Seit Montag läuft die elfte Ausgabe der Gesellschaftskonferenz Republica. Erstmals nahm auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller an der Eröffnung teil. Müller hob die besondere Bedeutung der Digitalisierung für Berlin hervor und schloss sich dem Appell für Pressefreiheit an: „Es muss darum gehen, wie wir uns unsere Werte – vor allem auch Presse- und Meinungsfreiheit – erhalten.“ Viele hätten diese Werte für selbstverständlich gehalten – man müsse jetzt aber erkennen, dass man für sie immer wieder kämpfen und sich engagieren muss. Die Republica findet zusammen mit der Media Convention Berlin noch bis zum 10. Mai in der Station Berlin statt.

Unter dem diesjährigen Motto „Love out loud“ will die Republica Hass und Aggression im Netz entschieden entgegentreten. „Wir sollten uns mehr mit Opfern solidarisieren und weniger mit den Motiven der Täter beschäftigen“, fordert der Aktivist Raul Krauthausen.

Carolin Emcke: „Es braucht andere, die widersprechen“

Passend zum Thema hatte sich auch die Friedenspreis-Trägerin und Autorin des Buches „Gegen den Hass“ Carolin Emcke mit einem in einem Talk an die Besucher gewandt: „Liebe kann man nicht befehlen, Liebe lässt sich nicht verfügen“. Vor allem aber werde „Liebe“ zu stark heteronormativ verwendet.

Gegen homophobe Initiativen wie die „Demo für Alle“ oder Forderungen der AfD fordert die Publizistin mehr Einsatz: „Wer gedemütigt und verachtet wird, soll sich nicht selbst wehren müssen. Es braucht andere, die widersprechen“. Auch das „loud“ im Motto kritisiert Emcke. „Wir dürfen nicht […] die laute, politisch eindeutige Gegenpropaganda beherrschen. Wenn beim Widerstand gegen menschenverachtende Positionen nur noch die Verachtung der Nazis im Vordergrund stehe, widerspreche die Kritik sich selbst.“

Can Dündar: „Wir wollen, dass ihr mit uns kämpft“

Von einer anderen Art des Angriffs, jene auf die Pressefreiheit und die Demokratie, sprach der in Deutschland im Exil lebende ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, Can Dündar. Dündar rief zu Solidarität mit seinen inhaftierten Kolleginnen und Kollegen auf, die seit 190 Tagen  in Untersuchungshaft sitzen. „Ob im Gefängnis oder im Exil, wir kämpfen gegen die Unterdrückung und wir wollen, dass ihr mit uns kämpft.“ Dieser Kampf ist laut dem ägyptischen Aktivisten Ramy Raoof dringend notwendig. Nur eine freie Presse könne gegen eine mit alternativen Fakten jonglierende Regierung kämpfen.

Andreas May: „Die ganz Doofen haben sich noch nicht mit uns getroffen“

Ein Mittel für den Kampf gegen Unterdrückung präsentierte der Journalist Ahmad Alrifaee: Das Darknet. Die VPN-basierte Methode ist nicht nur Quelle für Waffen, Drogen und Pornografie, sondern auch eine Methode, kritische Videos aus einem Land wie Syrien an Agenturen im Ausland weiterzuleiten.

Nebeneffekte wie illegale Geschäfte könne man natürlich nicht ausschließen, erklärte der Referent für Reporter ohne Grenzen und Betreiber eines Darknet-Knotenpunkts Daniel Moßbrucker. Für den Generalstaatsanwalt aus Frankfurt, Andreas May, bietet das Darknet aber auch gute Aufklärungsmöglichkeiten: „Man kauft ein paar Waffen und versucht so, an die Verkäufer heranzukommen. Die ganz doofen Anfänger haben sich noch persönlich mit uns getroffen, um die Waffe zu übergeben.“

Garry Kasparov: „Die staatliche Propaganda will das kritische Denken der Bevölkerung völlig erschöpfen“

Ebenfalls zum Thema Pressefreiheit diskutierte der russische Schachweltmeister Garry Kasparov mit dem Hacker Claudio Guarnieri. Fazit: Die schnelle und gezielte Manipulation wird vor allem durch soziale Medien vorangetrieben. „Es geht der staatlichen Propaganda nicht darum, Informationen zu verschleiern, sondern sie will das kritische Denken der Bevölkerung völlig erschöpfen“, sagte Kasparov. Als Beispiel nannte der ehemalige Großmeister den Abschuss des Passagierflugzeugs MH17: „Die russische Regierung hat das nicht nur bestritten, sondern schlicht neue Geschichten erfunden. […] Für eine Wahrheit gibt es eine Million Wege zu Lügen.“ Für Guarnieri ist es deshalb wichtig, Nachrichten und Technik, mit deren Hilfe Nachrichten verbreitet werden, zu hinterfragen. „Wie funktioniert der Suchalgorithmus von Google? Wer entscheidet was Facebook anzeigt?“

Vladan Joler: „Wir geben Facebook täglich 300 Millionen Stunden kostenlose Arbeit“

Ein anderes Facebook-Problem diskutierten Vladan Joler, Djordje Krivokapic, Ben Wagner und Julia Powles auf der Media Convention – einem Parallel-Event zur Republica. Die 1,6 Millarden Facebook-Nutzer „geben Facebook täglich 300 Millionen Stunden kostenlose Arbeit“. Das Resultat: 18 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr 2015 durch Verkauf der Daten an Dritte. „Wir sind das Rohmaterial“, sagt Krivokapic. „Menschen produzieren das Material, der Algorithmus macht die Arbeit. Nur ein paar wenige verdienen damit Geld.“ Die Forscherin Julia Powles forderte deshalb ein Mitspracherecht bei der Datenverarbeitung.

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2 Kommentare auf "Republica-Halbzeit: „Für eine Wahrheit gibt es eine Million Wege zu Lügen“"

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[…] äußerst fragwürdige Methoden. Genau diese Problematik war auch ein Schwerpunktthema auf der Republica Anfang Mai in Berlin. „Mit emotionalisierenden Falschmeldungen wird derzeit die politische […]

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