Zehn Jahre ist es her, dass Apple mit dem iPhone das moderne Leben revolutionierte. Doch viele stationäre Händler hatten damals noch nicht einmal „dieses Internet“ verdaut. Und manche schwanken noch heute zwischen Skepsis und Überforderung. Digitalisierung betrifft natürlich auch den stationären Handel, die Grenzen zwischen stationär und online verschwimmen, der Kunde ist nicht mehr nur König, sondern muss vom Händler jeden Tag aufs Neue gehegt und gepflegt werden, und zwar auf allen Kanälen. Wir stellen in acht Teilen 50 junge Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette vor, die das Potenzial haben, den Handel langfristig zu verändern. Im vierten Teil: Hardware und Software.


Enfore: Helping to run your business

Enfore-Gründer Marco Boerries im Berlin-Valley-Interview (Bild: Jan Zappner)
Enfore-Gründer Marco Boerries im Berlin-Valley-Interview (Bild: Jan Zappner)

Weltweit gibt es ungefähr 200 Millionen Kleinunternehmen – das größte Einzelsegment der gesamten Technologiewelt – und keinen globalen Player, der sie bedient. Hier setzt Enfore an. Die ehrgeizige Mission des in Berlin und Hamburg ansässigen Startups: kleine und mittelständische Unternehmen zu digitalisieren und ins Internet zu bringen. „Help them run their business”, wie Gründer Marco Börries es ausdrückt.

Enfore ist bereits das vierte Startup des Entrepreneurs, der schon im Alter von 16 Jahren seine erste Firma Star Division gegründet und Microsoft mit seiner Software Staroffice Konkurrenz gemacht hat. Aktuell arbeitet er mit seinem Team unermüdlich an den Launch-Vorbereitungen eines Cloud-Betriebssystems für Kleinunternehmen.

Kombination aus Software und Hardware

Enfore versteht sich als offene Business-Plattform, die alle Aspekte des Geschäfts abdeckt und die wichtigsten Anwendungen für kleine Firmen zur Verfügung stellt: Reservierung, Kassensystem, Warenwirtschaftssystem, Bestellabwicklung, Logistik, Onlineshop. Dazu bietet Enfore auch gleich die passende Hardware an. Erfolgreiche Pilotprojekte bei Testkunden in Hamburg zeigen, dass das Startup mit dieser Kombination einen Nerv getroffen und eine dringend benötigte Lösung für Kleinunternehmen geschaffen hat. Auch die Resonanz auf die ersten Messeauftritte bei der Euroshop, der Cebit und der RBTE in London in der ersten Jahreshälfte 2017 war sehr positiv.

Sitz: Berlin
Gründung: 2009
Gründer: Marco Börries
Mitarbeiter: 65
Investoren: Index Ventures, Allen & Company, T-Venture, Mosaic Venture
URL: enfore.com


Kptncook: Die schlaue Rezept-App

Clever: Kptncook weiß, in welchen Supermärkten es die Zutaten gibt und wie viel sie jeweils kosten (Bild: Kptncook)
Clever: Kptncook weiß, in welchen Supermärkten es die Zutaten gibt und wie viel sie jeweils kosten (Bild: Kptncook)

Die Kptncook-App beantwortet die tägliche Frage „Was esse ich heute Abend?“. Mit drei wechselnden Rezeptvorschlägen pro Tag werden die Nutzer zum Kochen inspiriert und gleichzeitig von der Flut an Rezepten großer Kochportale verschont. Alle vorgeschlagenen Rezepte sind in 30 Minuten kochbar und beinhalten detaillierte Schritt-für-Schritt-Fotos sowie eine produktbasierte Einkaufsliste. Langes Überlegen, planloses Durch-den-Supermarkt-Laufen oder misslungene Gerichte bleiben so erspart. Die Rezepte kommen aus der Kptncook-Redaktion oder von kreativen Bloggern.

Rezeptbasiertes Einkaufen

Für die Zubereitung werden keine ausgefallenen Lebensmittel benötigt, alles ist im gut sortierten Supermarkt erhältlich. „Einfach, frisch und lecker, aber mit Pfiff” lautet die Devise. Durch Kooperationen mit dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel perfektioniert Kptncook das rezeptbasierte Einkaufen. Sortiert nach Händlern sieht der Nutzer sofort den jeweiligen Preis für das Gericht sowie den Standort der nächsten Filiale. Edeka, Rewe, Real, Combi und die Bio-Händler Bio Company, Denn’s, Alnatura und Tegut sind bereits in der App integriert.

Pilotprojekt stationäre Förderung

Aktuell läuft ein Pilotprojekt mit Real Berlin, um den rezeptbasierten Einkauf auch stationär zu fördern. Dafür wurde der Kptncook-Rezepte-Stand entwickelt, der wöchentlich mit drei Rezepten und den zugehörigen Zutaten bestückt ist – ein „One-Stop-Shopping“ innerhalb des Marktes. Dieses Konzept soll Händlern die Ansprache neuer Zielgruppen ermöglichen. Kunden werden durch ansprechende Fotos inspiriert, und das oftmals langwierige Suchen von Zutaten fällt weg. Durch die Vereinfachung der Einkaufsprozesse online und stationär werden die Nutzer und Kunden zum Kochen mit frischen Lebensmitteln motiviert. Seit dem 12. Juni nimmt Kptncook außerdem am Metro Accelerator powered by Techstars teil.

Sitz: Berlin
Gründung: 2014
Gründer: Eva Hoefer, Alexander Reeg
Mitarbeiter: 7
Investoren: Foodangels, Metro Accelerator
URL: kptncook.com


Innoactive: Mit Virtual Reality zu neuen Einkaufserlebnissen

Gründer Daniel Seidl. Im Hintergrund: die Innoactive VR-Kollaborationsplattform für verteilte Teams (Bild: Innoactive)
Gründer Daniel Seidl. Im Hintergrund: die Innoactive VR-Kollaborationsplattform für verteilte Teams (Bild: Innoactive)

In den vergangenen zehn Jahren sind die E-Commerce-Umsätze um über 250 Prozent gestiegen – und trotzdem präferieren neun von zehn Kunden den Einkauf im Markt. Aufgabe erfolgreicher Handelsunternehmen ist es daher nach wie vor, dem Kunden zum richtigen Produkt zu verhelfen. Innoactive entwickelt Virtual-Reality-(VR) und Augmented- Reality-(AR)-Softwarelösungen für mittelständische bis große Unternehmen. Im Einzelhandel konnte das Hardware Startup Innoactive mit der MediaMarktSaturn Retail Group bereits zwei erfolgreiche Anwendungen konzipieren und umsetzen.

Virtuelle Verkaufserlebnisse

Europas größte Elektronik-Fachmarktkette hat bereits Ende 2015 mit der Einführung virtueller Kauferlebnisse im Markt begonnen. Mit der von Innoactive entwickelten VR-Anwendung können Besucher sich mittels HTC Vive in drei virtuellen Wohnungen bewegen und deren Küchen mit Produkten der Marken Bosch, Siemens und AEG ausstatten. Das medienwirksame, virtuelle Erlebnis kam bei den Testern der Saturn-Märkte in Ingolstadt und Berlin sehr gut an. 97 Prozent der Teilnehmer gaben an, sie würden die Erfahrung weiterempfehlen.

Avatare als Verkaufsberater

In Saturn-Elektronikmärkten werden in einem Pilotprojekt außerdem virtuelle Kundenberater getestet. Mit der auf Basis der Microsoft HoloLens entwickelten Lösung des Münchner Startups werden interessierte Kunden vom virtuellen Avatar „Paula” empfangen und per Sprachsteuerung zu verschiedenen Produkten navigiert. Die Avatare sollen den Menschen hierbei aber nicht ersetzen, sondern eine spannende Ergänzung zur Optimierung des Kundenservice bieten.

Sitz: München
Gründung: 2014
Gründer: Daniel Seidl
Mitarbeiter: 25-30
URL: innoactive.de


Evopark: Parken, nur einfacher

Eröffnen auch kleinen Händlern neue Kundenpotenziale: die Gründer von Evopark (Bild: Evopark)
Eröffnen auch kleinen Händlern neue Kundenpotenziale: die Gründer von Evopark (Bild: Evopark)

Autofahrer sind die kaufkräftigste Kundengruppe für den Einzelhandel. Häufig stellt das Thema Parken aber eine der größten Hürden dar, um mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren: Parkplatzsuche, Ticketziehen, Schlangestehen am Kassenautomaten und das Gekrame nach Kleingeld zählen zu den nervigen Nebensächlichkeiten beim Shopping. Evopark macht das Parken deutlich einfacher und komfortabler: Mit der Parkkarte öffnen sich die Schranken im Parkhaus automatisch, Kunden parken bargeldlos und zahlen bequem einmal im Monat. Die zugehörige App zeigt freie Plätze in Parkhäusern der Umgebung und navigiert den Fahrer dorthin. Zudem sieht der Nutzer, welche Partner ihm Parkkosten erstatten. Die Parkkarte ist bundesweit und betreiberunabhängig gültig.

Innenstädte aufwerten

Evopark versteht sich als überregionaler, unabhängiger Dienstleister für Einzelhändler, Parkhausbetreiber und weitere städtische Partner. Mit ihnen gemeinsam entwickelt das Startup maßgeschneiderte Konzepte, die die Innenstadt attraktiver machen und den Handel vor Ort stärken. Einzelhändler können Autofahrern über Evopark einen Teil der Parkkosten abnehmen und so Kunden binden oder neue gewinnen. Evopark listet seine Partner in der eigenen App und auf der Website. Mit geringem Aufwand können so selbst kleine Geschäfte ganz neue Kundenpotenziale erschließen. Neue Angebote können online gestellt und sofort für Kunden sichtbar gemacht werden. Zu den Kooperationspartnern zählen bereits viele namhafte Unternehmen wie Porsche Digital, die Axa Versicherung oder Douglas.

Sitz: Köln
Gründung: 2014
Gründer: Tobias Weiper, Maximilian Messing, Marik Hermann, Sven Lackinger
Mitarbeiter: 14
Investoren: Porsche Digital, weitere namhafte Business Angels
URL: evopark.de


Inventorum: Das Cockpit für den Einzelhandel der Zukunft

Alleskönner: Das System von Inventorum unterstützt kleine Einzelhändler bei der Digitalisierung (Bild: Inventorum)
Alleskönner: Das System von Inventorum unterstützt kleine Einzelhändler bei der Digitalisierung (Bild: Inventorum)

Christoph Brem, Sohn einer Einzelhandelsfamilie aus dem bayerischen Deggendorf, kennt die Herausforderungen, vor denen heute jeder Ladenbesitzer steht: Er sollte vor Ort im Laden sein, er sollte einen Webshop betreiben, auf Amazon verkaufen und sich optimal auf Google positionieren. Die All-In-One-Software von Inventorum hilft kleinen Einzelhändlern, diesen Spagat zu schaffen, indem sie die täglichen Prozesse im Geschäft optimiert und zugleich den Online-Auftritt mühelos einbindet.

Von Deggendorf ins Silicon Valley

Brem gründete das Startup zusammen mit Experten aus der IT und dem Einzelhandel. Er lebte 16 Jahre lang in den USA, erlebte dort den Internetboom der 90er-Jahre bei Cisco, HP und AT&T Wireless mit und war maßgeblich am Aufbau von Startups im Silicon Valley beteiligt. Diese Erfahrungen flossen in die Entwicklung von Inventorum ein. Brems Vision: dem lokalen Einzelhandel den Einstieg in die Digitalisierung zu ebnen. Seine Software kombiniert Kassenabwicklung und Warenbestandsverwaltung ganz einfach auf dem iPad. Das System bietet eine Kasse mit Kassenbuch, Warenwirtschaft, vorbereitender Buchhaltung, Kundenverwaltung und integriertem Onlineshop. Das Produkt richtet sich an alle Einzelhändler – von Augenoptik bis Zoofachgeschäft.

„GRUNDLEGENDE PROZESSE DIGITALISIEREN”

„Der Einzelhandel muss die grundlegenden Prozesse digitalisieren, um flexibel zu sein und auf die immer schneller wachsenden Anforderungen reagieren zu können”, sagt Christoph Brem. Sein System unterstützt dabei, diese Prozesse optimal abzubilden und stetig zu erweitern. Für die Zukunft stehen die Erweiterung von E-Commerce- Lösungen und die Integration nutzerfreundlicher Zusatz-Software von Drittanbietern auf dem Programm.

Sitz: Berlin
Gründung: 2013
Gründer: Christoph Brem
Mitarbeiter: 45
Investoren: High-Tech Gründerfonds, Berliner Volksbank, DMII, Vogel Ventures, Funke Digital
URL: inventorum.com


Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner der Handel hat Berlin Valley das Sonderheft Digital Commerce (Auflage 120.000 Exemplare) veröffentlicht, in dem 50 Startups vorgestellt wurden, die den Handel nachhaltig verändern. In einer umfangreichen Serie stellen wir alle 50 Startups vor.

Die Bewerbungsphase für die kommende Ausgabe von Digital Commerce läuft. Alle Informationen zum Bewerbungsprozess.


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Dieser Artikel erschien zuerst in DIGITAL COMMERCE 2017 – 50 STARTUPS VERÄNDERN DEN HANDEL. Die Sonderbeilage von Berlin Valley in Zusammenarbeit mit Der Handel und der DFV Mediengruppe analysiert auf 116 Seiten Herausforderungen sowie Chancen des Handels in einer digitalen Welt und stellt zukunftsorientierte Startups aus der gesamten Wertschöpfungskette vor, die das Potenzial haben, den Handel langfristig zu verändern. DIGITAL COMMERCE 2017 – jetzt kostenlos laden und lesen

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