Am 28. März 2017 geht die Kickstarter-Kampagne des Tech-Startups German Autolabs live. Acht Stunden später hat Chris, der eigens entwickelte digitale KI-Beifahrer, das Finanzierungsziel von 50.000 Euro erreicht – am Ende waren es sogar 278.720 Euro, beigetragen von 1451 Unterstützern aus aller Welt. Doch war das Geld wirklich das Ziel? Denn das Berliner Startup ist bereits durch eine Seed-Finanzierungsrunde im Vorjahr von Target Partners und verschiedenen Business Angels mit zwei Millionen Euro ausgestattet. Hinter der Kampagne steckt tatsächlich kein Geldmangel, sondern etwas anderes.

Gründer haben viele Möglichkeiten das eigene Startup zu finanzieren. Die Auswahl der Methode hängt vom angestrebten Zielmarkt ab. Crowdfunding ist vor allem für Startups interessant, deren Produkte direkt an den Endkunden gehen. Für eine Venture-Capital-Finanzierung entscheiden sich hingegen viele Gründer, die industrielle Produkte entwickeln oder Größeres vorhaben und die Welt erobern wollen. Das benötigte Startkapital macht den Unterschied. Vor allem Hightech-Startups benötigen ein wesentlich größeres finanzielles Volumen, da ihre Produkte teuer zu entwickeln und zu produzieren sind.

Der Austausch macht den Unterschied

Neben der großen Geldspritze profitieren Gründer bei einer Venture-Capital-Finanzierung vor allem von dem Netzwerk, das sie mit sich bringt. Die VC-Geber haben langjährige Erfahrung als Unternehmer und können damit die Chancen der Ideen einschätzen. Sie unterstützen Jungunternehmen bei der Entwicklungsstrategie und internationalen Expansion. Dabei greifen sie auf ihr großes Netzwerk zurück und öffnen Startups Türen zu Kunden, Geschäftspartnern sowie Führungskräften oder Finanzmärkten. Mit ihrer Beratung helfen sie, Fehler zu vermeiden. Crowdfunding bringt dagegen eine andere Form des Austauschs – und zwar einen direkten mit dem Kunden. Über die Kampagne bekommen Startups Rückmeldungen vom letztendlichen Käufer: Gefällt das Design und wer kauft das Produkt? Welche Funktionen wünscht sich der Nutzer zusätzlich? All diese Informationen können Gründer anschließend in die Entwicklung einfließen lassen.

Extraportion Crowdfunding für Chris, der digitale KI-Beifahrer von German Autolabs (Foto: German Autolabs)
Extraportion Crowdfunding für Chris, der digitale KI-Beifahrer von German Autolabs (Foto: German Autolabs)

Crowdfunding als Marketing-Tool

Mit der Kickstarter-Kampagne ging German Autolabs einen alternativen Weg und kombiniert die Vorteile beider Finanzierungsformen. Denn für das voll finanzierte Startup wird die belohnungsbasierte Crowdfunding-Kampagne zu einem leistungsfähigen Marktforschungsinstrument. Das Unternehmen erhielt durch diesen Schritt nicht nur eine Fülle an Informationen über seine Zielgruppe, sondern auch einen direkten Zugang zu den Endkunden, die so aktiv die Entwicklung begleiten und für Tests und Umfragen kurzfristig in großer Zahl zur Verfügung stehen.

Mit diesen Informationen kann das Startup nicht nur einen passgenauen Produktionsplan erstellen, sondern auch die eigene Marktausrichtung fein definieren und die Weiterentwicklung abstimmen. Ihre VCs und das Netzwerk sind dafür nützliche Partner. Mit ihrem Erfahrungsschatz unterstützen sie dabei, die Informationen und Zahlen genau zu bewerten. Gleichzeitig ist ein erfolgreiches Crowdfunding oft sehr medienwirksam und bietet eine gute Basis für das Marketing. Und Geld gibt es noch obendrauf.

Unser Portfolio-Unternehmen Senic ging einen ähnlichen Weg. 2015 hatten die Berliner über mehrere Crowdfunding-Plattformen Nuimo finanziert, eine universelle Gesten- und Touch-Steuerung für Smart Home-Geräte wie kabellose Lautsprecher, Lichtsysteme und Thermostate. Ein Jahr später investierte Target Partners in das Startup um das weitere Wachstum voranzutreiben. 2017 startete Senic wieder eine Crowdfunding-Kampagne, diesmal für , die ebenfalls Smart-Home-Systeme steuern kann. Diesmal stand beim Crowdfunding das Geld im Hintergrund.

Finanziert durch Crowdfunding: Design-Lampe Covi mit Sprachsteuerung von Senic (Foto: Senic)
Finanziert durch Crowdfunding: Design-Lampe Covi mit Sprachsteuerung von Senic (Foto: Senic)

Nicht alles glänzt in Kombination

Trotz der Vorteile ist die Kombination aus Venture Capital und Crowdfunding aber nicht für alle Startups geeignet. Zum einen ist sie nur für Unternehmen mit einem Consumer-Produkt interessant. Software oder Serviceleistungen lassen sich nur sehr bedingt über solche Plattformen anbieten und generieren selten die notwenige Aufmerksamkeit. Auch der Zeitpunkt spielt eine wichtige Rolle. Das Unternehmen sollte in der Produktentwicklung bereits in Richtung Marktreife gehen und innerhalb eines Jahres liefern können. Nur so sind die erlangten Informationen für eine marktaktuelle Ausrichtung nützlich und kann die Medienwirksamkeit voll ausgeschöpft werden.

In der Symbiose verschiedener Finanzierungsformen liegt durchaus viel Potenzial, aber nicht immer. So sind Crowdinvesting – Finanzierung von Startups durch viele einzelne Geldgeber – und Venture Capital beispielweise nicht leicht zu kombinieren. Die dadurch oft sehr hohe Zahl der Anteilseigner verkompliziert die Unternehmensstruktur und erschwert nachfolgende Finanzierungsrunden. Startups sollten sich das bei der Finanzierungswahl bewusst machen. Eine extreme, aber durchaus vielversprechende Art des Crowdfunding sind die Initial Coin Offerings. Bei den sogenannte ICOs handelt es sich um unternehmenseigene Kryptowährungen, an die unterschiedliche Leistungen geknüpft werden. Die Zeit wird zeigen, wie tragfähig die ICOs nach der regulatorischen Prüfung noch sind.

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1 Kommentar auf "Venture Capital und Crowdfunding – ein unerwartetes Paar"

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