Hast du schon mal übers vegan sein nachgedacht? Ich ja. Doch obwohl ich seit anderthalb Jahren vegetarisch lebe, habe ich es bisher nicht geschafft. Jetzt wollte ich es wissen und mir in gewisser Weise auch beweisen, dass ich´s kann. Der Plan: ein Selbstversuch, komplett auf tierische Lebensmittel oder auch solche, die es enthalten, zu verzichten.

„Du kannst mit deinem Teller die Welt verändern“, ermutigt mich Balázs Tarsoly, CEO und CCO von Branding Cuisine, der selbst schon seit einiger Zeit vegan lebt und von dem ich mich im Vorfeld beraten lasse. Nur ein Satz, doch innerlich spüre ich die Bedeutung, die diese Worte für mich haben würden. Warum?

Wir wissen, dass Massentierhaltung unsere Umwelt zerstört, schlecht für die Gesundheit ist und den Klimawandel verstärkt. Auch, dass Lebensmittel, die zur Ernährung der eingekerkerten und objektivierten Tiere verwendet werden, fehlen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Aber ist es uns wirklich bewusst? Wenn ich mir den Erfolg der Lebensmittelindustrie und den Lebensstil vieler Menschen ansehe, bezweifle ich es sehr.

1,3 Millionen Deutsche leben vegan

Immerhin: In Deutschland leben mittlerweile rund 1,3 Millionen Menschen vegan, Tendenz steigend. Laut einer Studie der Uni Jena sind Menschen am häufigsten aus moralischen Gründen vegan, gefolgt vom Gesundheitsaspekt sowie den ökologischen und politischen Auswirkungen. Nachvollziehbar, oder?

Es kann doch aber nicht so schwer sein, vegan zu leben, denke ich immer wieder. Zwar habe ich eine Nussallergie, die viele Ersatzprodukte und Snacks ausschließt, aber es ist ja nur eine Woche. Eigentlich zu wenig für einen richtigen Selbstversuch, aber hey, Babysteps. Körperliche Veränderungen stelle ich in dieser Zeit noch nicht fest. Dennoch macht diese eine Woche einiges mit mir, wenn auch anders als erwartet.

„Vegan ist nicht gleich vegan – und viel mehr als nur die Ernährung an sich“

Vegan zu essen fällt mir sehr leicht, mein Wille ist stark genug auch unterwegs durchzuhalten, wenn es keine veganen Produkte gibt. Zum Nachdenken bringen mich weniger die Lebensmittel selbst als vielmehr die Aspekte drumherum. Meine größte Erkenntnis aus dem Selbstversuch: Vegan ist nicht gleich vegan – und viel mehr als nur die Ernährung an sich.

Vegan zu leben, ist ein Statement, eine politische Einstellung und eine ganz eigene Lebensphilosophie. Es heißt nicht nur, auf tierische Produkte zu verzichten, sondern in gewisser Weise auch Teile der Gesellschaft zu boykottieren. Ich fühle mich fast wie ein kleiner Rebell. Denn trotz der großen Kreise, die das Thema vegan mittlerweile zieht, ist es immer noch recht negativ behaftet.

Natürlich stoße ich auf Zustimmung und Unterstützung, aber ich bekomme auch viele Reaktionen, mitdenen ich in meinem Umfeld nicht gerechnet habe: „Na, wenn’s dir damit gutgeht.”, „Ach, so viel Käse ist da doch gar nicht drauf.“ oder „Was isst du denn dann überhaupt noch?“. Okay, zugegeben, der letzte Satz stammt von meiner 83-jährigen Oma, er sei ihr verziehen.

Wie gesund esse ich vegan?

Auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, welche Auswirkungen eine vegane Ernährung auf meinen Körper haben könnte und wie ich am besten an meine Nährstoffe komme, fühle ich mich etwas verloren. Das Internet spuckt zwar viele Informationen aus – aber leider auch viele unterschiedliche. Keine Quelle, der ich unbedingt vertrauen würde.

Rat hole ich mir schließlich von der Ökotrophologin Simone Frey vom Startup Nutrition Hub, die diese Lücke füllen möchte. Ihre Empfehlung: aufs eigene Bauchgefühl hören, ausgewogen essen (vegan heißt nämlich nicht automatisch gesund) und bei einer kompletten Umstellung vor allem die Eisen- und Vitamin-B12-Werte anfangs regelmäßig kontrollieren lassen.

Die Woche ist schnell vorbei – und damit kommt die große Frage: Bleibe ich vegan? Bis auf den Honig in meinem Porridge, der in der Routine einfach mal darin landete, habe ich durchgehalten. Berlin ist ein veganes Mekka und es ist mir nicht schwergefallen, mich frei von tierischen Produkten zu ernähren. In Zukunft werde ich mehr Produkte durch vegane ersetzen.

Aber ich liebe einfach Schafskäse und komplett vegan zu leben, empfinde ich in manchen Bereichen einfach noch zu sehr als Einschränkung. Vorerst bleibe ich also erst mal vegetarisch – zumindest, bis sich der Rebell in mir durchsetzt. Mein Bewusstsein ist geschärft und ich glaube fest daran. „Du kannst mit deinem Teller die Welt verändern.”

Laura Kießling ist Werkstudentin bei NKF Media. Nach ihren Selbstversuch stellte sie fest, dass es sich auch  als „Teilzeit-Veganerin“ ganz gut isst.

Unsere Autorin und Teilzeit-Veganerin Laura Kießling. Foto: NKF
Unsere Autorin und Teilzeit-Veganerin Laura Kießling. Foto: NKF