Unternehmerisches Vorbild vs. Copycat-Schmiede

Die Lehre der WHU deckt viele Bereiche und Aspekte der BWL ab. Wir legen besonderen Wert auf das Reflektieren und ethische und moralische Aspekte in der Lehre und haben dazu ganz spezielle Kurse und Programme. Auch von der Studentenseite gibt es viele unterschiedliche Initiativen und Vereinigungen, die sich ganz bewusst und sehr verantwortlich sozialen und gesellschaftlich aktuellen Themen widmen, wie etwa die Sensability-Initiative zu Social-Entrepreneurship-Themen. Die WHU steht bei den Studenten aber natürlich auch für ganz spezielle Berufsausrichtung und Ausbildung. Diese sehe ich im Bereich Finance, Consulting und Entrepreneurship. Diese Schwerpunkte sind unter anderem auch den Erfolgsgeschichten einiger Alumni geschuldet, die sehr erfolgreiche Karrieren und Vorbildwirkung entwickelt haben.

Zwei Aspekte möchte ich ganz bewusst extrem und als gegenseitige Thesen formulieren, um zu verdeutlichen, dass die reale Situation wahrscheinlich in der Mitte liegt.

1. Die Vorbildwirkung von Rocket Internet ist ein Segen für unternehmerische Ausbildung.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich der unternehmerischen Ausbildung viel getan. Es gibt immer mehr Werkzeuge und Methoden, die es Studenten und potenziellen Unternehmern leichter und attraktiver machen, unternehmerische Ideen zu entwickeln und durchzusetzen. Zu diesen Werkzeugen und Methoden gehören etwa der Business Model Canvas von Alexander Osterwalder, der Ansatz des Lean Startup von Eric Ries, der Aspekt des Customer Development von Steve Blank und Bob Dorf, also auch kreative Ansätze im Bereich Prototyping und Design Thinking der D.School und David Kelley. Die Studenten sehen und wissen, dass Firmen wie Rocket Internet diese Ansätze und Methoden sehr erfolgreich anwenden und auch in der Execution sehr sehr stark sind. Das ist attraktiv für Internships und macht es auch in der Lehre einfacher, auf die Bedeutung dieser Werkzeuge hinzuweisen. Unternehmerische Lehre ist dadurch in den letzten Jahren wesentlich anwendungsorientierter und erfolgreicher geworden. Wir sehen viel mehr Gründerteams, die noch während des Studiums starten als noch vor zehn, 15 Jahren. Das ist auch einer Vorbildwirkung von Firmen und einzelnen Unternehmern geschuldet. Ich sehe das als einen Vorteil.

2. Rocket Internet und deren Copycat-Strategien transportieren weltweit ein schlechtes Unternehmerbild. Sie verbreiten damit ein Bild des deutschen Unternehmertums, das nicht der Realität entspricht.

Rocket Internet ist ein gutes Beispiel dafür, wie erfolgreich Nachahmen, leichtes Anpassen und Implementieren sein kann. Es ist dabei fragwürdig, wie viele Online-Bekleidungsläden, -Partnerbörsen, -Einrichtungs-Shops und so weiter es geben kann beziehungsweise sollte. Es ist auch fragwürdig, ob solche Nachahmungen beziehungsweise inkrementell neuartigen Geschäftsideen uns wirtschaftlich weiterbringen. Welche Probleme lösen diese, abgesehen von einer bestimmten Zahl an Jobs, die potenziell geschaffen werden können? Inwieweit ist es auch moralisch vertretbar, Geschäftsideen abzuschauen und anzupassen? Wobei liegt dabei die eigene unternehmerische Leistung, und sollten Studenten das wirklich als Vorbild haben? Die Copycat-Strategie folgt eigentlich dem unternehmerischen Bild von Kirzner: Jener Unternehmer, der am meisten Informationen ansammelt und dadurch Unsicherheiten aus dem Weg räumen kann, sollte erfolgreich sein. Die kritische Frage dabei ist: Wie viel Nachahmung ist gerechtfertigt und durchaus legitim, und ab welchem Grad wird es moralisch bedenklich? Können Studenten das schon selbst einschätzen? Ich glaube schon.

Faszination und Reflexion bei den Studenten der WHU

In der Lehre an der WHU erlebe ich im Hörsaal ein wenig von beiden Seiten: Auf der einen Seite finden Studenten unternehmerische Vorbilder und erfolgreiche Firmen natürlich faszinierend. Auf der anderen Seite gibt es aber auch sehr gute Reflexion und oft auch Reaktion. Man hört des Öfteren Sätze wie: „Wir wollen etwas wirklich Innovatives gründen, kein Copycat!“ Insgesamt möchte ich aber durchaus auch eine positive Seite betonen: Es gab noch nie vorher (in meiner etwa 20-jährigen Erfahrung an Universitäten) so gründungsbegeisterte und motivierte Studenten. Das liegt an vielen dieser Beispiele und Vorbilder, durchaus auch internationalen wie etwa großen VC-Firmen (Sequoia Capital), Accelerator (Y Combinator) oder Technologie-Riesen wie Google. Und was die Breite der Ausbildung und kritische Reflexion betrifft: Dafür werden wir uns auch in Zukunft an der WHU sehr stark bemühen und einsetzen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 11/2015.

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