SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lässt es sich nicht nehmen, auf Twitter den langjährigen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft zu verabschieden: „Ein großer Fußballer hängt seine Schuhe an den Nagel. Danke für alles, Philipp Lahm.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterhält sich währenddessen in ihrem wöchentlichen Podcast „Die Kanzlerin direkt“ auf Youtube mit der 16-jährigen Lucie Klemme von der Jugendfeuerwehr Möllenbeck. Auch auf Facebook und Instagram sind beide Politiker vertreten, klar.

JE 30 PROZENT DER TWITTER-FOLLOWER DER BEIDEN KANDIDATEN IM US-PRÄSIDENTSCHAFTS-WAHLKAMPF WAREN KEINE MENSCHEN

Quelle: Twitteraudit

Am 24. September ist Bundestagswahl – und in Sachen digitale Präsenz haben sowohl Kanzlerin Merkel als auch Herausforderer Schulz ihre Hausaufgaben gemacht. Aber wie digital wird der Wahlkampf wirklich? Und was macht überhaupt den digitalen Faktor aus?

Harte Bandagen und fragwürdige Methoden

„Das größte Potenzial steckt in Rapid Response, also schnell auf aktuelle, politische Themen einzugehen und somit den Deutungsrahmen im öffentlichen Diskurs zu definieren“, sagt Julius van de Laar dem Magazin Wired. Van de Laar, der 2008 dem Wahlkampfteam des früheren US-Präsidenten Barack Obama angehörte und heute in Deutschland Parteien bei der strategischen Planung berät, erklärt: „Denken Sie nur, wie viel Vorlauf es braucht, um ein Plakat zu drucken, da vergehen oft Wochen. Ganz anders im Netz oder auf digitalen Werbetafeln.“ Dabei gilt: Der Kampf um die digitale Deutungshoheit wird mit immer härteren Bandagen geführt – und gerade Anhänger der Parteien aus dem rechtspopulistischen Spektrum verwenden dabei äußerst fragwürdige Methoden. Genau diese Problematik war auch ein Schwerpunktthema auf der Republica Anfang Mai in Berlin. „Mit emotionalisierenden Falschmeldungen wird derzeit die politische Debatte gehackt“, sagt Ingrid Brodnig bei ihrem Auftritt auf der Web-Konferenz.

90 PROZENT DER TWITTER-FOLLOWER VON @MARTINSCHULZ SIND ECHT

Quelle: Twitteraudit

Die Journalistin ist in der EU die digitale Botschafterin Österreichs. Sie stellt fest, dass Fake-News im Kampf um Wählerstimmen eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Das Perfide dabei: Forschungen belegen, das Meldungen, die besonders darauf abzielen, beim Leser Wut zu schüren, auch die höchsten Interaktionsraten haben. Und genau darauf setzen rechte Hetzer. Weil die Algorithmen der sozialen Netzwerke wie Facebook Posts mit hohen Interaktionsraten – also vielen Likes, Kommentaren und Shares – als besonders relevant einstufen, sind die Beiträge in vielen Timelines der sozialen Medien vergleichsweise prominent vertreten. Ein Artikel, der fabuliert, dass Moslems ein Hundeverbot in Deutschland anstreben würden, brachte es so auf fast 80.000 Interaktionen.

Ein Einzelfall? Nein. „Auf vier korrekte Inhalte zu politischem Content in sozialen Medien kommt eine sogenannte Fake-News-Story“, analysiert Lisa-Maria Neudert auf der Republica den bedenklichen Trend. Die Forscherin, die am Oxford Internet Institute arbeitet, schätzt: „Zu 95 Prozent ist das Content aus dem rechten Flügel.“ Viele der rechtspopulistischen Politiker machen sich die Panikmache, die viele Wähler in ihre Arme treibt, zunutze. Sie warnen vor der vermeintlich tendenziösen „Mainstream-Presse“. „So versuchen sie, Wähler weg von etablierten Medien zu bringen und hinein in die eigenen Echo-Kammern“, sagt Brodnig: „Darunter versteht man digitale Räume, in denen sich größtenteils Gleichdenkende austauschen.“

FAST 20 PROZENT DER TWEETS AUF TWITTER IM US-PRÄSIDENTSCHAFTS-WAHLKAMPF WURDEN DURCH SOCIAL BOTS VERBREITET

Quelle: Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Ein weiterer Faktor, der diesen gefährlichen Trend noch verstärken kann, sind sogenannte Social Bots: also automatisierte Accounts auf sozialen Medien, die nur vermeintlich von realen Personen betrieben werden. „Bots verstärken Strömungen. Sie versuchen, Masse zu erzeugen. Das kann beispielsweise ein Twitter-Hashtag sein“, erklärt Neudert. Diese vermeintliche Masse an Aufmerksamkeit verleiht Themen wiederum eine gefühlte Relevanz. Das bestätigt Hardliner in ihrer Meinung. „Die User, die laut und aufdringlich sein wollen, für die ist die Automatisierung – und damit die Möglichkeit, selbst im Schlaf alle fünf Minuten die eigene Meinung rausblasen zu können – ein wunderbares Tool“, sagt Brodnig. Es gibt Untersuchungen die nahelegen, dass im vergangenen Wahlkampf in den USA fast 20 Prozent der Tweets von automatisierten Programmen kamen. Immerhin: Bislang halten die Experten den Einfluss der Social Bots auf den deutschen Wahlkampf noch für begrenzt.

Erleichterung bei der Kommunikation birgt Risiken

Letztlich lösen lässt sich das Problem der gezielten Falschinformationen aber nur zusammen mit den großen Plattformen, über die sie verbreitet werden. „Wissenschaftler müssen Zugriff bekommen, um bestimmte Effekte zu ermitteln“, fordert daher Brodnig. Allerdings stellen sich Facebook, Twitter und Co. quer: Sie hüten ihren Algorithmus wie ein Staatsgeheimnis.

„AUF VIER KORREKTE INHALTE ZU POLITISCHEM CONTENT IN SOZIALEN MEDIEN KOMMT EINE SOGENANNTE FAKE-NEWS-STORY“

LISA-MARIA NEUDERT, Forscherin am Oxford Internet Institute

Zumindest Facebook hat das Problem erkannt und kündigte bereits an, in Zukunft verschärft gegen Fake News vorgehen zu wollen. „Wir wissen, dass im heutigen Informationszeitalter Social Media eine große Rolle bei der Erleichterung der Kommunikation darstellt“, heißt es in einem Bericht des Konzerns: „Wir haben aber erkannt, dass unter bestimmten Umständen das Risiko steigt, dass in manchen Fällen böswillig Handelnde versuchen, Facebook zu nutzen, um Leute in die Irre zu führen oder nicht-authentische Kommunikation zu verbreiten.“ Eine verbesserte Meldefunktion, Warnhinweise und externe Faktenprüfer sind erste Konsequenzen aus dieser Erkenntnis.

Kampfansage an die etablierte Meinungsforschung

Klar ist: Der Wahlkampf und die Meinungsmache toben auch in den sozialen Medien. Experte van de Laar mahnt aber, eine ganz andere Form der Partei-Werbung darüber nicht zu vergessen: „Die effektivste Art, jemanden zu überzeugen, ist und bleibt immer noch das persönliche Gespräch.“ Und auch wenn sich das zunächst widersprüchlich anhört: Auch hierbei spielt digitale Technologie eine große Rolle. Und die wird auch von Startups geliefert.

60 PROZENT DER TWITTER-FOLLOWER VON @REGSPRECHER SIND FAKE

Quelle: Twitteraudit

In Frankreich sorgte zuletzt das Pariser Startup Liegey Muller Pons für Aufsehen. Das Unternehmen arbeitete mit El Marche, der Partei des späteren Wahlsiegers Emmanuel Macron zusammen. Die Software Cinquante Plus Un lieferte dem Wahlkampfteam genaue Informationen über die Bürger. Ob Wahlverhalten in der Vergangenheit, Arbeitslosigkeit oder Altersstruktur: Cinquante Plus Un erklärt dem Benutzer, wie die Wahlberechtigten in welchem Bezirk ticken. Durch Umfragen werden die Daten stetig weiter ergänzt und ermöglichen es so, den Haustürwahlkampf perfekt auf die jeweilige Klientel abzustimmen: Potenziell wankelmütige Wähler lassen sich ebenso herausfiltern wie die Themen, die den Bürgern im entsprechenden Wahlkreis besonders wichtig sind. Die Software weist den Wahlkämpfern sogar die Routen, auf denen sie die Häuser möglichst effizient abklappern können.

Big Data als Erfolgsgarant. Eine Expansion nach Berlin ist bereits geplant. Vorbild für das Startup um CEO Guillaume Liegey waren die USA, wo Parteien schon länger riesige, noch ungleich umfangreichere Datensätze über die Einwohner erwerben können. In Deutschland ist es wegen der schärferen Datenschutzbestimmungen schwerer, derart detailliertes Material über die Wahlberechtigten zusammenzustellen.

Das Berliner Startup Civey hat das Problem der Beschaffung von validen Daten erkannt – und geht mit seinem gleichnamigen Online-Umfragetool neue Wege. „Es ist Zeit für einen fairen Deal mit den Teilnehmern: Wir zeigen jedem das repräsentative Ergebnis in Echtzeit, kein Ergebnis wird verheimlicht“, erklärt CEO Gerrit Richter im Interview mit Horizont: „Im Gegenzug stellen uns die Menschen mehr Daten über sich zur Verfügung und nehmen häufiger an Umfragen teil.“ Dass das Konzept funktioniert, zeigte sich bei der Landtagswahl in Berlin 2016: Das Unternehmen lieferte die zweitbeste Ergebnis-Prognose und hängte dabei auch etablierte Meinungsforschungsinstitute ab.

Ob Daten, Umfragen oder Algorithmen: Die Digitalisierung bietet Politikern im Wahlkampf gänzlich neue Möglichkeiten. Zwar wurden die in Deutschland bisher nur vergleichsweise oberflächlich genutzt – aber der Trend wird sich weiter verstärken. Welche Parteien Deutschland künftig regieren, werden zunehmend digitale Strategien entscheiden.

Viele Fragen: Civey will die Marktforschung revolutionieren

2015 gegründet ist das Umfragetool von Civey inzwischen auf diversen Nachrichtenportalen eingebunden. Diese erhalten als Gegenleistung ebenso Zugang zu den Ergebnissen der Umfragen (Beispiel links) wie die Teilnehmer. Andere Kunden zahlen für die Erkenntnisse, die das Startup so gewinnt. „Diese Branchenreports stellen wir unseren Kunden in Echtzeit – auf Wunsch sogar via API mit Direktanbindung an ihr eigenes Data-Center – zur Verfügung“, erklärt CEO Gerrit Richter: „Im Augenblick konzentrieren wir uns noch auf die Bereiche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Aber in Planung sind auch Branchenreports zu Energie, Gesundheit und Ernährung.“ Mittlerweile arbeiten am Standort Berlin mehr als 30 Data Scientists, Entwickler und Marketing-Strategen.

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1 Kommentar auf "Wahlkampf mit Robotern"

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Gast

Spannendes Thema, wir werden in Zukunft kaum noch unterscheiden können. Roboter werden unser Leben bestimmen, egal ob in der Produktion oder der Kommunikation. Das Thema Chatbots ist schon jetzt allgegenwärtig, wir experimentieren selber damit im Reisebereich. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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