Vor wenigen Jahren bekam ich von einem deutschsprachigen Mitarbeiter eines Accelerators im Silicon Valley zu hören: „Aus Stuttgart kommt einfach nichts.“ Das stimmt: Bei uns gibt es kein Zalando, kein Wimdu, keine Lieferhelden und wie die bekannten B2C-Startups heißen. Auch die gefühlte Szene ist eine andere: Es treffen sich eben in den einschlägigen Kneipen der Bosch-Ingenieur mit dem Medieninformatiker, der jetzt irgendetwas mit Connected Cars macht. Und klar: Da sind auch Gründer, aber sie sind eben nicht unter sich.

Geht es den Leuten in Stuttgart einfach zu gut zum Gründen? Absolventen können sich die Jobs aussuchen, und gefühlt sind für viele der (ingenieurswissenschaftlich geprägten) Stuttgarter Disziplinen die Hürden viel größer. Zudem erinnert man sich ja immer noch an die spektakulären Zeiten der New Economy, als ein Stuttgarter Unternehmen namens Brokat eine Marktkapitalisierung im Bereich der Lufthansa hatte, um dann wenig später zu implodieren. Warum sollte man gründen, wenn der Ingenieur bei Bosch traumhafte Bedingungen für seine (Grundlagen-)Forschung findet, wenn sich der Tüftler bei Hidden Champions wie Fischer und Kärcher austoben kann und der Betriebswirt bei Daimler und Trumpf spannende Finanzdienstleistungen für reale Produkte gestaltet?

Auf Cluster ist man in Stuttgart stolz

An dieser Stelle könnte der Beitrag vorbei sein, aber bei einem zweiten Blick findet sich deutlich mehr. Es gab auch andere Unternehmen am Neuen Markt, GFT Technologies beschäftigt weit mehr als 3000 Mitarbeiter und gibt über Code_n viel an die Startup-Szene zurück. Teamviewer aus der Region Stuttgart legte 2014 einen stillen Exit im kolportierten Milliardenbereich hin, und auch Namen wie Simpleshow und die Regiohelden fallen einem ein.

Allen gemeinsam ist, dass sie keine B2C-, sondern B2B-Startups sind. Die Produkte sind erklärungsbedürftig, erschließen sich oft nur Insidern und sind oft alles andere als sexy. Dazu kommen die großen Unternehmen, welche sich an vielen Stellen in die Startup-Szene einbringen. Cluster ist so ein Stichwort, auf das man in Baden-Württemberg stolz ist. Man hat seine Partner und Lieferanten vor Ort, kurze Wege, das ist dann eine andere Form von Szene. Man tauscht sich nicht nur offiziell, sondern inoffiziell aus: im Sportverein, beim Mountainbiken oder beim Kindergartenfest. Die gefühlte Szene findet anders statt, und dennoch macht sich so manches etablierte Unternehmen Sorgen, weil man für manche Innovationen immer öfter aus der Region heraus und teilweise ins Silicon Valley fliegen muss. Gleichzeitig drängen der Fachkräftemangel und die Erwartungen der Generation Y, welche sich die Jobs aussuchen können.

Die großen Konzerne machen viel

Corporate Entrepreneurship ist allgegenwärtig in vielen Facetten. Die großen Konzerne haben vielfältige Aktivitäten, neben dem klassischen Venture Capital sind es die internen Startup-Plattformen für Ideen von Mitarbeitern und teilweise auch Programme, welche nach außen geöffnet werden. Jeder redet mit jedem, auf vielen Veranstaltungen treffen etablierte Unternehmen auf Gründer, auch eine Robert Bosch GmbH ist Gastgeber für ein Lean Camp.

Dennoch: Gefühlt bleiben bei solchen Treffen immer wieder einige Plätze leer. Es fehlen die Unternehmen, die Baden-Württemberg erfolgreich gemacht haben. Gemeint sind die innovativen KMUs, das heißt die kleinen Unternehmen und die Mittelständler: Spezialisten für bestimmte Maschinen, Messtechnik, Kunststoffteile oder auch Software aus einem der vielen Täler um Stuttgart herum. Das sind Unternehmen mit 20, aber auch mit 500 Mitarbeitern, welche im Jahr 2016 auf einige sehr erfolgreiche Geschäftsjahre seit der Krise von 2008/2009 zurückblicken. Sie tun sich immer schwerer, Auszubildende oder gar Hochschulabsolventen einzustellen („da trifft uns der demografische Wandel“) und bei der guten Konjunktur weiß man kaum, wie man aktuell die Arbeit bewältigt. Gespräche laufen wie folgt ab: „Innovationen?“ – „Wir geben doch unsere Produktverbesserungen nicht über den Patentantrag an die Konkurrenz in China heraus!“ „Neue Geschäftsmodelle?“ – „Die Tochter vom Eigentümer kümmert sich jetzt um den Onlineshop.“ „Silicon Valley?“ – „Die haben doch keine Ahnung von Hardware und Präzisionstechnik!“

„Zu gut, um in Zukunft bei den Besten dabei zu sein“, monierte vor einigen Jahren eine Studie. Das ist weniger Selbstgefälligkeit, sondern eher ein Effekt der harten Arbeit, die es kaum erlaubt, rechts und links zu schauen.

Es gibt große Potenziale 

Rechnet man die großen Player wie Daimler und Bosch heraus, ist der Spitzenplatz in der Innovationsfähigkeit gefährdet. Im regional bedeutenden Fahrzeugbau stammen nur 1,4 Prozent der Patentanmeldungen von KMUs. Es gibt große Potenziale durch Digitalisierung und Industrie 4.0, nur müssen sie gehoben werden. Früher primär technologiegetriebene Innovationen sind nun häufig auch Geschäftsmodellthemen. Da macht uns das Silicon Valley immer öfter etwas vor. Den Kleinen fehlen Energie und Zugriff auf Mitarbeiter mit Know-how. Dazu kommt eine gefühlte Entfernung von den Entwicklungen der Großen in und um Stuttgart.

Stuttgart ist eine verhältnismäßig kleine Stadt mit einem riesigen Speckgürtel. Die Stadt Stuttgart kommt auf 600.000 Einwohner, die Metropolregion Stuttgart auf 5,2 Millionen und übertrifft damit Irland bei Einwohnerzahl wie Bruttoinlandsprodukt. Das erklärt, warum so viel läuft und es dennoch bei vielen kleinen Unternehmen nicht ankommt. Die Region hat viele Hochschulen, Wirtschaftsförderer und Startup-Plattformen. Während jedes Startup vor Ort seinen Accelerator findet, tut sich der Mittelständler aus dem Remstal nur wenige Kilometer entfernt schwer. Der Technologieberater weiß nicht, ob man die neue Dienstleistung mit „großen Daten“ patentieren kann.

Der Berater der Hausbank hat noch nie Software finanziert, der Vertriebspartner möchte ein Produkt verkaufen. Was fehlt sind Berater, die in disruptiven Geschäftsmodellen denken. Ein Mitglied einer Kammer bat mich kürzlich um einen Vortrag zum Thema Lean Startup, um seine Berater aufzuwecken. Ihm selbst sei klar, dass sich das Geschäft massiv verändert, aber der Prophet im eigenen Lande gelte nichts.

Interessant ist vor diesem Hintergrund der neue Koalitionsvertrag. KMUs sollen in Digitalisierungsthemen ähnlich wie – und hoffentlich Seite an Seite mit – Startups unterstützt werden. Gelingt es, den neuen Startup-Spirit aus Stuttgart auch in die Region zu tragen und die B2B-Startups mit den KMUs zusammenzubringen, dann haben wir beste Voraussetzungen, dass Stuttgart wirklich zur Capital of Corporate Entrepreneurship wird.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 06/2016

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Vincent
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Vincent

Danke an Herrn Högsdal, dass er auch einen Einblick in das Kammersystem gewährt. Wirklicher Fortschritt wird nur möglich sein, wenn die Unternehmen erkennen, dass ihre Kammern Verwaltungsapparete sind und es wesentlich bessere Angebote gibt. Gerade in Schwaben sind die Kammern das Abbild der dort herrschenden Mentalität: Bräsigkeit, Besserwisserei, Standesdenken und Geklüngel.

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