Die FinTech-Branche sendete zuletzt sehr unterschiedliche Signale. So sah es Ende 2018 noch danach aus, als wäre der vorläufige Höhepunkt der Marktaktivitäten erreicht und Neugründungen gingen zurück. Die aktuellen Zahlen sind jedoch beeindruckend: Gemäß EY Start-up-Barometer flossen im ersten Halbjahr 2019 rund 700 Millionen Euro in den deutschen FinTech- und InsurTech-Sektor. Dies entspricht einem Wachstum von 78 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Einige Marktteilnehmer konnten in diesem Zeitraum teilweise spektakuläre Erfolge verbuchen. So stieg etwa N26 in den Rang der Unicorns auf und vermeldet 3,5 Millionen Kunden. Mit der Übernahme der Frankfurter MHB-Bank und dem Einstieg von Goldman Sachs machte unlängst das Berliner FinTech Raisin von sich reden. Deposit Solutions aus Hamburg verzeichnet mittlerweile eine Unternehmensbewertung jenseits von 500 Millionen US-Dollar. Und der Münchner Zahlungsanbieter Payworks wurde im Juli vom amerikanischen Kreditkartenunternehmen Visa übernommen. Im InsurTech-Bereich konnte das Berliner Start-up Wefox signifikante Finanzierungssummen von internationalen Kapitalgebern einwerben. Dies sind nur einige Beispiele.

Unterschiedliche Risikobereitschaft

Häufig sind es internationale Investoren die bereit sind, für ausgereifte Geschäftsmodelle auch höhere Summen in die Hand zu nehmen. Hier sehen wir neben Finanzbeteiligungen erfreulicherweise vermehrt Partnerschaften nach strategischen Gesichtspunkten. Zu den Investoren, die Appetit an hiesigen Finanz-Start-ups bekommen haben, zählen etwa ABN Amro, Blackrock oder Tencent. Entsprechend steigt die Anzahl derjenigen Start-ups, die potenziell als Unicorns in Frage kommen. Die Risikobereitschaft deutscher Investoren bezieht sich häufig eher auf Starthilfen mit niedrigeren Investments. Wichtig wird künftig sein, mittelgroße Deals in Deutschland zu sichern, die es braucht, um Geschäftsmodelle von Start-ups nachhaltig zu entwickeln.

Evolutionsschritte durchlaufen

Dass Banken mit FinTechs zusammenarbeiten, ist für das deutsche Finanz-Ökosystem bereits normal. Hier hat die Branche bereits mehrere Evolutionsschritte durchlaufen: Technologiegetriebene Firmen, die digitale Finanzprodukte entwickeln, haben sich von B2C-Geschäftsstrategien (mit eigener Endkunden-Akquise, die häufig eine erhebliche Kostenhürde darstellt) tendenziell eher abgewendet und den Fokus stärker auf Technologiedienstleistungen und Partnerschaften mit etablierten Banken und Versicherungen gelegt oder mit anderen FinTechs fusioniert. Von diesen Fusionen könnten wir in Zukunft mehr sehen.

Der nächste Meilenstein im Reifegrad der Branche ließ sich daran festmachen, dass FinTechs zunehmend untereinander kooperieren und eigene Ökosysteme rund um ihre Kernprodukte aufbauen.

Regulatorischer Hintergrund der FinTech-Branche

Künftig wird das Aufbrechen der Wertschöpfungsketten im Banking die Finanzlandschaft noch einmal erheblich verändern. Mit der aus Brüssel getriebenen Deregulierung und Öffnung des Bankensektors wird eine weitere Ausweitung der Marktteilnehmer angestrebt. Noch sind die Zahlen relativ ernüchternd: Per Juli 2019 dürften gut ein Dutzend FinTechs mit einer PSD2-Lizenz (Zahlungsdienst-Richtlinie, die Drittdienstleistern das Auslesen eines Bankkontos mit Kundenzustimmung erlaubt) in Deutschland aktiv sein. Noch haben die etablierten (Groß-)Banken, jenseits der regulatorischen Freischaltung der Programmierschnittstellen (API), eine starke Stellung.

Konvergierende Ökosysteme

Besonders spannend wird es dort, wo es zu einer potenziellen Verschmelzung mit der Wertschöpfung anderer Branchen kommt. Dies sehen wir beispielsweise bereits im Mobility- oder Travel-Bereich. Finanzinstrumente und Kontaktpunkte mit Banken treten in den Hintergrund. Angebot und Betreuung kommen aus dem Kontext des Kundendialogs und werden entlang der Kundenbedürfnisse – von der Flugbuchung, über Hotels bis hin zu Finanzierungs- und Ratenvorschlägen – dynamisch aufgebaut.

Auch Technologie-Multinationals wie Alibaba und Amazon sind branchenfremde Player, für die Banking eigentlich kein Kerngeschäft ist. Gleichsam sind sie, durch die hohe Zahl an Transaktionen und Gelder, die sie – bislang eher als Mittel zum Zweck – verarbeiten, Banken-Wettbewerber. Diese oder ähnliche Player werden in das Geschäft hineinstoßen, wenn die Banken aus ihrer Sicht nicht befriedigend liefern. Durch ihre Zahlungstransaktionen verfügen auch sie über viele Datenquellen, die man nicht unbedingt gerne an Dritte weitergeben möchte. Der Besitz und die Analyse von Daten werden also immer entscheidender.

FinTech-Branche: Internationalisierung schreitet voran

Die Internationalisierung der FinTech-Branche hat zwei Facetten: Einerseits versuchen zahlreiche nationale FinTechs, über Expansionen eine größere Kundenbasis aufzubauen. Zu denjenigen, die ihre Technologien auch im Ausland ausrollen, zählen zum Beispiel Deposit Solutions und Scalable Capital sowie N26. Die Berliner Smartphonebank hat zusammen mit dem Whitelabel-Partner Axos eine Mobile-Banking-App in den USA gestartet. Gleichzeitig drängen internationale Anbieter auf den – aufgrund seiner Wirtschaftskraft – attraktiven deutschen Markt. Dies verleiht grenzüberschreitenden FinTech-Aktivitäten zusätzliche Dynamik. Zu denjenigen Banking-Start-ups, die derzeit in Deutschland Fuß fassen oder bereits konkrete Infrastrukturen aufgebaut haben, zählen etwa Revolut und Tandem aus Großbritannien sowie die Air Bank Germany aus Tschechien und die niederländische Bunq.

Ausblick: Konsolidierung oder Transformation?

Wird das deutsche FinTech-Ökosystem nachhaltig weiterwachsen? Wie wird sich die Szene in den nächsten Monaten verändern? Klar ist: Die deutsche FinTech-Branche ist erwachsener und reifer geworden. Allerdings stehen den Erfolgen einzelner Häuser auch erhebliche Herausforderungen gegenüber. Viele FinTechs scheitern erst drei oder vier Jahre nach ihrer Gründung. Hier würde ich mir wünschen, dass dies weniger als „Makel“ gesehen wird, das heißt wir benötigen einen aufgeschlosseneren kulturellen Umgang mit dem Thema. Scheitern ist „normal“ und oftmals ein wichtiger Erfahrungsschatz für nächste Projekte.

Das Verhältnis zu den traditionellen Finanzinstituten wird weiterhin eine Art „kompetitiver Symbiose“ bleiben, also sowohl Partnerschaft, als auch Konkurrenz. Jüngstes Beispiel ist der Vorstoß der Allianz für eine eigene Finanzplattform mit dem Namen Iconic Finance. Auf politischer Ebene muss weiter an steuerlichen Anreizen gearbeitet werden, etwa an Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen in Start-ups.

In einer Zeit, in der große Institute ihre Aktivitäten reduzieren oder sich zum Abbau von Bilanzrisiken von Portfolien außerhalb des Kerngeschäft (sog. „Non-Core Assets“) trennen, sind wir davon überzeugt, dass FinTechs für weitere Innovationsschritte und die weitere digitale Transformation der deutschen Wirtschaft eine treibende Kraft sein werden.

Christopher Schmitz

Christopher Schmitz ist Partner bei der Beratungsgesellschaft EY und Leiter der europäischen FinTech-Practice. Für die EY Start-up Academy, die gemeinsam mit der Deutsche Börse AG, dem TechQuartier Frankfurt sowie dem Bundesverband Deutsche Startups und den Business Angels FrankfurtRheinMain veranstaltet wird, sucht er aktuell nach FinTech- und Tech-Start-ups. Neben einem Preisgeld profitieren die Gewinner vom Zugang zu einem Netzwerk von Kapitalgebern. Bewerbungen können gerne bis 31. August 2019 eingereicht werden: EY Start-up Academy
Christopher Schmitz Foto: EY
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