine App existieren noch nicht. Doch in vielen Städten der USA, vor allem dort, wo Uber von den Stadtverwaltungen verboten wurde, kommen Fahrer und Mitfahrer nun über Arcade City zusammen. Gründer Christopher David aus Portsmouth, New Hampshire, war früher selbst Uber-Fahrer. Im Mai hat er in Berlin beim GTEC Blockchain Innovation Award 20.000 Euro für den ersten Platz gewonnen und versucht gerade, eine Finanzierung über zwei Millionen Dollar einzuwerben.

Private Flatsharing Plattformen im Vergleich / Blockchain
Private Sharing Plattformen im Vergleich (Grafik: Berlin Valley)

Ein anderes Beispiel ist das Startup Slock.it aus Mittweida in Sachsen. Die drei Gründer Simon und Christoph Jentzsch sowie Stephan Tual arbeiten ebenfalls an einer Plattform, auf der man mieten, kaufen oder teilen kann – ohne Mittelsmann. „Wir waren viel unterwegs, haben Airbnb genutzt und die Schlüsselübergabe war für uns oft ein Problem. Wir dachten, das kann man doch auch einfacher machen“, sagt Simon Jentzsch. So haben sie ein smartes Türschloss entwickelt. „Schlösser haben viel mit Vertrauen zu tun“, sagt Jentzsch. Das soll über die Blockchain hergestellt werden. „Einen Mittelsmann wie Airbnb brauchen wir dann nicht mehr.“

Blockchain soll vertrauen schaffen

Menschen steigen in Autos von Fremden oder wohnen in fremden Wohnungen, ohne den Besitzer zu kennen – das war früher kaum vorstellbar. Plattformen wie Airbnb und Uber haben jedoch über ihre Systeme für die nötige Transparenz und das nötige Vertrauen gesorgt. „Darauf basiert ihr Geschäftsmodell“, sagt Christian Neumann von der Unternehmensberatung EY. „Und dafür verlangen sie eine Gebühr. Blockchain bietet die gleiche Funktion, aber für weit weniger Kosten an und bietet zusätzlich volle Transparenz.“ Heute gebe sich der Nutzer in die Hände von Plattformen wie Airbnb und Uber, sehe aber das darunter liegende System nicht. Ein Nutzer hat nicht die volle Transparenz und müsse hinnehmen, dass der Betreiber der Plattform die Regeln nach seinem Willen ändert. „In einer Blockchain-Welt können die Regeln nicht durch den Eigentümer der Plattform überschrieben werden“, sagt Neumann.

„Die Kraft der Blockchain liegt im verteilten, autonomen, das heißt vor allem nicht-zentralen Abwickeln“, sagt Jörg Blumtritt, Gründer des Münchner Big-Data-Startups Datarella. Dabei seien die Transaktionskosten so gering, dass die Geschäftsmodelle für zentralistische Plattformen schwierig werden. „Blockchain kann für die ,Welt der Dinge’ ähnlich Wirken, wie das Web für die Medien: Die alten Geschäftsmodelle werden über den Haufen geworfen, ohne dass sie direkt durch vergleichbare Angebote ersetzt werden. Es werden vielmehr ganz neue Angebote entstehen.“ Für alle Angebote, deren Wertschöpfung in einer zentralen, digitalen Dienstleistung liege – sei es in Form von Kontoführung oder Zahlungsabwicklung, Identitätsmanagement oder Authentifizierung, Verteilen von Aufgaben oder Risiken –, werde es mit der Blockchain als Konkurrenz schwierig werden. Allerdings gibt er zu bedenken: „Technologie löst unmittelbar weder juristische noch gesellschaftliche Probleme. Vertragsrecht, Steuern und vor allem Gewährleistung, Haftung und Verbraucherschutz sind Themen, die unverändert relevant bleiben.“

„Die Kraft der Blockchain liegt im verteilten, autonomen, das heißt vor allem nicht-zentralen Abwickeln.“
Jörg Blumtritt, Gründer des Münchner Big-Data-Startups Datarella

Auch wenn das Prinzip der Blockchain sicher ist, müssen das nicht unbedingt alle abgeleiteten Anwendungen sein. Viel Aufsehen erregte das DAO Projekt (Dezentrale Autonome Organisation), das ebenfalls auf der Ethereum-Blockchain basiert. Bis Ende Mai konnten Interessierte Anteil an der DAO gegen Kryptowährung (Ether) erwerben. Die Einlagen stiegen bis auf umgerechnet 160, später bis auf 250 Millionen Dollar – und machten die DAO damit zum bis dato wertvollsten Crowdfunding-Projekt. Investitionsentscheidungen der DAO sollen auf Basis von Mehrheitsentscheidungen fallen, die Beziehungen untereinander werden über Smart Contracts (technische Verträge) geregelt. Doch ein Angreifer nutzte einen Fehler in der Programmierung aus, um die DAO zu bestehlen. Zeitweise lag der Wert der entwendeten Kryptowährung bei 60 Millionen Dollar. Noch ist offen wie die Investoren damit umgehen wollen. Das Vertrauen in dezentral verteilte Plattformen hat der Vorfall jedoch erst einmal massiv erschüttert.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 07/2016

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Lexikon der Sharing Economy 2.0

SMART CONTRACTS: Der Begriff wurde bereits 1994 von Nick Szabo geprägt. Es sind Programme, die automatisch und fortlaufend die Bedingungen eines Vertrags ausführen und kontrollieren. Die Kontrolle und Einhaltung basiert dabei auf den zur Verfügung gestellten Daten. Smart Contracts erlauben es, dass vernetzte Geräte ohne Mittelsmänner miteinander kommunizieren können.

BLOCKCHAIN: ist eine dezentrale, universelle, anonyme Datenbank. Sie ist für jedermann (und jeden Smart Contract) zu jeder Zeit einsehbar, und ermöglicht so zum Beispiel die Verifzierung von Zahlungsvorgängen. Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether bauen auf Blockchain auf.

ETHEREUM: ist eine Plattform für Blockchain-Anwendungen. Auch sie ist dezentral angelegt und führt Smart Contracts aus. Erdacht hat sie Vitalik Buterin, finanziert wurde sie durch ein Crowdfunding und gebaut von Entwicklern weltweit. Im Juli 2015 startete die Plattform. Sieben Monate später hatte die Kryptowährung Ether bereits einen Börsenwert von mehr als 500 Millionen Dollar. Die Entwicklung wird von der Ethereum Foundation in der Schweiz geleitet.

Hinterlasse einen Kommentar

4 Kommentare auf "Bye bye, Mittelsmann: Wie Blockchain die Sharing Economy verändert"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] erste Infografik ist zwar ein Scherz, aber ich mag sie. Es stimmt, dass man die Blockchain nicht unbedingt braucht. Man braucht eine Lösung für Probleme und das könnte die Blockchain […]

trackback
[…] Blockchain ist zurzeit – nicht zuletzt dank der Digitalwährung Bitcoin – in aller Munde. In Deutschland, geschweige denn in Deutschlands Verwaltung, hat sie jedoch noch keinen Einzug gehalten. In Estland basieren die meisten E-Government-Anwendungen auf dem Blockchain-Prinzip, wodurch das zentrale Problem von digitalen Gütern und Informationen gelöst wird: Die unberechtigte Vervielfältigung. Genau wie sich jede Bitcoin-Transaktion nachvollziehen lässt und jeder Bitcoin eindeutig identifizierbar ist, stellt die Blockchain in der Verwaltung gegenüber herkömmlichen Verfahren ein sehr viel sichereres und transparenteres System der Datenverwaltung dar. „Blockchain hat das Potenzial, die Art und Weise, wie zukünftig Verträge zustande kommen, Steuern eingezogen werden,… Read more »
trackback

[…] den Sektoren, aus denen diese Technologien kommen können, zählen unter anderem AI, AR/VR, IoT, Blockchain, Mobility, Energy, Advanced Materials oder Robotics. Beispiele aus unserem derzeitigen Portfolio […]

trackback

[…] möglich machen, in dem alle Module untereinander transaktionsfähig sind. Basierend auf der Blockchain-Technologie bauen wir eine dezentrale Infrastruktur, auf die jeder zugreifen kann und mit der […]

wpDiscuz