1) United Internet verschleudert Rocket-Anteile zu Spottpreis

Nur wenige wissen noch, dass Rocket Internet anfangs eine hundertprozentige Tochter des European Founders Funds (EFF) war, dem Investmentfonds der Samwers, welchen sie vor allem durch den Telekommunikationskonzern United Internet finanzieren ließen. United Internet war damit wesentlicher Anteilseigner an Rocket Internet. Anfangs scheiterten jedoch praktisch alle Gründungen von Rocket Internet, egal ob es der Twitter-Klon Frazr oder der Internetratgeber Experto waren. Nachdem die Samwers mit dem EFF in nahezu halsbrecherischer Manier investiert hatten und die Wirtschaftskrise das Innovationsklima einfrieren ließ, zog Firmenchef Ralph Dommermuth 2008 die Reißleine für United Internet. Rockets Goldesel Zalando war zu dieser Zeit schon geboren, und Oliver Samwer nutzte die Gelegentheit, um United Internets Rocket-Anteile zu einer sehr schlechten Bewertung zurückzukaufen. Ein paar Jahre später wären diese Anteile wohl einige hundert Millionen Euro wert gewesen.

2) Oliver Samwer schläft unter dem Schreibtisch

Als Lenker von Rocket Internet gibt sich Oliver Samwer gern den Ruf eines Machers. Oft bezeichnet er sich als Bob der Baumeister oder regt junge Gründer dazu an, wie Braveheart im Dreck zu leben. Doch immerhin: Auch er selbst unterwirft sich in der Arbeitswelt diesem Diktat. Aus der Zeit, als Rocket Internet sich intensiv beim Couponing-Anbieter Groupon engagierte, an den der Inkubator seinen Klon Citydeal verkauft hatte, ist eine solche Geschichte überliefert. Bei einem London-Besuch 2011 gemeinsam mit Groupon-Investor Eric Lefkofsky soll Oliver Samwer nicht wie sein amerikanischer Kollege ein Nobelhotel aufgesucht, sondern kurzerhand unter seinem Bürotisch geschlafen haben. Mit eben dieser Einstellung schaffte er sich einen Ruf der Bewunderung bei seinen Weggefährten.

3) Immer streng opportunitätsgetrieben

Über die Jahre ist der Verlagsinvestor Holtzbrinck Ventures einer der treusten Finanziers der Geschicke von Rocket Internet geworden. Dass jedoch auch der langjährige Partner nicht gefeit ist, wenn Oliver Samwer eine Gelegenheit wittert, zeigte sich 2008 mit der Gründung von eDarling – ein gewagtes Unterfangen, war doch nicht nur der Dating-Goldrausch anscheinend schon vorbei. Vor allem führte Rockets damaliger Hauptinvestor mit Parship eine eigene erfolgreiche Gründung zum Thema. Entsprechend wenig begeistert war Holtzbrinck-Partner Martin Weber, als er vom Vorhaben der Samwers erfuhr. In einem gemeinsamen Meeting soll er derart laut geschrien haben, dass er auf der gesamten Etage von Rocket Internet zu hören war. Schließlich besann sich Weber jedoch auf seinen eigenen Opportunismus und investierte kurzerhand selbst in eDarling.

4) Oliver Samwer war bis zum IPO gar nicht Rockets Geschäftsführer

Obwohl Oliver Samwer bis heute bei Rocket Internet den Ton angibt, war er dort lange Zeit in keiner formalen Funktion tätig. Zwar gehörte ihm und seinen Brüdern als Hauptgesellschaftern die Mehrheit der Anteile, und insbesondere der mittlere Bruder lebte im Tagesgeschäft eine umfangreiche Autoritätsposition vor, doch wenn es um die Verantwortlichkeiten des Inkubators ging, ließ er gerne andere die Rolle als Geschäftsführer einnehmen. Neben ihrer Expertise waren Rockets Geschäftsführer quasi menschliche Schutzschilde auf der juristischen Seite und wurden üppig entlohnt, indem sie Anteile an den Gründungen von Rocket Internet erhielten. Ganz ähnlich war Oliver Samwer auch bei Groupon verfahren, doch mit dem Börsengang seines Inkubators 2014 war er gezwungen, selbst an Rockets Spitze zu rücken.

5) Oliver Samwer bezeichnete Zalandos Gründer als „Pussy“

Dass sich auch ein Oliver Samwer bei all seiner Erfahrung irren kann, lässt sich etwa am Beispiel Zalando ablesen, bei dem sein Bruder Alexander Samwer verantwortlich zeichnete. Bei Jamba und eDarling hatte Oliver Samwer sehr gute Erfahrungen mit Fernsehwerbung gemacht, wies aber gleichzeitig praktisch keine E-Commerce-Erfahrung auf. Dennoch war er der Meinung, Zalando sollte in großem Stile Spots buchen. Zalandos Gründer Robert Gentz, der ihm erklärte, dass sich das Geschäft aufgrund der hohen Kosten und Zalandos damals noch kleinerer Größe nicht rechnete, sagte Samwer nur, er solle „keine Pussy sein“ und beharrte auf der Schaltung. Das von Gentz prophezeite Verlustgeschäft trat ein und brachte es mit sich, dass Oliver Samwer Zalandos Führung fortan in Ruhe lassen und sich allein auf dessen Finanzierung konzentrieren sollte.

6) Der Hitler-Call: Überbordendes Temperament

Wer schon einmal mit Oliver Samwer gearbeitet hat, weiß, dass ein Austausch mit ihm schnell mal hitzig werden kann. Regelmäßig führt er Telefonkonferenzen mit seinen Gründern. Passen ihm Einstellung oder Ergebnisse nicht, sind Wutausbrüche keine Seltenheit. So wohl auch 2008 bei einem frühen Rocket-Startup, dessen Belegschaft nach einer Telefonkonferenz mit Samwer für Tage verunsichert war. Eine Woche nach dem betreffenden Gespräch wagte ein Praktikant den Geschäftsführer der jungen Gründung anzusprechen, ob mit dem Unternehmen alles in Ordnung sei. Auf die Frage, wie er darauf komme, erklärte dieser, dass viele Mitarbeiter sehr besorgt seien. Während des Telefonats hatte Oliver Samwer derart viel und laut geschrien, dass im Unternehmen nur noch vom „Hitler-Call“ die Rede war.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 11/2015.

Cover Joel C Münchner Verlagsgruppe GmbH 212x300 - Rocket-Internet-Anekdoten - Oli Samwer bezeichnete Zalando-Gründer als „Pussy“

„Die Paten des Internets“

In seiner Samwer-Biografie beleuchtet Joel Kaczmarek den Werdegang und das Schaffen der drei Brüder. Dafür hat er mit zahlreichen Samwer-Weggefährten sowie mit Oliver Samwer selbst gesprochen und insgesamt 400 Seiten über den Berliner Inkubator zusammengetragen.

Joel Kaczmarek: Die Paten des Internets. Zalando, Jamba, Groupon – wie die Samwer-Brüder das größte Internetimperium der Welt aufbauen. Finanzbuch Verlag, 2014, 19,99 Euro.

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