Wo siehst du die Aufgabe von Wayra an der Schnittstelle zwischen großen Unternehmen und Startups?

Wir sehen Startups als essentiellen Teil jeder Digitalstrategie. Warum? Weil sie schnell, weil sie geile Produkte haben, weil sie die Kunden verstehen. Ein großer Konzern ist zwar sehr gut in der Ausführung, aber schlecht darin, neue Felder zu entdecken, braucht also im Bereich Forschung und Entwicklung Unterstützung. Und da kommen wir von Wayra ins Spiel, identifizieren die Technologiefelder, den Bedarf, den der Konzern hat, suchen dann Startups, die so ein technologisches Produkt haben und bringen sie dann anhand der Value Chain in den Konzern rein. Das machen wir in zwei Drittel der Fälle, da geht es um Effizienz, um inkrementelle Innovation. Das andere Drittel ist, zu überlegen, wo sich das Telekommunikations-Geschäft in fünf bis zehn Jahren hin entwickeln wird.

„In fünf bis zehn Jahren wird das Netzwerk, so wie wir es heute kennen, nicht mehr relevant sein“

Und wohin wird sich die Telekommunikationsbranche hin entwickeln?

Dieses Geschäft hier (zeigt auf sein Mobiltelefon), das wird tot sein. In fünf bis zehn Jahren wird das Netzwerk, so wie wir es heute kennen, nicht mehr relevant sein. Aber was kannst du mit einem Netzwerk noch machen? Es gibt Ladestation, Elektroautos. Irgendjemand wird der Betreiber dieser Ladestationen sein. Warum sollte das nicht der Telekommunikationsdienst-Anbieter sein mit anderen Service-Angeboten? Das ist genau, wo die Automobilbranche sich auch hin entwickelt, nicht mehr das ursprüngliche Kerngeschäft, das Auto, sondern die Software, die Infrastrukturellen Voraussetzungen. Wir forschen viel in die Richtung. Und wir vermieten unser Netzwerk etwa auch an Google. Jedes Gebäude das WiFi hat, wird ein Peer-to-Peer-Netzwerk schaffen können, damit man überall in der Stadt WiFi hat. Das heißt die mobile Verbindung wird obsolet werden. Aber eine Telekommunikationsgesellschaft hat eine riesen Infrastruktur, nur: Was machen wir damit?

„Wir wissen wie sich 44 Millionen Kunden in Deutschland bewegen, 350 Millionen Kunden weltweit“

Dahingehend sucht ihr bei Wayra also nach neuen Geschäftsmodellen?

Ja, ob du da Daten durchjagst oder Strom ist ja auch egal, da gibt es viele Möglichkeiten. Wir haben die Verbindung zu vier Millionen Haushalten – und erforschen gerade, was da möglich ist. Unser Geschäft werden Daten sein, deswegen investieren wir sehr viel in IoT. Wir wissen wie sich 44 Millionen Kunden in Deutschland bewegen, 350 Millionen Kunden weltweit. Die Daten bearbeiten wir mit Advanced Data Analytics und schauen dann mit Hilfe einer KI-Plattform, wie wir sinnvolle Bezüge herstellen können. Ziel ist es herauszufinden, was du als Kunde brauchst, von dem du vielleicht noch gar nicht weißt, dass du es brauchst.

Welche Daten nutzt ihr dafür?

Konzernstrategie ist, dass die Daten dem Kunden gehören und er diese nur teilen wird, wenn er einen Vorteil daraus zieht. Aber wir wissen, wo unser Kunde ist, was unser Kunde macht, wen unser Kunde sieht und mit wem unser Kunde telefoniert. Und wenn man diese Daten anonymisiert, wozu wir durch die Datenschutzgrundverordnung verpflichtet sind, dann kann man schon einiges machen. Alleine dass man sieht, wie sich die Kunden nach einem FC Bayern Spiel bewegen, ist für die Stadt sehr wertvoll.

Das heißt, ihr wollt eure Daten mit anderen teilen?

Ziel von Wayra ist es, aufbauend auf unseren Daten branchenübergreifend neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wir werden Innovationen nur zusammen voranbringen. Wenn wir etwa auf eine Volkswagen-Telefónica-Ebene zusammenarbeiten, schaffen wir einfach mehr. Ein Anwendungsfall wäre zum Beispiel die Kaufinger Straße, also die Einkaufsstraße in München. Wir wissen ganz genau, wie sich die Leute bewegen und daraus kann Volkswagen schließen, wo Autos platzieren werden müssen, damit sie genutzt werden. So können wir dem Kunden einen guten Mehrwert bieten, ohne dass Telefonica eigene Autos bauen oder Volkswagen ein eigenes Netzwerk aufbauen muss. Deshalb sehen wir Wayra als eine offene Plattform.

Christian Lindener im Fireside Chat mit Rolli Vogel beim NKF Summit Vol. 4. Foto: Jenna Dallwitz
Christian Lindener im Fireside Chat mit Rolli Vogel beim NKF Summit Vol. 4. Foto: Jenna Dallwitz

Was ist euch bei der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen wichtig?

Natürlich verfolgen wir weiter unseren Ansatz als Accelerator, aber das ist eigentlich schon Schritt zwei. Schritt eins ist, eine Organisation zu schaffen, eine Kultur zu schaffen die mit Startups zusammenarbeiten kann. Dazu finden wir in den Konzernen die entsprechenden Schnittstellen und zwar nicht nur in der Innovations-Abteilung, sondern auch bei HR, IT, Legal, Finance, bei allen Konzern-Verticals. Wir suchen uns die Champions im Konzern heraus, etwa den Anwalt, der versteht, warum die IT dem Startup gehören muss, und warum ein Startup keine Exklusivität Klausel im Vertrag haben darf. Dann erst macht es Sinn, Innovation über Startups in die Konzerne zu bringen.

Was für Startups sucht ihr denn momentan?

Wir suchen vor allem in den Bereichen KI, Advanced Data Analytics und IoT.

Und auf was legt ihr bei der Zusammenarbeit mit Startups besonders viel Wert?

Wir suchen Technologien, die im Konzern gebraucht werden. Dann setzen wir einen Kooperationsvertrag auf. Die Startups können Zulieferer von Telefonica werden oder auch eine Finanzierung bekommen, die Konditionen sind sehr flexibel. Dabei investieren wir in der Regel maximal in ein bis zwei Startups, fangen dann aber mit Investments von 250.000 Euro an und landen damit bei ein bis zwei Prozent der Firmenanteile. Wichtig ist uns natürlich, dass die Technologie letztlich dabei hilft, unserem Konzern einen Haufen Geld zu sparen. Und gute Beispiele dafür gibt es. Letztes Jahr haben wir etwa in e-bot 7 investiert. Heute behandeln e-bot 7 rund 60 Prozent aller Kundenanfragen, die wir über unsere Customer Care Plattformen reinbekommen über eine KI Plattform und einen Chatbot.

Gibt es noch weitere Erfolgsbeispiele?

Na klar. Neokami war auch eines unserer KI-Startups, dass von Relayr übernommen wurde. Als diese dann ihren Exit hingelegt haben, hat sich unser Investment in Neokami vervielfacht. Meine Philosophie ist es, am Anfang die Beziehung zu sichern, und dann auch wieder rausgehen, wenn die Teams selber laufen können. Kein Startup sollte lange einen Corporate Venture Capitalist auf dem Cap Table haben, das sollten die Gründer schon zurückgekommen, wenn ich meinen Schnitt verachtfacht habe, dann ist das auch gut. Aber wenn ich dem CFO nicht sagen kann, ich vermehre das Geld, das er reinsteckt, dann werden sie das Ding ganz schnell wieder zumachen.

Titel

Christian Lindener, Managing Director Wayra Deutschland. Foto: Jenna Dallwitz
Christian Lindener, Managing Director Wayra Deutschland. Foto: Jenna Dallwitz

Christian Lindener

Christian Lindener ist seit Februar 2017 bei Wayra Deutschland. Er verantwortet als Managing Director die strategische Ausrichtung von Wayra, die Auswahl und Betreuung von Startups und jungen Technologieunternehmen sowie die verstärkte Vernetzung von Wayra mit dem internationalen Start-up-Ökosystem.
Im Laufe seines Berufslebens in der Startup- und Venture-Capital-Szene hat Christian Lindener mehrere Tausend Startups kennengelernt. Als Tech Consultant hat er Inkubatoren- und Akzeleratoren-Programme unterstützt und beraten. Bei Tech Founders war er als Director für die Betreuung und Weiterentwicklung von mehr als 50 High-Tech-Startups verantwortlich. Davor hat er selbst zwei Mal gegründet, darunter ein Augmented Reality Startup, das im Zuge eines erfolgreichen Exits für einen achtstelligen Euro-Betrag von Booking.com gekauft wurde. Im Juni 2017 hat er den InsurTech Hub Munich mit auf den Weg gebracht. Seit September 2017 ist er einer der Regionalleiter Bayerns im Bundesverband Deutsche Startups.