Zwei Studentinnen werden verhaftet, weil sie noch brauchbare Lebensmittel aus der Mülltonne eines Supermarkts mitnehmen. Pro Minute werfen deutsche Supermärkte alleine so viele Bananen weg, dass die Kisten aufeinander gestapelt in nur eineinhalb Stunden so hoch wären wie der Berliner Fernsehturm. Weltweit leidet eine Milliarde Menschen Hunger.

Bei der Recherche für dieses Heft prasseln die Fakten und Zahlen nur so auf mich ein. Aber ich stoße auch auf viele Ideen, wie man selbst aktiv werden kann – und beschließe, mir bei Foodsharing die Sache mit der Lebensmittelverschwendung mal selbst anzusehen.

Beim ersten Besuch auf der Website foodsharing.de bin ich erst mal enttäuscht. Nachdem ich mich angemeldet habe, kann ich zwar einige Essenskörbe in meinem Bezirk sehen, die etablierte Foodsharer online gestellt haben. Zum Abholen gibt es allerdings recht seltsame Dinge, etwa eine angebrochene Tüte Marzipankartoffeln oder ein Fertigpulver für Pilzsuppe – und alles immer schön in drei Kilometern Abstand über die Stadt verteilt.

Um richtig mitmachen zu dürfen, muss ich erst ein Quiz bestehen. Da wir mitten in der Produktion sind, hoffe ich darauf, schon schlau genug zu sein, und übergehe die umfangreiche Dokumentensammlung zu Verhaltensregeln und Organisationsstruktur. Prompt rassle ich durch – und verschiebe das Quiz aufs Wochenende.

Nachdem ich dann doch glücklich bestanden habe, tut sich mir eine neue Welt auf. Mittlerweile engagieren sich deutschlandweit knapp 50.000 Foodsaver, die in 1,3 Millionen Abholungen rund 20,5 Millionen Kilogramm Lebensmittel gerettet haben. Ich klicke mich durch die einzelnen Berliner Bezirke, die jeweils von drei Botschafterinnen betreut werden.

Es gibt Verantwortliche für alle teilnehmenden Supermärkte und Restaurants und zahlreiche Arbeitsgruppen, die sich auch politisch gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen. Bevor ich meinen Foodsharing-Ausweis bekomme – ich will ja nicht wegen Containern verhaftet werden –, muss ich noch drei Probe-Abholungen mitmachen.

Gleich bei der ersten lerne ich meine Botschafterin kennen. Wir werden durch eine Hintertür in die Küche gebeten und bekommen einen Müllsack voller Brötchen. Auf den ersten Blick nicht besonders appetitlich. Die Botschafterin hat meinen skeptischen Blick bemerkt und zischt: „Nichts sagen, einfach einpacken.”

Wieder draußen geht es dann darum, dass Foodsharing nichts damit zu tun hat, leckeres Essen für sich abzustauben. Es geht darum, Lebensmittel vor dem Müll zu retten. Und tatsächlich sind das auch bei den nächsten Abholungen so viele, dass ich sie trotz Familie und Kollegen nicht alle privat verwerten kann. Zum Glück sind auf der Website auch Suppenküchen gelistet, die man mit Foodsharing Ausweis beliefern darf. Auch über die Fairteiler, das sind öffentliche Kühlschränke in den Bezirken, kann man Überschüssiges mit anderen teilen.

So, und jetzt wird gebruncht. Gestern Abend habe ich Croissants, Käsekuchen, Wurst, Salat und natürlich auch wieder jede Menge Brötchen vor der Tonne gerettet.