Wenn etwas nicht gut läuft, nennen die Amerikaner es eine Herausforderung. Oliver Samwer (CEO Rocket Internet) nennt es anders. „Ich sehe keine Herausforderungen, ich sehe Probleme“, sagt er. Und eines der Probleme von Oliver Samwer ist, dass er immer wieder erklären muss, was Rocket Internet ist, – und mindestens genauso oft, was es nicht ist. Rocket Internet ist schwer zu durchschauen.

Vor allem für die Börse muss der Chef von Rocket Internet noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Denn der Kurs der Rocket-Aktie dümpelt derzeit deutlich unter dem Emissionspreis dahin. Die Anleger sind nicht überzeugt. Zur Vorlage der jüngsten Quartalszahlen hat das Unternehmen darum gleich zweimal Aktiennalysten für je einen ganzen Tag eingeladen – zuerst in London und am Folgetag in New York. Für manchen mag dies eine Strapaze über mehrere Zeitzonen sein, für Oliver Samwer kein Problem. Deutschlands berühmtestem und wohl umstrit­tenstem Internet-Unternehmer fällt das nicht schwer. Ihm fällt es schwer zu ertragen, dass andere mit seinem Tempo oft nicht mithalten können.

„Wir spielen nicht Einstein“

Kapitalmarkttage in den großen Finanzzentren sind dazu da, die Fragen der Analysten zu beantworten, damit sie ein Unternehmen verstehen, bewerten und – im besten Fall – durch ihre Empfehlung einer Aktie ein wenig Schub geben. Die Schwierigkeit bei der Einschätzung von Rocket Internet ist, dass es mit keinem anderen börsennotierten Unternehmen auf der Welt zu vergleichen ist. Keiner hat das Gründen von Firmen so industrialisiert wie Rocket. Zehn Unternehmen pro Jahr, das ist der Plan. Samwers Botschaften an die Finanzwelt lauten: „Wir spielen nicht Einstein.“ „Rocket Internet ist keine Finanzholding.“ Und: „Unsere Strategie hat sich nicht verändert.“

„Wir spielen nicht Einstein“, bedeutet dabei, dass Rocket Internet allein auf „erprobte“ Geschäftsmodelle setzt. Das vermindert das Risiko, das mit der Gründung von Unternehmen verbunden ist. Es bringt den Rocket-Managern zwar immer wieder den Vorwurf ein, als Kopisten nur von den guten Ideen anderer zu leben. Rocket nimmt jedoch für sich in Anspruch, in der Umsetzung innovativ zu sein. So sagt es Vorstand Alexander Kudlich im Interview.

Hier geht’s zum Interview mit Rocket-Vostand Alexander Kudlich

Das Unternehmen hat verschiedene technische Plattformen gebaut, mit denen es schneller als andere neue Unternehmen entwickeln kann, und versucht auf diese Weise, weniger Fehler zu machen. Oliver Samwer vergleicht sich und seine Leute daher gern mit der Zeichentrickfigur Bob der Baumeister. Im Gegensatz zu einer Finanzholding investiere
Rocket eben nicht nur Geld, sondern baue die Firmen selbst auf und begleite sie auf dem Wachstumspfad.

„Wir spielen nicht Einstein“, Oliver Samwer Klick um zu Tweeten

Braucht Rocket Internet noch mehr Kapital?

Doch Anfang des Jahres kamen erste Zweifel an der reinen Lehre auf: Rocket Internet steckte mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Beteiligung an Delivery Hero. Setzt das Unternehmen nun doch auf Zukäufe, um zu wachsen? Schwächelt die Fließbandmethode? Die Übernahme sei eine sinnvolle Ergänzung des Portfolios gewesen, lautet Rockets Erklärung. Rocket hantiert gern mit großen Summen und hat einen enormen Kapitalhunger: Nachdem der Börsengang im vergangenen Oktober 1,4 Milliarden Euro in die Kasse brachte, sammelte das Unternehmen bereits im Februar dieses Jahres weitere fast 600 Millionen Euro frisches Kapital ein.

Im Juli kam noch eine Wandelanleihe im Volumen von mehr als einer halben Milliarde Euro dazu. Was die Analysten in London daher vor allem wissen wollten, war: Wird der Kapitalbedarf weiter steigen? „Das war die große Sorge“, sagt ein Teilnehmer. Die habe Oliver Samwer zerstreut. Er nannte klare Ziele, an denen er sich und sein Unternehmen messen lassen wolle. Die wichtigsten: Die Verluste der größeren Unternehmen (Proven Winners) werden zusammengenommen nicht weiter steigen. Drei von den zwölf Unternehmen in dieser Kategorie werden in den kommenden 24 Monaten die Gewinnschwelle erreichen. Und sollte das Kapitalmarktumfeld so bleiben wie es ist, wird in den kommenden 18 Monaten eines der Unternehmen an die Börse gehen. Diese Zusicherungen mögen zwar nicht allzu ambitioniert klingen, dennoch waren sie ein wichtiges Signal an den Markt, dass Rocket seinen Kapitalhunger künftig zügelt. Und ein Versprechen löst er bereits ein: Der Börsengang von Hellofresh ist eingeleitet. Der Rocket-Chef versprach den Anlegern außerdem: dass es in den kommenden drei Jahren keine weiteren Emissionen mehr geben wird, die ihre Anteile weiter verwässern, und dass auch keine signifikanten Zukäufe mehr geplant sind. „Es ist genug Geld da“, sagte Oliver Samwer. 1,7 Milliarden Euro Cash liegen in der Kasse.

Die Rocket-Mission:

„Wir identifizieren und bauen erprobte Online-Geschäftsmodelle überwiegend außerhalb der USA und China, die Grund­bedürfnisse der Verbraucher befriedigen, hauptsächlich in vier Bereichen: E-Commerce, Marktplätze, Fintech und Reise.“

Schneller und radikaler als andere

Auch wenn es keine zweite Firma wie Rocket gibt, so gelten für Rocket am Kapitalmarkt dennoch ähnliche Regeln, zum Beispiel die, dass viele Startups, wenn nicht sogar die allermeisten, scheitern. Jedenfalls werden nur ganz wenige richtig groß – mit erfolgreichem Börsengang und vielen tausend Mitarbeitern. Rocket versucht mit seiner eigenen Strategie, den Prozentsatz der Ausfälle zu reduzieren, Fehler frühzeitig zu erkennen und schnell abzustellen. Rocket geht dabei meist etwas schneller und radikaler vor als andere.

Krise oder Weitblick? Im Moment legt Rocket bei einigen Ventures die Axt an, da es nicht läuft wie geplant. Bei dem E-Commerce-Venture Jumia, dem Amazon Afrikas, mussten gerade 300 der 1000 Mitarbeiter in Nigeria von heute auf morgen gehen, berichten afrikanische Medien. Beim Reiseportal Travelbird in den Niederlanden wurden 100 von knapp 700 Mitarbeitern vor die Tür gesetzt. Der Biomarktplatz Bonativo

konnte sich in London nicht etablieren, dafür wird aber das Geschäft in Deutschland ausgedehnt. Beim Putzhilfenvermittler Helpling musste Anfang Oktober ein Fünftel der gut 350 Mitarbeiter gehen, das Startup zieht sich zudem aus Brasilien, Kanada, Schweden und Spanien zurück. Der Bringdienst Shopwings hat sein Geschäft in Deutschland eingestellt, der Einlagerungsservice Spaceways bietet seine Dienste nur noch in London an. Die Kreditplattform Zencap wurde mit ihrem britischen Konkurrenten Funding Circle verschmolzen, wie es offiziell heißt.

Geht man von der Größe der beiden Unternehmen aus, ist es eher eine Übernahme, und Rocket hält nur noch einen Minderheitsanteil an Funding Circle. Die Marke Zencap verschwindet jedenfalls. Das ist kein gutes Signal. Denn immerhin ist Fintech eines der vier Kernthemen von Rocket – neben E-Commerce, Marktplätzen und Reise. Mehr noch: Solange Rocket an Funding Circle beteiligt bleibt, macht es dem eigenen Kreditmarktplatz Lendico weiter Konkurrenz. Hier fehlt immer noch Klarheit.

Neben E-Commerce, Marktplätzen, Reise und Fintech setzt Rocket vor allem auf einen Trend: dass immer mehr Menschen mobil ins Netz gehen. In einigen Ländern etwa Afrikas haben die Menschen ohnehin nur über ihr Smartphone überhaupt Zugang zum Netz. So hat Oliver Samwer die Devise „Mobile First“ ausgegeben, alle Geschäftsmodelle müssen zuerst vor allem auf den mobilen Zugang optimiert werden. Oliver Samwer ist überzeugt, dass durch das Smartphone das Rennen um die besten Plätze im Internet noch einmal neu beginnt. „Alles geht wieder von vorne los“, sagt er.

Das kostet Kraft – bei den weltweit 30.000 Mitarbeitern im Netzwerk und dem Mann an der Raketenspitze. Fragt man Leute aus seiner Umgebung, so bewundern sie Oliver Samwers Schnelligkeit im Denken und seine enorme Energie. „Er ist sehr ehrgeizig“, sagt ein Investor, der über Jahre mit ihm gearbeitet hat. „Und er macht eine Menge Druck. Den meisten Druck macht er sich selbst, aber im Grunde verlangt er die gleiche Hingabe von allen um sich herum – egal ob Mitarbeiter, Dienstleister oder Investor.“ Der Rocket-Chef könne je nach Situation „super nett oder auch nicht so nett“ sein, wie der Investor es nennt.

Es gibt noch viele Herausforderungen

Der Spiegel beschreibt es anders und berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass die Samwer-Brüder Mitarbeiter nur als austauschbare Ressource sehen. Aktuelle und frühere Mitarbeiter klagten über das „Bootcamp“, in dem viel gebrüllt werde und sie alle nur „Soldaten“ seien. Doch es gibt auch andere Stimmen, die betonen, dass sie bei Rocket viel gelernt haben – um es dann für die selbstbestimmte eigene Gründung doch zu verlassen.

Oliver Samwer hat noch ein Stück Weg vor sich, bevor Rocket beweisen kann, dass sein Geschäftsmodell nachhaltig und profitabel ist. Es sind noch eine Menge Herausforderungen zu lösen. Man könnte es auch Probleme nennen.

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Quick Facts

Name: Rocket Internet

Gründung: 2007

Gründer: Marc, Oliver und Alexander Samwer

Mitarbeiter: mehr als 30.000 im Netzwerk

Standort: Hauptsitz in Berlin-Mitte, in mehr als 110 Ländern aktiv

Service: Internetgeschäftsmodelle in den Bereichen E-Commerce, Marktplätze, Financial Technology und Reise gründen und skalieren

Link zur Unternehmenswebsite

Rocket Internet Vokabular

Last Portfolio Value

Was ist ein Unternehmen wert? Ein Anhaltspunkt ist die Marktkapitalisierung an der Börse. Ein weiterer ist der Gewinn. Bei Übernahmen etwa werden Unternehmen in der Regel mit einem Vielfachen ihres Gewinns bewertet. Doch welchen Maßstab legt man bei jungen Wachstumsunternehmen an, die weder an der Börse notiert sind noch Gewinne machen? Rocket verwendet für die Annäherung an den Unternehmenswert eine Hilfskonstruktion, den Last Portfolio Value (LPV). Dieser Wert wird auf Basis des Preises berechnet, den ein Dritter zuletzt für Anteile an einem Unternehmen bezahlt hat. Er spiegelt also im jeweiligen Fall womöglich nur die Einschätzung eines einzelnen Investors wider. „Wenn Sie nicht an das Unternehmen glauben, ist der Last Portfolio Value nichts wert“, erklärt Oliver Samwer den Analysten in London.

Proven Winners

Auch das ist eine Definition aus dem Hause Rocket. So nennt die Startup-Fabrik ihre größten und am weitesten entwickelten Unternehmen. Sie sind in der letzten Finanzierungsrunde mit mehr als 100 Millionen Euro bewertet worden, seit mindestens zwei Jahren im Geschäft oder haben mehr als 50 Millionen Euro Umsatz. Zwölf Unternehmen zählen zu dieser Kategorie, unter anderem Hellofresh, Home24 und Westwing. In 24 Monaten, erklärt Oliver Samwer in London, würden mindestens drei Proven Winners die Gewinnschwelle erreicht haben.

Emerging Stars

Das ist die nächste Kategorie von Firmen im Rocket-Portfolio. Die Emerging Stars sind kleiner als die Proven Winners, haben aber bereits die erste Finanzierungsrunde nach der Gründungsfinanzierung durchgeführt, machen Umsatz und können messbare Leistungskennziffern liefern, die ein signifikantes Wachstum zeigen. Aktuell gehören noch acht Firmen zu dieser Kategorie, darunter Helpling und Lendico. Eine weitere Kategorie sind die Concepts.

Concepts

Als Concepts bezeichnet Rocket Internet die jüngsten Firmen in seinem Portfolio, die sich gerade im Launch-Prozess befinden und noch nicht in allen Fällen eine externe Finanzierung bekommen haben. Zu den Konzepten gehören Bonativo, Carspring, Caterwings und Zipjet.

Execution

Bei Rocket wird viel Wert auf Execution gelegt. Viele ehemalige Mitarbeiter berichten, dass sie vor allem das bei Rocket gelernt haben. Hinrichtung ist damit jedoch nicht gemeint, sondern die Fähigkeit, Dinge umzusetzen. Und genau darin sieht Rocket seine besondere Stärke. Alexander Kudlich erklärt im Interview: „Unsere Innovationen liegen eher in der Umsetzung.“ Rocket hält sich nicht lange mit Problemen auf: Wenn es zum Beispiel in einem Land keinen zuverlässigen Zustelldienst gibt, ohne den E-Commerce nicht funktioniert, baut Rocket kurzerhand einen auf, so geschehen in Indien oder Russland.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 11/2015.

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