Christian, warum ist Uber gut für die Menschheit?

Christian Freese: Wir schaffen bezahlbare, sichere und zuverlässige Mobilität auf Knopfdruck. Das hat es auf diese Art und Weise noch nicht gegeben. Und das in mittlerweile mehr als 400 Städten weltweit. Wir verändern, wie Menschen von A nach B kommen.

Klingt erst einmal nicht so weltbewegend.

Christian Freese: Ich bin erst vor einem Jahr nach Berlin gezogen, habe davor fünf Jahre in London gelebt. Dort habe ich noch die Zeit erlebt, als es nur Black Cabs gab, dann kam Hailo, dann Uber. Ich habe an mir selbst beobachten können, wie auf einmal meine Reichweite in der Stadt größer wurde, wie ich in andere Restaurants gegangen bin, Freunde abends gesehen habe, die ich sonst nicht getroffen hätte – durch diese einfache, bequeme Art, von A nach B zu kommen, die mich die Hälfte von dem kostet, was ich sonst gewohnt war. Das hat verändert, wie ich mich bewegt habe. Ein Beispiel: Ich habe mir ein Klappfahrrad gekauft, weil ich auf einmal am Abend mit dem Fahrrad irgendwo hinfahren wollte, aber zurück nicht mehr, weil es einigermaßen gefährlich ist, nachts in London mit dem Fahrrad zu fahren. Und dann packt man das Rad einfach in ein Uber-Fahrzeug und fährt nach Hause. Diese Transformation, wie die Menschen sich bewegen, ist die eigentliche Revolution von Uber.

Was unterscheidet Uber von anderen Anbietern?

Christian Freese: Bezahlbare Mobilität ist uns besonders wichtig. Manche fragen uns, warum sammeln wir überhaupt so viel Geld bei Investoren ein. So viel könne man doch gar nicht in Menschen, in Technologie und Marketing investieren. Wir brauchen dieses Geld aber für unsere Strategie: Wir gehen günstig in Märkte, das kostet. Aber die niedrigen Preise kurbeln die Nachfrage an. Dadurch wird das ganze System effizienter. Denn: Je mehr Nachfrage da ist, desto weniger Leerzeiten entstehen für die Fahrer.

Wie verändert sich die Nachfrage konkret?

Christian Freese: Ein Taxifahrer steht 72 Prozent seiner Zeit leer, bei uns dagegen sind die Fahrzeuge 70 bis 80 Prozent voll. Durch diesen Effizienzgewinn um den Faktor drei bis vier können wir erstens niedrige Preise machen, zweitens die Fahrer besser bezahlen und drittens eine Kommission für Uber rausnehmen. In die Richtung bezahlbares Fahren gehen wir mit Uber Pool konsequent weiter.

Was ist Uber Pool?

Christian Freese: Wir sehen in vielen Märkten, dass die Nachfrage irgendwann so groß wird, dass viele Fahrten in dieselbe Richtung gehen. Da haben wir uns gefragt: Macht es nicht Sinn, statt zweimal die gleiche Strecke zu fahren, einmal zu fahren und dabei gleich mehrere Kunden mitzunehmen? Das ist die Idee von Uber Pool, und die haben wir im vergangenen Jahr gestartet. Mittlerweile sind wir damit in 30 Städten.

Wie funktioniert Uber Pool aus Kundensicht?

Christian Freese: Ganz einfach. Du gibst auf deiner App ein, wohin du möchtest, der Algorithmus rechnet zwei, drei Sekunden und findet jemanden, der auf dem Weg in dieselbe Richtung möchte. Und so teilt ihr euch die Fahrt.

Also jeder zahlt nur 50 Prozent?

Christian Freese: Fast, es sind rund 60 Prozent des eigentlichen Fahrpreises. So haben wir am Ende 120 Prozent Kuchen – den wir dann zwischen Fahrer und uns aufteilen können.

Mobilität muss aber nicht nur günstig, sondern auch sicher sein.

Christian Freese: Das ist ganz wichtig für uns. Vor allem, wenn du dir anschaust, in welchen Städten wir präsent sind. In Berlin magst du dich vielleicht um drei Uhr nachts draußen hinstellen, die Hand heben und ein Auto herwinken, wenn du aber in Nairobi, Johannesburg oder Kapstadt unterwegs bist, ist die Lage eine andere. Hier hilft unsere App: Du siehst, wer dein Fahrer ist, kennst sein Nummernschild und hast seine Bewertungen. Außerdem kannst du dich darauf verlassen, dass jeder Fahrer von uns zertifiziert und geprüft ist. Ebenfalls wichtig: Du musst nicht auf der Straße warten, denn du siehst in der App, wie der Fahrer ankommt. Du gehst erst dann auf die Straße, wenn das Auto vorfährt.

Und wie zuverlässig sind Eure Fahrer?

Christian Freese: Wir haben in Berlin von allen Uber-Städten die kürzesten Anfahrtszeiten. Mit Uber Taxi ist in zwei Minuten ein Fahrzeug da.

Was macht die zunehmende Mobilität mit uns?

Christian Freese: Wir werden spontaner. Früher haben wir uns per Festnetztelefon verabredet, das war dann fix. Heute gehen die Menschen zuerst in einen Stadtteil und koordinieren sich dann per Mobiltelefon. Wir entscheiden heute im Moment, nach Wetter- oder Gefühlslage, mit wem wir unterwegs sein wollen. Und mit unserem zuverlässigen Produkt wird ein solches Verhalten möglich.

In der Presse werdet Ihr bisweilen aber nicht als Heilsbringer bezeichnet.

Christian Freese: Weil Negativschlagzeilen Klicks bringen. Das lernen Journalisten wahrscheinlich am ersten Tag im Studium. Es gab zum Beispiel die Story, dass ein Uber-Fahrer einen Betrunkenen im Kreis gefahren hatte. Das war Negativpresse für Uber. Der Punkt aber ist: Wahrscheinlich gibt es solche Geschichten mit anderen Verkehrsträgern tagtäglich, aber bei Uber fliegt so etwas auf – zum Glück! Wir schicken nach jeder Fahrt den Fahrbeleg, da steht nicht nur drauf, was bezahlt wurde, sondern auch die Einzelheiten. Und wenn der Kunde dann sieht, dass er im Kreis gefahren wurde, drückt er den Support-Knopf, schreibt in einer E-Mail, was passiert ist, und bekommt sein Geld zurück. Und dem Fahrer droht der Ausschluss von der Plattform. Uber ist transparent, deswegen kam die Geschichte in die Presse.

Etablierten Industrien könnt ihr gefährlich werden. Muss die Automobilindustrie um ihre Zukunft fürchten?

Christian Freese: Erst einmal: Wir kommen aus einer Welt, in der Verkehrsträger wie einzelne Silos waren. Öffentlicher Straßenverkehr hat genauso nur auf sich geschaut wie die Automobilhersteller. Verknüpfungen? – Fehlanzeige! Durch das Informationszeitalter kommen wir aber nun dahin, dass Menschen sich darüber informieren können, was die beste Lösung für sie ist. Die Silos brechen auf. Deswegen fangen die Automobilhersteller an, sich für die Autofahrer zu interessieren. Das Problem: Bisher sind meist nur die Autohäuser Kunden der Hersteller. Die Autohersteller kennen den Autokäufer gar nicht. Die wissen, welches Autohaus ein Auto verkauft hat, sonst wissen die wenig bis nichts.

Kein Kundenkontakt?

Christian Freese: Die können ab und zu Kundenbefragungen durchführen lassen, aber eine direkte Interaktion gibt es nicht. Und deswegen fehlt ihnen das Wissen, wie das Auto genutzt wird, und sie produzieren folglich nur, was die Autohäuser wollen.

Und davon wollen die Autohersteller verständlicherweise weg.

Christian Freese: So ist es. Deswegen machen sie jetzt zum Beispiel Carsharing und suchen den Kontakt mit uns.

Ihr seid also gefragt?

Christian Freese: Wir diskutieren auf verschiedenen Ebenen mit deutschen Automobilherstellern: zum Beispiel über flexibles Leasing, wenn jemand nur ein paar Monate fahren möchte, aber kein Auto kaufen will. Auch über Anknüpfungspunkte beim Carsharing diskutieren wir und über autonome Fahrzeuge. Die Welt verändert sich. Barrieren lösen sich auf. Airlines sprechen uns an, um die letzte Meile zu organisieren. Und wenn wir weiter nach vorne schauen, 20 Jahre etwa, dann sind wir beim autonomen Fahren. Dann ist auch Carsharing von gestern. Dann fährt das Auto zu dir. Und im öffentlichen Nahverkehr wird vermutlich kein Doppelgelenkbus mit drei Achsen durch die Stadt fahren, sondern kleinere, flexiblere Fahrzeuge.

Was bedeutet das für das Verkehrsaufkommen?

Christian Freese: Es gibt Studien zum autonomen Fahren in Berlin, dass man nur noch 100.000 Autos bräuchte, weil die Organisation deutlich effizienter wäre. Die Autos würden sich dann jeden Abend je nach Bevölkerungsstruktur verteilen und auf Parkplätzen warten.

So weit sind wir noch nicht.

Christian Freese: Nein. Die Entwicklung verläuft sowieso in Zwischenstufen. Uber Pool ist so eine Zwischenstufe. Wir nutzen die Ressource Fahrt zunehmend besser. In San Francisco beispielsweise laufen 50 Prozent der Fahrten mittlerweile über Pool. Die Fahrgastzahlen nehmen zu, die Trips ab. Wir sind in San Francisco heute mehr als doppelt so groß als vor einem Jahr – bei gleichzeitig weniger Fahrten. Weil wir mehr Menschen in weniger Autos bekommen.

Welche Rolle nimmt Uber in Euren Zukunftsszenarien ein?

Christian Freese: In der Gegenwart gelingt es uns, die Leerzeiten von Transportmitteln zu reduzieren mit der Folge günstigerer Preis. So steigen wir in den Markt ein, daraus kann sich viel entwickeln.

Das Interview führte Jan Thomas. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley 05-06/2016.

Uber, Christian Freese

Christian Freese

ist General Manager von Uber Deutschland. Zuvor war er Principal bei Roland Berger. Dort verantwortete er das europäische Mobilitätsgeschäft und unterstützte globale Unternehmen aus dem Transportsektor bei der Entwicklung von Digital- und Wachstumsstrategien. Er absolvierte einen bilingualen MBA der IESE Business School in Barcelona und studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der KIT in Karlsruhe.

Uber-Logo

Quickfacts: Uber

Gründung: 2009
Gründer: Travis Kalanick, Garrett Camp
Mitarbeiter: 6500 global, 20 in Deutschland
Standort: Berlin in Deutschland, Hauptquartier in San Francisco, mehr als 400 Standorte weltweit
Service: Online-Vermittlung von Fahrdiensten
uber.com

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