Wenn Oliver Samwer samstags zum Haareschneiden geht, macht er einen Test: Er schaut auf dem Handy seines Friseurs auf den Startbildschirm, um zu sehen, welche Apps dort sind. Seine Beobachtung: Amazon, Zalando, Mytaxi und Lieferheld. „Da können Sie im Grunde genommen von leben. Mehr brauchen Sie nicht“, erklärt der Rocket-Internet-Chef seinen Anteilseignern. Fügt dann aber noch schnell hinzu, dass das natürlich ein sehr eingeschränktes Leben sei. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Kundenbedürfnisse durch unsere eigenen Dienste abzudecken“, erläutert er den Aktionären auf der ersten Hauptversammlung nach dem Börsengang.

Mehr als 70 eigene Gründungen hat Rocket derzeit im Portfolio, jedes Jahr sollen im Schnitt weitere zehn Unternehmen dazukommen. An diesem Plan habe sich nichts geändert, sagt Samwer. Um das weitere Wachstum finanzieren zu können und um flexibel zu bleiben, holt er sich von den Aktionären die Ermächtigung, bis Juni 2020 Wandelanleihen im Volumen von bis zu zwei Milliarden Euro ausgeben zu können. Diese Anleihen können zum Laufzeitende in neue Rocket-Aktien umgewandelt werden – und verwässern so die Anteile, die die bisherigen Aktionäre halten. Ob und wann eine Kapitalerhöhung ansteht, lässt Samwer offen.

Überhaupt müssen sich die Aktionäre mit sehr mageren Antworten zufriedengeben – oder mit den immer gleichen: „Wir analysieren und evaluieren unsere strategischen Optionen fortlaufend. Dazu gehört auch das Abwägen etwaiger Kapitalmaßnahmen inklusive möglicher Börsengänge“, wiederholen Oliver Samwer und Finanzchef Peter Kimpel etliche Male, wenn zum Beispiel danach gefragt wird, wann eines der Rocket-Unternehmen an die Börse geht. Oder wie es überhaupt weitergeht. Viel Neues erfahren die Aktionäre auf der Hauptversammlung nicht. Die Zahlen für das Geschäftsjahr 2014 sind bereits bekannt.

Keine freudige Stimmung bei der Hauptversammlung

Aber nicht nur Malte Disselhorst, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, macht klar, dass die Aktionäre ein bisschen mehr erwartet haben. „Eine Rakete ist ein anspruchsvolles Gerät“, fabuliert Disselhorst. „Wir hoffen, dass dahinter nicht Rocket Science steht.“ Rocket sei ein komplexes Unternehmen, das für Privatanleger nicht so leicht zu verstehen sei. Doch wer Erklärungen sucht und ein bisschen Bestätigung, trotz der negativen Aktienkursentwicklung in das richtige Unternehmen investiert zu haben, wird enttäuscht. Einzig ein farbenfroher Imagefilm mit lächelnden Modelieferanten in Russland und Indien bietet die Möglichkeit, sich ein bisschen für Rocket zu erwärmen. „Die Stimmung ist nicht freudig genug für die erste Hauptversammlung unseres Unternehmens“, beklagt ein anderer Aktionär und fragt: „Wann steigt die Sonne auf?“

Jedenfalls nicht in dem viel zu kleinen Raum mit einer Säule in der Mitte, den Rocket in einer Eventpassage hinter dem Bahnhof Zoo für die Hauptversammlung ausgesucht hat. Normalerweise nutzen Unternehmen eine Hauptversammlung – abseits der strengen Regularien – auch, um bei den Aktionären für sich zu werben. Diese Chance hat Rocket verpasst.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 07/2015.

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