Mit 15,1 Prozent sind Frauen gerade bei Gründungen im Startup-Bereich stark unterrepräsentiert. Das ist zwar etwas mehr als im Vorjahr, aber die Zahl steigt schrecklich langsam. Woran liegt das?

Viele Frauen trauen sich leider nicht zu, selbst ein Unternehmen zu gründen. Männer sind da viel selbstbewusster. Wir haben in unserer she-preneur Community Frauen, auch mit akademischen Titeln, die auf unsere Frage, ob sie sich als Expertinnen sehen, meinten, das würden sie nicht tun, da sie nicht alles in ihrem Fachgebiet wüssten. Auch daran erkennt man, dass Frauen sich weniger zutrauen als Männer, auch dann, wenn sie schon selbstständig sind. Ich denke es ist eine Frage von antrainiertem Selbstbewusstsein.

Ein großes Problem ist, dass Frauen oft anders entgegengetreten wird, sie werden oft unterschätzt und viele haben Schwierigkeiten als Chefin ernstgenommen zu werden, auch bei Kreditgebern. Ein Artikel der Zeit, von Jens Tönnesmann, zitierte mal eine Studie bei der herausgefunden wurde, dass Investoren eher Geschäftsideen von Männern fördern, als die gleiche Idee von einer Frau.

Als Gründerin von she-preneur kommst du ja selbst täglich mit vielen tollen Gründerinnen zusammen. Wie ist dein persönlicher Eindruck hinsichtlich des Themas Frauen und Gründen?

In den letzten Jahren hat sich einiges getan, was das Bewusstsein von Frauen im Arbeitsumfeld angeht. Viele sind sensibler für Diskriminierungen geworden und sind nicht mehr so zögerlich, den Raum zu beanspruchen, der ihnen zusteht. Aber wir stehen noch am Anfang.

Viele sind beim Thema Gründung zurückhaltender, haben zu wenig Kunden und zu geringe Einnahmen. Oft wird sich nicht zugetraut eine “gute” Verkäuferin zu sein, dann verdient man zu wenig und das oft über Jahre hinweg. Ein geringes Selbstvertrauen trägt seinen Teil dazu bei.

Wenn Frauen sich mit Gleichgesinnten austauschen, oder eine stärkende Mentorin zur Seite haben, konnte ich beobachten wie sie sich viel mehr zutrauten. Gemeinsam kommen sie stärker voran, als als Einzelkämpferin – deswegen legt she-preneur auch so viel Wert auf die Arbeit in unserer Community. Unsere Kundinnen erreichen Dinge, an die sie selbst nicht geglaubt haben.

Liegen die niedrigen Zahlen also eher daran, dass Frauen weniger gründungsinteressiert sind oder stimmen die Voraussetzungen einfach nicht?

Es wird wohl ein Wechselspiel sein. Prozentual weniger Frauen möchten überhaupt gründen, aber die Frage woran das liegt ist schwer zu beantworten. Ich denke nicht, dass es einen biologischen Grund dafür gibt, es wird soziokulturelle Faktoren dafür geben. Gleichzeitig stimmten dann natürlich die Voraussetzungen oft nicht: wie bereits gesagt es wird ihnen schwerer gemacht an Kapital zu kommen, Familiengründung ist oft ein Thema was zu ihren Ungunsten ausgelegt wird und dann ist da noch das Durchsetzen auf dem freien Markt, was als Frau, wegen diskriminierender Wahrnehmung auch oft schwerer ist. Gründen wird eher Männern zugetraut. Hinzu kommt noch der Standort-Faktor: Deutschland ist generell kein Gründungsland. Ich sehe Selbstständigkeit als tolle Möglichkeit für Menschen, Beruf und Familie zu verbinden und denke, da muss sich künftig noch viel tun.

Was muss denn passieren, damit mehr Frauen gründen können und wollen?

Das Mindset unserer Gesellschaft muss sich ändern. Wenn man einen Blick auf den Arbeitsmarkt wirft, stellt man fest, dass eine Frau, die auf der gleichen Position arbeitet wie ein Mann, mehr leisten muss, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Uns wird einfach weniger zugetraut und es ist daher schwerer Fuß zu fassen. Das muss erkannt und diskutiert werden. Nur durch die Erkenntnis der Umstände können diese angegangen werden.

Außerdem sollte der Staat ganz gezielt Gründungen fördnern und Frauen darin mehr stärken, während der Schulzeit als Fach, oder während der Startphase mit finanzieller Unterstützung.

Selbst etwas zu gründen, beziehungsweise sich selbständig zu machen, ist ja auch eine tolle Chance, um ein Arbeits-Modell zu entwickeln, mit dem sich Familie und Kindern vereinbaren lassen. Siehst du das auch als Gründungsgrund? In welchen Bereichen gehen denn besonders viele Frauen auf Erfolgskurs?

Tatsächlich ist das oft ein Grund. Viele meiner Kundinnen mit Familie haben leider oft das Problem, dass sie ihr Unternehmen eher als Hobby betreiben, niedrige Preise nehmen und einfach froh sind, wenn sie ein kleines Einkommen nebenbei haben. Der Anspruch ist gar nicht da, auch wenn so viel mehr möglich wäre. Wir haben endlose Möglichkeiten, mit unserer Expertise Geld zu verdienen.

Meine Kundinnen sind oft in helfenden Bereichen aktiv. Viele bieten Coachings oder Lernmöglichkeiten an. Das sind tolle Bereiche, in denen ein profitables Business aufgebaut werden kann, auch ohne große Investitionen tätigen zu müssen. Alles was man braucht ist ein Computer und Internet.

Natürlich ist Gründung nicht immer einfach mit Familie zu vereinbaren. Ein großes Unternehmen zu führen, ist kein 9-to-5-Job, man nimmt die Arbeit mit “nach Hause”. Gerade in unserer Community zeigen viele, dass Familie und erfolgreiche Karriere als selbstständige Frau durchaus möglich ist. Diese Frauen tragen ganz aktiv zum gesellschaftlichen Wandel, in ihrer Vorbildfunktion, bei. Sie leben ihren Kindern vor, dass beides geht.

Die Frage an sich, spiegelt auch ein Problem unserer Gesellschaft wider. Es scheint immer in erster Linie die Aufgabe der Frauen zu sein, Arbeit und Familie managen zu müssen und auch unbedingt Familie haben zu wollen. Ich bezweifle, dass je ein Mann, auch mit Familie, gefragt wurde, ob er gegründet hat, um ein gutes Arbeits-Modell zu entwickeln, dass sich mit Familie und Kind vereinbaren lässt.

In den höheren Management-Ebenen findet man Frauen dann häufig in Kommunikations- oder Personalbereich. Wo müssen wir als Gesellschaft ansetzen, um mehr Frauen in den Tech-Bereich zu locken?

Ganz am Anfang. Schon in der Kindheit werden Mädchen ja eher an häusliches Spielzeug wie Puppen herangeführt, während Jungs Autos, Flugzeuge und Roboter bekommen. Es muss ein Bewusstsein geschafft werden, dass Frauen und Mädchen genauso begabt und interessiert an technischen Berufen sein können, wie Männer. Um ein Umdenken zu erreichen, sollten Mädchen früh gefördert werden, Technik kennenzulernen und auszuprobieren.

Und wie können wir die Voraussetzung schaffen, dass sich Frauen im Techbereich auch in den Führungs- und Vorstandsebenen durchsetzen?

Indem wir einen Dialog anstoßen, dass eine unfaire Ungleichheit auf dieser Ebene existiert. Es fängt ja schon damit an, dass sich Frauen oft ganz anderen Beurteilungsmaßstäben ausgesetzt sehen, als allein ihr fachliches Wissen oder ihre Kompetenz als Führungskraft. Greifen Chefinnen hart durch, sind sie zickig, sind sie eher Kompromiss-orientiert sind sie zu schwach, es gibt viele solcher Beispiele.

Wir müssen uns immer wieder selbst überprüfen, wieso wir eine Person für einen Posten geeignet finden. Liegt es an der Kompetenz oder vielleicht unserem inhärenten Sexismus, der Männern oft mehr zutraut als Frauen.

Wie genau unterstützt she-preneur?

She-preneur setzt beim Selbstbewusstsein der Kundinnen an. Wir sprechen über ihre Selbstwahrnehmungen und stärken ihren Glauben an sich selbst, wir fordern sie heraus, groß zu denken. Wir wollen, dass unsere Kundinnen ganz selbstbewusst den Raum nehmen, der ihnen zusteht, sich Gehör verschaffen und ihre Expertise anbieten. Gleichzeitig geben wir ihnen das Skill-Set an die Hand, strukturell ein erfolgreiches Business aufzubauen mit Coaching zu Business-Plänen, Zeitmanagement, Verbindungen mit Gleichgesinnten und finanziellem.

Und was können Frauen selbst für ihren Erfolg tun?

Denken wie ein Mann. An die eigene Daseinsberechtigung und Fähigkeiten glauben.

Tanja Lenke

Tanja Lenke ist Business Consultant, Gründercoach und Mentorin für Unternehmerinnen und selbständige Frauen. Seit 2013 bietet sie Orientierung, Strategie und praktischen Support, damit Frauen aus einer Geschäftsidee nachhaltig ein Unternehmen aufbauen können. Seit April 2016 bietet sie neben ihrer individuellen Beratung zudem mit she-preneur eine digitale Plattform als Anlaufstelle für Gründerinnen und Selbständige an und begleitet diese als Gründungs- und Unternehmensberaterin auf ihrem Weg in eine erfolgreiche Selbstständigkeit. she-preneur.de

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Josefine Köhn-Haskins
Josefine ist Redakteurin bei Berlin Valley. Sie hat für zahlreiche namhafte Tageszeitungen und Magazine geschrieben und war für 15 Jahre als Korrespondentin in den USA tätig. Von dort berichtete sie aus dem Silicon Alley in New York und über die Startup-Szene in Miami. Ihr Ziel ist es mit Geschichten die Welt ein bisschen besser zu machen.