Gibt es eine Definition von Fashiontech?

Fashiontech ist ein eher medial geprägter Begriff. Im Kern verstehe ich darunter intelligente Bekleidungskonzepte, die mit einem hohen Designaufwand initiiert wurden. Im Ganzen ist der Begriff ungenau, was ich aber eher positiv sehe. Denn wenn man nicht nur modische Bekleidung und Accessoires darunter fasst, sondern etwa auch smarte Textilien in anderen Anwendungsbereichen, sehe ich da große Potenziale.

„Automobile bestehen bis zu 30 Prozent aus Textilien“

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in der Automobil-Industrie. Automobile bestehen bis zu 30 Prozent aus Textilien. Gleichzeitig sollen die Autoteile nach einer EU-Vorgabe seit 2015 zu 95 Prozent recycelbar sein. Deswegen wird hier gerade viel in Richtung smarte Textilien entwickelt und geforscht. Die Materialien müssen extrem belastbar und langlebig sein, es wird viel Elektronik integriert – angefangen von beheizbaren Sitzen bis hin zur umfassenden Integration von Sensorik. Hier lohnt sich die Investition in R&D und smarte Textilien. Bekleidungstextilien haben dagegen nur eine kurze Lebensspanne. Ein spannendes Projekt ist hier die Kooperation der niederländischen Designerin Anouk Wipprecht mit Audi, für die sie über großformatige 3D-Drucker Prototypen für Fashiontech-Outfits entwickelt und hergestellt hat, in die Textilelektronik integriert wurde.

Siehst du auch Chancen im Bereich Smart Home?

Aber ja! Textilien sind komfortabel und angenehm. Niemand will mehr Batterien und Leitungen um sich haben. Ein spannendes Beispiel sind hier die textilen Lichtsysteme der Schweizer Industriestickerei Forster Rohner. In Zukunft werden wir zunehmend smarte Textilien in unserer Wohnumgebung finden: Teppiche mit integrierten Sensoren, Gardinen, die gleichzeitig zur Beleuchtung dienen. Hier macht die Kombination von Interieur und Elektrotechnik sogar mehr Sinn als im Modebereich. Denn hier fallen einige der Herausforderungen, die wir bei Bekleidungstextilien haben, weg, etwa die Waschbarkeit oder die Notwendigkeit verschiedener Größen.

„Es ist nicht alles smart, wo smart draufsteht“

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die Fashiontech-Branche?

Es gibt noch einige Hürden zu nehmen: die Energieversorgung der integrierten Technologie etwa, die immer noch klobigen Batterien, Elastizität, Langlebigkeit. Das Problem bei der Bekleidung ist, dass diese sehr anlassgebunden ist: für den Beruf, Sport, eine Abendveranstaltung. Kleidung muss passen, es muss also verschiedene Größen geben. Menschen schwitzen, also muss Kleidung gewaschen werden. Das größte Problem sind die Schnittstellen und die Integration von harter Elektronik in weiche Textilien. Es ist nicht alles smart, wo smart draufsteht. Sobald Elektronik im Spiel ist, werden sehr hochwertige Ressourcen wie Edelmetalle verwendet, die nach Gebrauch selten recycelt werden.

Proglove: Der Arbeitshandschuh für die Industry 4.0. Foto: Proglove
Proglove: Der Arbeitshandschuh für die Industry 4.0. Foto: Proglove

Smarte Textilien für den Massenmarkt

Was passiert mit den Batterien, die ich benötige, damit meine smarten Textilien leuchten?

Bisher landen die meisten Bekleidungstextilien ja einfach auf der Müllkippe. Macht man sich darüber keine Gedanken? Der Markt ist noch jung. Von der Evolution her haben wir gerade mal den Gadget-Level verlassen. Langsam werden belastbare und skalierbare Systeme entwickelt. Im Alltag sehen wir solche smarten Textilien aber noch selten. Wenn sich dieses Thema auf dem Massenmarkt erfolgreich etabliert, wird die Nachhaltigkeit als Herausforderung erkannt werden. Bisher denken noch wenige Entwickler und Hersteller darüber nach. Es gibt allerdings ein tolles EU-Projekt, Wearsustain, das nachhaltige Wearables unterstützt und hier echte Pionierarbeit leistet.

Bis wir die erste smarte Mode bei H&M oder Zara sehen, wird es wohl dauern?

Ich glaube schon, dass Fashiontech in den nächsten fünf Jahren nicht nur komfortabler, sondern auch nutzbarer und günstiger sein wird. Gleichzeitig ist der Modemarkt sehr preissensibel, jeder Euro Entwicklungsaufwand für smarte Textilien ist daher schwierig zu begründen. So liegt ein T-Shirt für 20 Euro schon im mittleren Preissegment. Mit integrierten Sensoren würde es aber nicht 20 Euro, sondern 600 Euro kosten. Und das ist schwer zu verkaufen. Bei einem medizinischen Produkt oder bei Performance-Wear, die gleichzeitig der Gesundheit dient, ist dieser Preis viel leichter zu rechtfertigen. Auch ist die Lebensdauer eines Sportgeräts viel höher als die eines Bekleidungsprodukts.

Smarte Textilien können mehr: Die Yogahosen von NadiX geben dem Träger etwa Feedback zur richtigen Haltung. Foto: NadiX
Smarte Textilien können mehr: Die Yogahosen von NadiX geben dem Träger etwa Feedback zur richtigen Haltung. Foto: NadiX

Da gibt es ja auch schon einige Beispiele wie den Antelope Suite oder NadiX.

Richtig. Gerade kommt auch sehr viel aus den USA, aber auch aus Asien, vor allem aus Japan, Korea und Taiwan. Auch aus China gibt es spannende Entwicklungen. Nehmen wir zum Beispiel Jakcom, das ist hochwertiger Schmuck mit integrierten Monitoring-Systemen. Die Idee dahinter ist, älteren Leuten eine Pflegehilfe zu bieten, die hochwertig aussieht und nicht stigmatisiert.

Früher haben unsere Großeltern beige Blousons getragen, heute ist es die multifunktionale Jack-Wolfskin-Jacke, in ein paar Jahren werden wir von unsichtbar integrierter digitaler Healthcare unterstützt. Über die hochpreisigen Arthrose-Strümpfe die Wolfgang Joop 2009 gemeinsam mit dem Hersteller medizinischer Hilfsmittel, Medi, entwarf und auf der Pariser Fashion Week präsentierte, lachte die Szene damals noch. Heute sind smarte Textilien für den Gesundheitsmarkt ein großes Thema.

Viele Projekte beschäftigen sich auch mit Arbeits- und Sicherheitsbekleidung, etwa Proglove. Eine Entwicklung, die durch Industrie 4.0 dynamisiert wird. Hier spielen zum einen die Überwachung und Pflege der Systeme, zum anderen aber auch die Sicherheitsauflagen vonseiten des Gesetzgebers eine große Rolle. Dieser Zwang, höhere Auflagen zu erfüllen, erfordert ein hohes Maß an Prozessintelligenz.

Spannend wird auch, wie die Automatisierung, die ja darauf abzielt, den Umgang mit Gefahrenstoffen und gefährlichen Apparaten durch Roboter zu ersetzen, die Entwicklung von smarten Textilien in der Berufsbekleidung beeinflusst. Sobald Menschen unter extremen Bedingungen agieren müssen, brauchen sie eine spezielle Ausstattung, beispielsweise Bekleidung aus hitze- oder kältebeständigen Materialien. Hier wird es sicher spannende Überschneidungen zwischen Sports- und Performancewear sowie Berufsbekleidungen geben.

Die Next Tex in München zeigt innovative Fashiontech-Konzepte. Foto: Daniel Gebhardt Photography
Die Next Tex in München zeigt innovative Fashiontech-Konzepte. Foto: Daniel Gebhardt Photography

Neonyt Thinkathon

Kollaboration ist alles: Beim Neonyt Thinkathon in Berlin können interessierte Entwickler, Designer und Pioniere am 14./15. Januar 2019 gemeinsam Lösungsansätze für die spannenden Herausforderungen an der Schnittstelle von Technologieinnovation und Nachhaltigkeit entwerfen. Bewerbungen unter: sourcebook.eu/de/node/1517

Marte Hentschel, Gründerin der B2B-Matchmaking-Plattform Sourcebook. Foto: Daniel Gebhardt Photography
Marte Hentschel, Gründerin der B2B-Matchmaking-Plattform Sourcebook. Foto: Daniel Gebhardt Photography

Marte Hentschel

Die Diplom-Designerin Marte Hentschel arbeitete als Agentin, Dozentin und Beraterin für Modestartups, bevor sie 2015 Sourcebook gründete. Die B2B-Matchmaking-Plattform für die Textilwirtschaft hat mittlerweile knapp 3.000 Mitgliedsunternehmen aus ganz Europa. Ziel ist es, Gestalter und Manufakturen zusammenzubringen, damit schöne und smarte Produkte mit transparenter Lieferkette entstehen. sourcebook.eu

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Valley Nr. 32.