Christine Schuberth-Wagner hat nach ihrem Studium der Humanbiologie während der Forschungsarbeiten zu ihrer Doktorarbeit einen Rezeptor untersucht, der sich als sehr interessant für die Tumorbehandlung herausstellte. Über die Gründung ihrer Firma, Rigontec, machte die Humanbiologin das Molekül für die Therapie zugänglich. 2017 wurde Rigontec von MSD gekauft. Sie ist weiterhin als Senior Vice President Research tätig.

Würden Sie wieder gründen?
Christine Schuberth-Wagner: Auf alle Fälle! Ich würde es genauso wieder machen. Wenn man gründet ist das kein klassischer Job, man entwickelt eine Firma, die es vorher noch nicht gab. Das gibt einem unglaublich Auftrieb und Energie. Das kann ich nur jedem ans Herz legen, der sich damit trägt, das einmal auszuprobieren, denn danach kann man durchaus süchtig werden.

Was hat Sie zum Gründen motiviert?
Christine Schuberth-Wagner: 
Ich denke, dass Wichtige ist, dass zusätzlich zu meiner wissenschaftlichen Arbeit während der Doktorarbeit parallel auf meinem Forschungsgebiet Ergebnisse entstanden sind. Diese haben gezeigt, dass dieser Rezeptor, den ich untersucht habe, bei Aktivierung in der Tumorbehandlung durchaus eine große Rolle spielen kann. Wir hatten also im Rahmen der Doktorarbeit dieses Molekül in den Händen, waren weltweit die Besten darin, es herzustellen – das mussten wir einfach therapeutisch nutzbar machen: Damit war der Grundstein für meine Entscheidung Rigontec zu gründen, bereits vorbereitet.

Die Gründung von Rigontec war Ergebnisgetrieben

Ist denn nicht schon die Doktorarbeit allein unglaublich zeitintensiv?
Christine Schuberth-Wagner: 
Ja, durchaus. Aber in den Wissenschaften ist das eher ein natürlicher Prozess. Die Gründung von Rigontec war Ergebnisgetrieben von den Ideen, die im Labor entstanden sind.

Welche Herausforderungen haben sich Ihnen bei der Gründung gestellt?
Christine Schuberth-Wagner: 
Im Endeffekt war das Leitmolekül bereits 2011 fertig, wir haben aber erst 2014 gegründet. In dieser Zwischenzeit war ich quasi hauptverantwortlich dafür, ein akademisches Projekt in ein Gründungs- und finanzierungsfähiges Projekt überzuführen. Und das sind natürlich völlig unterschiedliche Anforderungen. Also habe ich in dieser Zeit zusätzlich eine Weiterbildung in Business Administration gemacht, mich über Patentrecht informiert und mehr über Entrepreneurship und Finanzierungsmöglichkeiten für Rigontec gelernt.

Warum haben Sie das nicht abgegeben?
Christine Schuberth-Wagner: 
Gerade in der sehr frühen Phase ist der Aufwand verhältnismäßig zu gering, um jemanden einzustellen. Für mich war sofort bei der Entscheidung klar: Wenn wir gründen, gehe ich in die Firma und bringe mein komplettes Herzblut ein. Die Motivation war auch der Reiz nach etwas Neuem, nach der Freiheit, der Gestaltungsmöglichkeit, aber auch nach dem Risiko.

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Was haben Sie insbesondere als Frau in die Gründung mit eingebracht?
Christine Schuberth-Wagner: 
Letztlich waren wir zu sechst im Gründerteam und unsere Heterogenität war sicher auch einer der Erfolgsfaktoren. Was Frauen mitbringen, liegt teils auch in unserem Naturell. Wir sind teamorientiert, emphatisch, auch ein bisschen emotional aber nicht minder zielstrebig. Wir tendieren nicht dazu, uns als einzelne Führungsperson zu positionieren. Gerade in der Gründungsphase legt man mit dem dann wachsenden Team wirklich eine Achterbahnfahrt hin – und da ist es wichtig, dynamisch zu agieren und sich untereinander gut zu verstehen. Und auch hier haben Frauen ein gutes Gespür dafür, wie man so eine Kultur, ein Team-Gefüge, eine Wohlfühlatmosphäre schafft, die aus jedem das Beste herausholt.

Wie haben sie ihr Team zusammengestellt?
Christine Schuberth-Wagner: 
Unser Gründerteam war eher funktional heterogen. Wir hatten zwei Professoren, die im Forschungsgebiet international höchst anerkannt sind, eine hervorragende VC mit weitem Netzwerk, drei junge, motivierte Post-Doktoranden, die die Arbeit erledigt haben. Eine Zusammensetzung die sich auch in der späteren Rekrutierung der Mitarbeiter fortgesetzt hat. Zum einen haben wir darauf geachtet, dass wir in den Funktionsbereichen aus unterschiedlichen Perspektiven kommen, aber dennoch über die gleichen Witze lachen, die gleiche Energie haben. Diesen persönlichen Faktor darf man nicht unterschätzen, denn der ist es, der am Ende alles trägt.

Haben Sie die Bewerbungsgespräche selbst geführt?
Christine Schuberth-Wagner: 
Die meisten ja, vor allem im Bereich der Wissenschaft. Später haben wir das Executive Management ausgebaut, das diese Funktion übernommen hat, wobei ich weiterhin die Leitung in der wissenschaftlichen Abteilung behalten habe.

Die Geschäftsführung haben Sie dann später abgegeben?
Christine Schuberth-Wagner: 
Genau, die habe ich abgegeben. Eine führende Rolle habe ich bis nach dem ersten Closing der Serie A gehalten und mich dann wieder auf meine Technologieexpertise konzentriert.

Ist das auch eine weibliche Eigenschaft genau zu wissen, wo die eigenen Stärken liegen?
Christine Schuberth-Wagner: 
Es ist durchaus eine große Stärke, dass Frauen weniger auf ihr Ego bedacht sind und sich mehr auf die Sache zu fokussieren. Zumindest ist das mein Dafürhalten, dass eine Frau eher auf eine Prestigeträchtige Position mit Außenwirkung verzichtet und sie abgibt, weil eine zweite Person sie besser ausfüllen kann oder es funktional besser zusammenpasst.

Rigontec wurde ja 2017 an MSD  verkauft. War es schwierig, das eigene Unternehmen aufzugeben?
Christine Schuberth-Wagner: 
Durchaus, aber ein Exit war von vornherein geplant. Gerade die weiterführende Entwicklung ist im Bereich der Arzneimittelentwicklung sehr teuer. Das ist ein finanzieller Rahmen, den man selbst nur schwer stemmen kann und wenn dann nur in einem sehr eingeengten Spektrum, der vielleicht auch der Technologie nicht gerecht wird. Wenn man der Technologie eine gute Chance geben möchte, sollte man früher oder später in unserem Bereich über einen Exit nachdenken.

Wenn sie jetzt einmal zurückdenken: Welche Bausteine waren wichtig für Ihre Karriere? Was hat ihnen den Mut zur Gründung gegeben?
Christine Schuberth-Wagner: 
Da gibt es verschiedene Punkte. Der wohl wichtigste liegt in der Kindheit: Ich wurde immer dazu angehalten, viel auszuprobieren, neue Sachen zu testen. Und ich wurde dabei nicht geführt, sondern musste mir das selbst erarbeiten. Das hat mich gelehrt neugierig zu sein, aber auch ein gewisses Durchhaltevermögen an den Tag zu legen und eine Frustrationstoleranz aufzubauen, weil eben nicht alles gleich beim ersten Mal funktioniert. Und das ist etwas ganz Wichtiges: Sich aufrappeln und weitermachen – und auch mal eine gewisse Risikobereitschaft an den Tag legen. Auf keinen Fall sollte man auf das hören, was über einen gesagt oder gedacht wird, weil man sich dafür am Ende des Tages weder etwas kaufen kann, noch passiert einem deshalb irgendetwas. Man muss selbst mit seinen Entscheidungen leben können, das ist das Wichtigste.

„Das Bild, was eine Frau zu sein hat, muss sich ändern.”

Was muss sich auf gesellschaftlicher Ebene verändern, damit mehr Frauen den Schritt zur Gründung wagen?
Christine Schuberth-Wagner: 
Das Selbstverständnis, was eine Frau ist und was eine Frau zu sein hat, dieses Bild muss sich ändern. Ich selber bin während der Gründungsperiode schwanger geworden. Während des Fundraisings für die Serie A von Rigontec war ich hochschwanger und eine Woche vor Vertragsabschluss kam meine Tochter zur Welt, das heißt, ich habe die eine oder andere Vertragsverhandlung noch aus dem Krankenhaus heraus begleitet. Das ist natürlich nicht der Standard und dafür habe ich auch Kritik erhalten, etwa ob eine Frau nach der Entbindung überhaupt in der Lage ist ein Unternehmen zum Erfolg zu führen? Andererseits wurde ich dann wiederum kritisiert, weil ich direkt nach der Entbindung weitergemacht und meine Tochter mit vier Monaten in die Betreuung gegeben habe. Aber heute kann ich sagen: Es hat niemandem geschadet. Meine Tochter ist jetzt vier, hat sogar noch eine mittlerweile zweijährige Schwester bekommen und beide sind glückliche kleine Menschen, und ich bin glücklich weil ich auf diese Weise meiner zweiten Passion nachgehen konnte.

Haben Sie zum Thema Vereinbarkeit von Kind und Karriere ein paar Tipps für andere Frauen?
Christine Schuberth-Wagner: 
Wenn ich Nachmittags das Büro von Rigontec verlasse ist das Handy auch passé. Das sind Regeln, die man einführen muss und die auch funktionieren. Wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, dann gehört meine Zeit ihnen. Ab 20 Uhr kann man mich dann gerne wieder erreichen oder eben tagsüber im Büro. Wichtig ist, dass die Gesellschaft das auch akzeptiert. Wir haben hier in Deutschland noch ein Mutterbild, das Aufopferung für die Kinder erwartet. Studien belegen aber dass es keine Korrelation von Kindesentwicklung und Quantität an miteinander verbrachter Zeit gibt. Viel wichtiger ist, dass diese Zeit intensiv, also qualitativ hochwertig genutzt wird und die Mütter nicht gestresst sind. Hier haben wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Schweden, noch viel zu lernen und auch ich musste mir hier meine Haltung erst erarbeiten. 

„Ich denke meine Kinder haben mich am Ende sogar zu einer besseren Managerin gemacht.”

Was möchtest du deinen Kindern mit auf den Weg geben?
Christine Schuberth-Wagner: 
Kinder brauchen im Kindesalter ihr eigenes Refugium, ein Hobby, etwas wo sie sich behaupten müssen, sich etwas erarbeiten und dann auch stolz darauf sein können. Das können Auftritte sein, oder Wettkämpfe. So etwas stärkt sie als Person, macht sie selbstbewusst, motiviert und ehrgeizig. Wichtig ist es auch, sie oft in neue Situationen zu bringen, sie belastbarer und erfahrener zu machen. Das kann ihnen später den Schritt erleichtern, selber mal ihr eigenes Ding zu machen.

Wenn du deine Rolle als Mutter und als Firmenchefin vergleichst, gibt es da Ähnlichkeiten?
Christine Schuberth-Wagner: 
Ja, natürlich! Es geht ja beide Male darum ein Team oder eben die Familie zusammenzuhalten, sie alle emotional zu packen und umsichtig miteinander umzugehen. Man versucht ja, seine Mitarbeiter zu schulen, zu fördern, Stärken herauszuarbeiten. Genauso trifft das auf die Kinder zu. Management, das fängt im Kleinen in der Familie an: Termine koordinieren, soziale Kontakte pflegen und auch in turbulenten Situationen den Überblick zu behalten. Ich denke meine Kinder haben mich am Ende sogar zu einer besseren Managerin gemacht.

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Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley Nr. 30