Man kann es sich schwer vorstellen, aber Zukunftsforscher rechnen mit einer dramatischen Landflucht. Bereits heute leben fünfzig Prozent der Weltbevölkerung in Städten und somit auf nur zwei Prozent der Weltoberfläche. Laut Schätzungen der UN wird dieser Wert bis 2050 auf etwa zwei Drittel zunehmen, während zeitgleich die Weltbevölkerung auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen dürfte. Die Stadt wird dann – noch mehr als heute – zum absoluten Lebensraum der Zukunft. Die Basis dafür sind neue Konzepte des Urban Planning.

Die künftigen Herausforderungen, die auf unsere Städte zukommen, kann man bereits heute in luftverschmutzen Mollochen wie Neu Delhi, São Paulo, Mexico City oder Shanghai erahnen. Ein Blick auf die dortigen Dunstglocken zeigt, dass Millionenmetropolen und saubere Luft scheinbar im direkten Widerspruch zueinander stehen. Derzeit gilt die Formel: Je größer die Stadt, desto dreckiger die Luft. Laut World Health Organisation (WHO) starben im Jahr 2013 alleine 3,7 Millionen Menschen verfrüht an den Folgen von gesundheitsschädlicher Luftverschmutzung. Dabei ereigneten sich 92 Prozent der Todesfälle in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. In Neu-Delhi war die Belastung im November 2017 so schlimm, dass ein Tag Aufenthalt in Neu-Delhi laut einer Studie der Belastung von 42 gerauchten Zigaretten entspricht.

Zwar ist die Situation in Deutschland deutlich harmloser; trotzdem winken hierzulande drastische Maßnahmen wie Fahrverbote, um die überhöhte Feinstaubbelastung endlich in den Griff zu bekommen. Inzwischen schaut auch die EU nicht mehr tatenlos zu und hat Deutschland gerade wegen konstanter Nicht-Einhaltung der vorgeschriebenen Umweltziele und schlechter Luftqualität abgestraft. Damit ist die Bundesrepublik einer von sechs europäischen Staaten, die keinen ausreichenden Maßnahmenkatalog entwickelt haben, um der anhaltenden Überschreitung der Grenzwerte für Stickoxide im Straßenverkehr und in der Industrie sowie für den Feinstaub aus Industrie, Heizungsanlagen, Verkehr und Landwirtschaft entgegenzuwirken.

Grünes Urban Planning entlang der Autobahn. Foto: Adam Wiseman
Grünes Urban Planning entlang der Autobahn in Mexico. Foto: Adam Wiseman

Urban Planning: Eine Chance für Startups

Angesichts dieser bedenklichen Tendenzen rückt Urban Planning in den Mittelpunkt: Wie wollen wir in Zukunft leben. Wie möchten wir wohnen, uns fortbewegen und uns ernähren? Und wie könnte das Zusammenleben in den Städten künftig aussehen? Die vielleicht wichtigste Frage dabei: Kann man der menschlich verursachten Luftverschmutzung in Zeiten von Bevölkerungswachstum, Mega Cities, Klimawandel und Ressourcenknappheit überhaupt Einhalt gebieten? Genau in diesem Urban Planning liegt eine große Chance für junge Unternehmen, die mit technologiegestützten Lösungen auf den Markt preschen.

Startup-Businessplan Einmaleins: Markt: riesig. Problem: überlebenswichtig.

Und so wetteifern sogenannte Green Technology Startups auf der ganzen Welt um die beste Lösung, die Natur zurück in die Stadt zu holen und die Stadt dauerhaft lebenswert zu machen. Sie tun dies in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Disziplinen wie Urban Gardening-Projekten, Urban Farming, Urban Planning oder Pocket Gärten, begrünten Fassaden, Dachgärten oder vertikaler Landwirtschaft.

„Green EconomyStartups machen 15 Prozent aller Gründungen aus“

Laut Erhebung des Bordersteps Instituts machen die Green Economy-Startups 15 Prozent aller Startup-Gründungen aus. Bereits heute ein echter Wirtschaftsfaktor. Vertikale Ökosysteme auf dem Vormarsch Doch nicht nur Startups, auch Architekten und Urban Planinng spielen bei der Umwälzung der Innenstädte eine entscheidende Rolle. Sie haben in Fassadenbegrünungen ein Gestaltungselement entdeckt und sorgen nun weltweit mit spektakulären Projekten für Aufsehen. Und für den ersten Funken Optimismus.

Eines der auffälligsten Architektur-Projekte sind die bepflanzten Zwillingstürme des Bosco Verticale (deutsch: senkrechter Wald) in Mailand. Die beiden Hochhäuser mit einer Höhe von 80 und 110 Metern sind eine grünen Oase mitten im Herzen Mailands. Insgesamt beherbergen die beiden Wohntürme genauso viele Bäume wie eine Waldfläche von 10.000 Quadratmetern.

Spektakuläre Optik trifft auf wegweisendes Modell

Ähnlich sieht es im kolumbianischen Medellin aus, wo man im Stadtviertel El Pablo eine beeindruckende 92 Meter hohe „lebende Wand“ bestaunen kann. Dieser vertikale Garten gehört weltweit zu den höchsten seiner Art. Die Grünpflanzen an der Hauswand sind multifunktional. Sie isolieren, filtern die Luft und dämmen den Schall. Die lebende Wand wird dabei von hunderten ausgesuchten einheimischen Pflanzen bewuchert, die sich leichter an die vorhandenen Bedingungen anpassen können.

„Grüne Gebäudehüllen reduzieren die Luftverschmutzung bis zu 20 Prozent“

Die Fakten stimmen hoffnungsvoll: Laut einer Arup-Studie reduzieren grüne Gebäudehüllen die Luftverschmutzung in den Innenstädten um bis zu 20 Prozent auf Straßenebene. Begrünte Gebäude mindern den Schallpegel von Verkehr und anderen Geräuschquellen um bis zu 10 Dezibel und senken die Temperaturen in den Städten, verlangsamen den Regenwasserabfluss, sparen Energie und helfen Stress abzubauen.

Doch nicht nur Hauswände können als Pflanzenbeet dienen: In der Millionenstadt Mexico City, wo die Luftsituation zu den angespanntesten der ganzen Welt gehört, hat der heimische Architekt Fernando Ortiz Monasterio eine der meistbefahrenen Straßen begrünt, indem er an 50 Säulen des City-Highways grüne Teppiche aus Efeu, Fuchsschwanz und Aralia installierte. In den kommenden Monaten sollen weitere 650 Säulen hinzukommen womit die begrünten Stelzen eine Gesamtfläche von mehr als 40 000 Quadratmetern einnehmen werden. Das biologische Prinzip dieses Urban Planning Konzepts: Die Pflanzen bekommen ihre Nahrungsmittel aus der Luft und eliminieren dabei Feinstaub, Stickoxide und Kohlenstoffdioxid. Durch die Positionierung am Straßenverkehr kann der natürliche Luftfilter dort arbeiten, wo die Emission entsteht.

Es gibt bereits Nachahmer: Auf der Stadtautobahn Minhocão in São Paulo wurde ein ähnliches Projekt umgesetzt, als auf einer Länge von 3,5 Kilometern insgesamt 90 vertikale Parks errichtet wurden. Eine „handlichere“ Lösung kommt vom deutschen Startup Green City Solutions, das den sogenannten „City Tree“ entwickelt hat, einen etwa fünf Meter hohen Stadtbaum aus Moosen, die in 1.700 kleinen Töpfen stecken. Laut eigener Angaben absorbiert ein „City Tree“ so viele Luftschadstoffe wie 275 herkömmlich gepflanzte, ausgewachsene Bäume (hundert Bäume oder zweieinhalb Fußballfelder). Jeder dieser Bio-Filter soll die lokale Luftverschmutzung in einem Umkreis von bis zu 50 Metern um bis zu 30 Prozent reduzieren können.

Doch nicht nur im Outdoor-Bereich passiert in Sachen Urban Planning Bemerkenswertes: Ein aufsehenerregendes Projekt mit Potenzial zum Trendsetter sind die neuen Mini-Regenwaldkugeln von Amazon in Seattle, die unlängst nach siebenjähriger Planung und Bauzeit eröffnet wurden. Die Gewächshäuser, die auf den futuristischen Namen „Amazon Sphere“ hören, beherbergen 40.000 Pflanzen aus 30 verschiedenen Ländern der Welt. Die „Sphären“ sind als Rückzugsort für Amazon-Mitarbeiter konzipiert, für Pausen und für Meetings. Sie befinden sich in unmittelbarer Nähe des Amazon Headquarters. Und auch hier findet man lebende Wände, die als vertikale Gärten mit über 25.000 Pflanzen angelegt sind.

Für bessere Luft im Berliner Hauptbahnhof pflanzte die DB einen City Tree. Foto: DB / CityTree
Für bessere Luft im Berliner Hauptbahnhof pflanzte die DB einen City Tree. Foto: DB / CityTree

Auch Indoor tut sich eine Menge

Jeff Bezos ist ohnehin als Tech-Visionär bekannt, von daher verwundert es nicht, dass sich Amazon mit derart revolutionären Projekten umgibt. Weniger bekannt, aber in der Vertical Farming-Szene deutlich aktiver ist Kimbal Musk. Der „andere Musk“ ist zwar nicht so berühmt wie sein großer Bruder Elon, ihm wird aber ein vergleichbares Gespür für Trends nachgesagt. Kimbal Musk, von der FAZ liebevoll als Weltverbesserer betitelt, hat mit „The Kitchen“ bereits eine Restaurantkette eröffnet, bei der man genau weiß, wo die Zutaten im Essen herkommen. Doch mit seinen Projekten setzt er noch früher in der Wertschöpfung an – nämlich bei der Lebensmittelproduktion: In Zeiten zunehmender Verstädterung und drastisch steigenden Bevölkerungszahlen träumt Musk von riesigen Hochhäusern, in denen künftig Pflanzen auf mehreren Etagen angebaut werden.

Mit seinen Vertical Farming Projekten, also Agrarbetriebe im Hochhausformat, möchte er die Landwirtschaft wieder näher zu den Konsumenten zu bringen und den Weg zur modernen Massenspeisung ebnen. Ein Riesenmarkt, wenn man Dickson Despommier, Professor für Mikrobiologie an der Columbia University in New York, Glauben schenken möchte. Despommier forscht seit 1999 an dem Thema uns ist überzeugt, dass man zusätzliche Anbauflächen von mindestens der Größe Brasiliens bräuchte, wenn man alle Menschen der Welt adäquat ernähren wolle. Zumal in vielen der schnell wachsenden Länder das Klima ungünstig für Ackerbau ist: Fluten und Dürren haben die Böden ausgelaugt, Wasser ist knapp.

Ähnliche Projekte wie die von Kimbal Musik werden derzeit auch in Japan getestet. Nach Fukushima sucht man nach Möglichkeiten, sich von der ausgelaugten herkömmlichen Agrarlandschaft unabhängig zu machen. Hier sind Hochhäuser, in denen Pflanzen in einer Nährlösung und ohne Pestizide großgezogen werden, eine echte Alternative des Urban Planinng. Vor allem existieren keine Winterpausen, weshalb bis zu neunmal pro Jahr geerntet werden kann.

Vorsichtiger Optimismus

Die neuen Technologien geben also Grund zum Optimismus, dass das Leben in der Stadt der Zukunft grüner sein wird als heute und sich ein stärkeres ökologisches Bewusstsein etablieren lässt.

Und dass es gelingen wird, den Nebenwirkungen der Urbanisierung Einhalt zu gebieten und die zunehmende Verdichtung von Städten, den Klimawandel und die Luftverschmutzung zu kompensieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt vor, dass neun Quadratmeter Grün pro Einwohner nötig seien, um chronische Atemprobleme zu verhindern. Mit Urban Planning und Vertical Farming scheint dieses Ziel greifbar. Am Ende ist es ist wie so oft: Man muss nur machen.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 29.

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