Im Vergleich zu den USA ist Europa mit etwa einem Sechstel des Investmentvolumens noch sehr viel kleiner aufgestellt. Doch wir sehen, dass der Trend in die richtige Richtung geht, und Europa langsam aufholt. Statistiken von CB Insights zeigen, dass das Investmentvolumen seit 2011 in Europa im Durchschnitt um 30 Prozent gewachsen ist, während es in den USA nur 23 Prozent sind. Auch US-Fonds haben immer mehr Interesse daran, ihr Geld mit europäischen Startups zu verdienen. Seit 2011 nehmen solche Investments jährlich durchschnittlich um 29 Prozent zu, wobei dieser Trend erst in den letzten zwei Jahren deutlich stärker geworden ist.

In unserem Portfolio haben wir Beteiligungen von Sequoia, Valar, Redpoint, Thrive, Union Square in Unternehmen wie 6Wunderkinder, EyeEm, Number26, Onefootball, Simscale. Es ist zu erwarten, dass wir davon in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr sehen werden. Doch es gibt immer noch zu wenig Kapital für Wachstumsrunden nach der Series A. 2014 wurde in den USA fünfmal soviel Geld in Wachstumsrunden investiert, als es für Early-Stage-Runden der Fall war – in Europa war es nur zweieinhalbmal so viel. Außerdem zeigen Statistiken der National Venture Capital Association, dass US-Unternehmen 2014 im Vergleich zu 2001 durchschnittlich doppelt so viel Zeit bis zu einem IPO brauchten. Das ist ein sehr gesunder Trend für die Firmen, doch es zeigt, dass mehr Geld benötigt wird, um ein Unternehmen erfolgreich zum Börsengang führen zu können. Vor diesem Hintergrund setzt auch Earlybird einen neuen Growth Fund auf.

Startup-Trend 1 – Das Ökosystem gewinnt an Reife

Das Silicon Valley hat Zugriff auf ein über 50 Jahre angesammeltes Know-how. In Europa haben wir ein sehr viel jüngeres Ökosystem, in dem unerfahrene Unternehmer und VCs lange zu viele Fehler machten. Doch auch unser Ökosystem wird älter und gewinnt an Reife. Im ersten Earlybird-Fonds von 1998 hatten nur sieben Prozent der Gründer unserer Portfoliounternehmen vorherige Gründer-erfahrung. Heute bringen zwei Drittel aller Unternehmen, in die wir investieren, solche Erfahrungen mit.

Startup-Trend 2 – Es entstehen mehr Unicorns

Stark beeinflusst durch den Zusammenbruch des Neuen Marktes im April 2000, führt der bisherige Mangel an großen Exits zu unterdurchschnittlichen, bisweilen sogar negativen Renditen von europäischen VC-Fonds. Die Anzahl an neuen europäischen Unicorns (Startups mit Unternehmensbewertungen von mehr als einer Milliarde Dollar) hat sich von insgesamt drei in der Dekade von 2000 bis 2010 auf 41 im Zeitraum von 2010 bis heute erhöht. Die Samwer-IPOs von Zalando und Rocket Internet im letzten Jahr hatten eine ausgezeichnete Vorbildfunktion. Sie haben gezeigt, dass Unicorns und IPO-Listings auch in Deutschland möglich sind, trotz viel öffentlicher Kritik. Um den Glauben an das Ökosystem zu vervollständigen, ist es nun wichtig, dass weitere Listings von wahrnehmbarer Größenordnung stattfinden.

Startup-Trend 3 – Berlin wird Digitalhauptstadt Europas

Berlins besonderer Charme und die vermeintlich niedrigen Lebenshaltungskosten ziehen Unternehmer aus der ganzen Welt an. Sehr viel wertvoller für Unternehmen sind jedoch die weltweit einzigartigen Kernkompetenzen, die sich durch die innovativen Cluster in Berlin etabliert haben und welche die Stadt allmählich als Digitalhauptstadt Europas manifestieren. Eine der Kernkompetenzen ist der schnelle internationale Rollout von Geschäftsmodellen, für die besonders Rocket Internet eine zentrale Rolle eingenommen hat. Mittlerweile gibt es nicht nur Mitarbeiter mit internationalen Sprachkenntnissen und Netzwerken, sondern auch solche, die schon einmal erfolgreich Produkte in anderen Ländern eingeführt haben. Da Innovation weltweit tendenziell zum gleichen Zeitpunkt stattfindet, ist diese Expertise ausschlaggebend, um sich als globaler Marktführer durchsetzen zu können.

Die zweite Kernkompetenz ist die weltweit einmalige Ballung von Know-how im Bereich Online-Marketing. Durch den Wissensaustausch ist es Unternehmen möglich, innovative Lösungen hervorzubringen, die für Startups aus anderen Ökosystemen schwer zu replizieren sind. Doch das Ökosystem muss unterstützt werden. Während sich die deutsche Regierung ausruht, werden andere Länder aktiv. Die britische Regierung hat sich derweil, unter anderem durch die Tech-City-Initiative und die Reise von David Cameron nach Asien mitsamt führenden Fintech-Unternehmen, aktiv dazu bekannt, Großbritannien als Fintech-Zentrum der Welt etablieren zu wollen. Solche Initiativen fehlen nach wie vor in Deutschland. Anhand von Beispielen aus unserem Portfolio beobachten wir für 2016 eine Reihe von Themen, die ein besonders großes Disruptionspotenzial mit sich bringen.

Startup-Trend 4 – Vertikalisierung von Marktplätzen

Wir sind von einer zunehmenden Vertikalisierung von Internet-Anwendungen überzeugt. Die Kontrolle der einzelnen Wertschöpfungsstufen ermöglicht es den Unternehmen, einen besseren, schnelleren und kostengünstigeren Service als deren Vorgänger anzubieten. Erfolgsmodelle aus unserem Portfolio wie Auctionata, Bonagora, Cashboard, Movinga, Videdressing und Smava teilen diese Charakteristik.

Startup-Trend 5 – Fintech-Unternehmen greifen an

Mit besseren Angeboten, größerer Transparenz und auch effizienterem Kundenservice greifen Fintech-Unternehmen fast alle Geschäftsbereiche der Banken an. Firmen wie Number26, Smava und Cashboard versuchen, die bisherigen Grundfunktionen der Banken wie die Bezahlung, die Kreditvergabe und die Geldanlage komplett zu übernehmen. Auch bei Versicherungen drängen immer mehr Geschäftsmodelle mit stärkeren Analytics und nutzerfreundlicherem Design in den Markt und ermöglichen so geringere Kosten und mehr Transparenz für den Kunden. In den USA ist Oscar nur ein Beispiel dafür, wie Versicherungen nach den Bedürfnissen der Kunden neu ausgerichtet werden.

Startup-Trend 6 – Internet of Things wird wichtiger

Das Internet of Things bleibt ein wichtiges Thema für 2016. Es wird erwartet, dass sich die Anzahl der vernetzten Geräte auf der Welt bis 2020 mindestens verdreifachen wird. Die Innovationen verändern grundlegend, wie wir kommunizieren, uns fortbewegen und Energie verbrauchen. Der Sektor war bisher sehr stark durch Hardware-basierte Konzepte geprägt, die für Venturecapital weniger interessant sind. Zunehmend sehen wir allerdings interessante Hardware-freie Innovationen, wie die Machine-to-Machine-Communication-Lösung von Azeti. Weitere Möglichkeiten sehen wir in intelligenten Hardware-Software-Kombinationen, bei denen die Softwareplattform das Business-Modell prägt. Ein gutes Beispiel dafür ist Enevo, das Mülltonnen intelligent macht.

Viele Zeichen sprechen dafür, dass das europäische Startup-Ökosystem seinen Pfad beibehalten wird und sich kontinuierlich verbessert. Wir erwarten mehr Unternehmertum und mehr Innovation als je zuvor und werden daran arbeiten, diesen Trend zu unterstützen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 12/2015.

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1 Kommentar auf "Startup-Trend-Erwartung von Christian Nagel"

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