Insa Klasing hat als erste weibliche Geschäftsführerin Kentucky Fried Chicken im deutschsprachigen Raum zum Erfolg geführt. Auf dem Weg dorthin fiel ihr auf, dass bezahlbare Coaching-Angebote lediglich für Führungspositionen zur Verfügung stehen. So entstand die Idee vom Coaching im App-Format. Gemeinsam mit ihrem Bruder, dem CTO Klaas Klasing und der Psychologin Anke Kaupp gründete sie TheNextWe.

Wie genau funktioniert eure App?
Insa Klasing: Wir haben mit TheNextWe ein Programm entwickelt, mit dem hunderte von Mitarbeitern gleichzeitig auf allen Hierarchieebenen gecoacht werden können. Wir stellen mit TheNextWe jedem teilnehmenden Mitarbeiter für 12 Wochen einen Coach digital zur Seite, der den Mitarbeiter beim Erreichen eines messbaren Ziels 1:1 unterstützt. Während der gesamten Zeit sind Coach und Mitarbeiter telefonisch und via Chat in Kontakt, so entfallen Reisekosten und Reisezeit. TheNextWe ist quasi ein „Coach in der Hosentasche“, der per Chat immer dabei ist. Damit bleibt Coaching komplett personalisiert, ist aber erstmals messbar und skalierbar.  

Im ersten Monat geht es darum, ein Ziel herauszuarbeiten und mögliche mentale Barrieren auf dem Weg dorthin auszuräumen. Dann wird ein Aktionsplan für die nächsten zwei Monate erstellt, um das neue Denken im Tagesgeschäft zu verankern, bis es zur Selbstverständlichkeit wird und das Thema nach 12 Wochen dann tatsächlich durch ist.

Was hat dich dazu bewegt, für die Gründung deine sehr erfolgreiche Karriere im Corporate-Bereich aufzugeben?
Insa Klasing: Die Idee TheNextWe zu gründen und sich auf„Mindset-Wandel“ zu spezialisieren, wurde tatsächlich schon während meiner KFC Zeit geboren. Wir haben in den 5 Jahren, in denen ich bei KFC in Deutschland war, fast so viele Restaurants gebaut, wie in den gesamten 40-plus Jahren davor. Was am Ende den Erfolg gebracht hat, war keine neue Strategie oder neue Partner sondern ein kollektives Umdenken. In Deutschland sind alle immer schnell dabei, eine Strategieberatung einzuschalten und neue Prozesse aufzusetzen. Aber wenn es noch Vorbehalte bei den Beteiligten gibt, dann kann auch die beste Strategie nicht wirken.

Der Coaching-Markt war reif für Disruption

Das müssen sie genauer erklären. Wohingehend hat sich das Denken der Mitarbeiter denn geändert?
Insa Klasing: KFC war bereits seit 1968 am Markt, also viel länger als McDonalds, war insgesamt jedoch deutlich weniger präsent. Ich habe dann viele Gespräche mit den Mitarbeitern und Franchise-Partnern geführt  um herauszufinden, was sie brauchen, um mehr Restaurants zu bauen. Damals hätte ich mir jemanden gewünscht, der mir als CEO hilft, schnell und flächendeckend im gesamten Unternehmen ein Umdenken herbeizuführen, so wie wir es heute bei TheNextWe machen. Vielleicht hätten wir das Geschäft dann nicht nur verdoppelt, sondern verdreifacht.

„Business-Coaching ist heutzutage immer noch ein Führungsprivilegprivileg”

Und diesen Sparringpartner gab es nicht?
Insa Klasing: Ich habe mich nach passenden Coaching-Angeboten für alle Hierarchieebenen umgeguckt, aber da gab es einfach nichts bezahlbares am Markt. Business-Coaching ist heutzutage immer noch ein Führungsprivilegprivileg, da es mit großen Kosten verbunden ist. Es war mein Wunsch, dass jeder Mitarbeiter einen eigenen Coach bekommt, aber daran war gar nicht zu denken, weil die Kosten dafür viel zu hoch gewesen wären. Da wurde mir klar: der Coaching Markt ist reif für Disruption, reif für TheNextWe.

„Wenn man sich den Gründer-Virus einmal eingefangen hat, dann wird man ihn nicht mehr los.”

Würdest du nochmal gründen?
Insa Klasing: Ja, unbedingt, ich bin sehr froh, dass ich diese neue Aufgabe gefunden habe. Ich liebe es, dass man eine Vision einfach selber umsetzen kann, und selber den Hebel dazu in der Hand zu haben. Das macht mir einen Wahnsinns-Spaß, vor allem gemeinsam mit vertrauten Mitstreitern. Ich glaube, wenn man sich den Gründer-Virus einmal eingefangen hat, dann wird man ihn nicht mehr los.

Erste weibliche General Managerin weltweit

Was waren deine Herausforderungen als Frau?
Insa Klasing: Bei KFC war ich die erste weibliche General Managerin weltweit und dementsprechend war auch ganz schön viel Druck damit verbunden. Inzwischen gibt es mehr Frauen, die haben ordentlich aufgeholt.

Vielleicht auch, wegen deines Erfolges? Hätte ein Mann das denn auch schaffen können?
Insa Klasing: Natürlich, aber er hätte vielleicht einen anderen Weg gewählt. Frauen haben ein großes Bedürfnis alle mitzunehmen, haben eine besondere Antenne fürs Team, sind also sehr stark in der sozialen Kommunikation. Männer sind sehr stark in der Potenz-Kommunikation. Das heißt jetzt nicht, dass Frauen nicht auf den Tisch hauen können und Männer Stimmungen im Team nicht mitkriegen, aber die beiden Kommunikationsarten sind eben auf natürliche Weise ausgeprägt. Deshalb bevorzuge ich gemischte Teams, wie wir es auch im Gründerteam bei TheNextWe sind.

„Nur 16 Prozent der journalistischen Beiträge in den Bereichen Wissenschaft und Politik werden in Deutschland von Frauen geschrieben.”
Studie des European Journalism Observatory, Mai 2018

Was waren die Bausteine in deinem Leben die dir den Mut zum Gründen gegeben haben?
Insa Klasing: Unsere Eltern haben mich und meinen Bruder tatsächlich ziemlich genderblind erzogen. Sie haben immer darauf geachtet, dass wir beide die gleichen Chancen bekommen. Und auch meine Studienzeit in Oxford hat mich extrem geprägt, weil hier – außerhalb der akademischen Lehre – der Unternehmergeist extrem gefördert wird.

Welche Rolle spielt Auslandserfahrung in deinem Karriereprozess?
Insa Klasing: Meine Studienzeit in Oxford hat mich extrem geprägt, weil hier – außerhalb der akademischen Lehre – der Unternehmergeist sehr gefördert wird. Ich habe in Oxford meine erste Management Erfahrungen gesammelt und natürlich hat mir das sehr auf meinem weiteren Weg geholfen. Im zweiten Jahr meines Studiums war ich etwa Präsidentin der European Affairs Society, und hatte dort ein Team von zwölf Leuten sowie ein eigenes Budget. Man hat dort einen wahnsinnigen Gestaltungsspielraum und tausende von inspirierenden Menschen um sich, die ebenfalls neue Ideen wagen wollen.

„Ich glaube, dass Unis ein ganz wichtiges Spielfeld sind, auf dem noch viel mehr geschehen sollte.”

Hast du nicht in Oxford schon etwas gegründet?
Insa Klasing: Ja, ich habe während des Studiums eine NGO gegründet, die Schulen in Indien gebaut hat. Die Idee dazu hatte ich kurz vor dem Examen, und ich wollte unbedingt noch Oxford als Plattform nutzen, um an die entsprechenden Kontakte und das Funding zu gelangen. Das Feedback war fantastisch und mein Professor hat mich dabei unterstützt. Natürlich betonte er, ich solle darüber nicht mein Examen vernachlässigen, trotzdem hat er mich tatkräftig mit seinen Kontakten unterstützt.

Fehlt dieser Gründergeist ein bisschen in Deutschlands akademischen Kreisen?Insa Klasing: Ich glaube, dass Unis ein ganz wichtiges Spielfeld sind, auf dem noch viel mehr geschehen sollte. Die Studenten sollten früh Innovationsmethoden lernen, sich ausprobieren und vor allem auch in extrakurrikulären Feldern mehr auf die Beine stellen. Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig.

Siehst du dich heute selber als Mentorin?
Insa Klasing: Ja, als Young Global Leader des World Economic Forums geht es mir darum, die nächste Generation zu inspirieren, über dieses Konzern-Spiel hinaus zu denken, und eine mögliche Gründung zu erwägen. Dazu habe ich einige Workshops für die Global Shaper Community gehalten. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man etwas weiter gibt.

Warum das?
Insa Klasing: Ich glaube, das ist auch mit ein Grund, warum noch so wenig Frauen gründen: Sie kommen kaum mit weiblichen Gründerinnen in Kontakt, während Männer viel mehr Berührungspunkte haben. Natürlich gibt es tolle Gründerinnen, die auch super Vorbilder sind, aber es gibt einfach numerisch weniger. Und zum Teil sind sie auch weniger sichtbar.

Hast du noch weitere Tipps für junge Gründerinnen?
Insa Klasing: Ich singe unglaublich gerne und würde jedem Gründer – egal ob weiblich oder männlich – raten, sich so ein Herzensding zu bewahren. Seit meinem Umzug nach Berlin singe ich in der Berliner Domkantorei. Das ist der perfekte Ausgleich und macht mir eine Wahnsinns Freude. Ich komme jedes Mal erfüllt und aufgetankt aus der Probe und habe dann auch wieder Energie für Neues. Viele sehen den Aufbau ihres Startups wie einen Sprint, aber am Ende ist es doch ein Marathon. Ohne einen Ausgleich kommt man da schnell aus der Balance.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley 30.

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