Von außen betrachtet ist es ruhig geworden auf dem Krypto-Markt. Die Kurse von Bitcoin und Co. bewegen sich seit Monaten seitwärts. Auf den Titelseiten der großen Zeitungen tauchen Kryptowährungen mittlerweile seltener auf. Auch das Google-Suchvolumen nach kryptobezogenen Begriffen ist auf den Stand von Juli 2017 gefallen. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Quo vadis, Krypto?

Wer Ende letzten Jahres oder in den ersten Januar-Tagen 2018 in den Krypto-Markt eingestiegen ist, wird sehr wahrscheinlich ein großes Minus in seinem Krypto-Portfolio vorfinden. Gegenwärtig befinden wir uns mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von 200 Milliarden US-Dollar bei gerade einmal einem Viertel vom ehemaligen Allzeithoch. Die Party scheint vorbei – und Katerstimmung macht sich breit auf dem Krypto-Markt.

Immer klarer wird vielen Investoren, dass ihre Erwartungen unrealistisch und überzogen waren. Die unzähligen ERC-20-Token-Projekte – der Ethereum-Standard, auf dem die meisten ICOs aufbauen – haben sich in ihrer Beliebigkeit selbst in die Bedeutungslosigkeit gewirtschaftet. Viele Projekte hatten nie einen durchdachten „Business Case“ besessen, sondern waren ausschließlich auf ein erfolgreiches ICO aus. Das erbrachte Vorschussvertrauen in die Projekte verflüchtigt sich zunehmend und immer öfter stellt sich die Frage, welches Blockchain-Projekt wirklich das Zeug dazu hat, erfolgreich zu werden.

Marktbereinigung und Stabilisierung

Doch trotz Katerstimmung auf Investorenseite: Im Grunde ist die vermeintliche Ruhe am Krypto-Markt das Beste, was dem Krypto-Ökosystem nach dem Hype Ende letzten Jahres passieren konnte. Es findet eine Marktbereinigung statt, welche die schwachen oder unseriösen Akteure aus dem Markt drängt. Das vom Hype vollkommen überhitzte und überforderte Krypto-Ökosystem kann sich nun abkühlen, indem es sich an den Markt anpasst. Und vor allem: in puncto Sicherheit wichtige Baustellen beseitigen.

Es ist die Ruhe, die der Sturm benötigt. Dies gilt insbesondere für Krypto-Handelsbörsen, die zu Hochzeiten an ihrer Belastungsgrenze gearbeitet haben und weder Support noch eine sichere und schnelle Abwicklung der Handelsgeschäfte ermöglichen konnten. Gleichzeitig stiegen die Transaktionskosten und Zeiten von Bitcoin ins Absurde und machten diese – aller Euphorie zum Trotz – immer unattraktiver.

Skalierung von Krypto-Transaktionen

Damit rückt das Thema Skalierung in den Vordergrund. Und tatsächlich nutzt die Entwickler-Community gegenwärtig die Zeit, um effektive Lösungen zu finden, die das Ökosystem belastbarer machen. Denn eines ist klar: Ohne Lösungsansätze zur Skalierung von Krypto-Transaktionen hat das Krypto-Ökosystem keine Chance auf eine breitere Adaption. Es gibt bereits erste Ansätze wie zum Beispiel das Lightning Network. Zwar steht diese Technologie, die über einen „second layer” – also eine auf den Grundlagen aufbauende, zweite Technologie-Ebene – Trans-
aktionen in „Lichtgeschwindigkeit” ermöglichen will, noch ganz am Anfang, aber wir sind hier deutlich weiter als zu Beginn des Jahres.

Die Corporates kommen

Die zunehmende Professionalisierung der Krypto-Akteure führt dazu, dass vor allem etablierte Unternehmen der Old Economy immer stärker Blockchain und Krypto-Währungen für sich entdecken. War der Krypto-Markt bis vor wenigen Monaten noch fest in der Hand von Krypto-Startups, so sind es inzwischen Konzerne, Banken und regulierte Börsen, die die Nachrichtenlage im Krypto-Ökosystem dominieren.

Seien es die Börse Stuttgart, die sich für den Krypto-Handel öffnet, der Autobauer Volkswagen, der praktisch jede Woche eine neue Meldung zur IOTA-Kooperation veröffentlicht, oder der Technologieriese IBM, der immer ausgefeiltere Blockchain-Lösungen für die Logistik-Branche hervorbringt. Neben dem Ausbau von privaten Blockchain-Lösungen, die keinen direkten Bezug zum Krypto-Markt bzw. dessen Kapitalisierung haben, sind es vor allem regulierte Finanzprodukte auf Bitcoin und Co., die als großes Versprechen über dem Investorenkreis schweben.

Institutionelle Investoren hatten sich bislang bei Investitionen in den Krypto-Markt zurückgehalten. Genau dies soll sich nun durch regulierte Finanzprodukte ändern. So kritisch viele Krypto-Idealisten regulierte Finanzprodukte sehen, besteht gerade hier von der institutionellen Seite eine große Nachfrage, eigene Gelder oder Kundengelder im Krypto-Markt anzulegen beziehungsweise zu diversifizieren – ganz ohne Wallet und Private Key.

Regulierte Investmentfonds für institutionelle Investoren

So sind in den letzten Monaten mehrere voll regulierte Investmentfonds für institutionelle Investoren auf den Markt gekommen, die eine Geldanlage in Bitcoin ermöglichen. Auch werden an einer der größten Börsen der Welt, der Chicago Mercantile Exchange, Bitcoin Futures gehandelt, die maßgeblich den Kurs beeinflussen können.

Die große Hoffnung vieler Investoren liegt jedoch auf den ETFs, also börsengehandelten Fonds. Sollte es hier zu einer Zulassung seitens der US-Börsenaufsicht SEC für einen Bitcoin-ETF kommen, dann wird ein massiver Kapitalzufluss in Bitcoin erwartet und eine neue Bitcoin-Kursrallye könnte in Gang gesetzt werden.

Zwischen traditionellen Finanzdienstleistern und Krypto-Startups stehen die Zeichen auf Konvergenz. Die etablierten Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass die Krypto-Ökonomie gekommen ist, um zu bleiben. Und es ist wichtig, hier nicht den Anschluss zu verpassen. Krypto-Startups bieten Innovation, während etablierte Finanzdienstleister über die begehrten Lizenzen verfügen. Entsprechend verwundert es nicht, dass es auf beiden Seiten immer öfter zu Kooperationen oder Zukäufen kommt.

Utility Token versus Security Token

Zweifelsfrei gibt es klare Fortschritte in der Finanzmarkt­regulierung – immer mehr regulierte Krypto-Finanzprodukte bekommen ihre Zulassung. Dennoch gibt es einen großen Belastungsfaktor, der das Krypto-Ökosystem fest im Würgegriff hält: die Zulassung von Security Token beziehungsweise die Frage, ab wann regulatorisch von einem Security Token zu sprechen ist. Neben klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Monero wird zwischen Utility und Security Token unterschieden.

Utility Token wie Ether sind dafür konzipiert, Anwendungen oder Dienstleistungen auf einer Blockchain zu bezahlen, während Security Token als Pendant zu Anteilsscheinen, ergo Aktien, konzipiert sind. Utility Token verbriefen also in erster Linie ein Nutzungsrecht, Security Token dagegen ein Eigentumsrecht.

In der Praxis werden bisher fast ausschließlich Utility Token herausgegeben, da diese geringere regulatorische Anforderungen als Security Token mit sich bringen. Die Folge ist, dass Unternehmen, die streng genommen lediglich Kapital für ihr Projekt einsammeln möchten, Pseudo-Utility-Token bei ihrem ICO herausgeben. Es werden also nutzlose Token emittiert, die keine sinnvolle Funktion im Blockchain-Netzwerk erfüllen.

Die wenigsten Utility Token werden wirklich für eine Krypto-Dienstleistung genutzt, stattdessen dienen sie als Spekulationsobjekt und ähneln damit eher Aktien. Genau diesen Missstand gilt es zu beseitigen, weshalb viele Blockchain-Interessensvertreter den Dialog zu den Aufsichtsbehörden, wie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), suchen. Sollten hier in der nächsten Zeit bessere regulatorische Standards gefunden werden, dann würde dies der Krypto-Ökonomie sehr weiterhelfen.

Wenn die Wohnung tokenisiert wird

Auch wenn es, insbesondere mit Blick auf die Kurse, nicht offensichtlich ist: Die Fortschritte in der Krypto-Adaption sind gewaltig. Dabei wurde der Turbo noch längst nicht gezündet. In den nächsten Monaten ist damit zu rechnen, dass die Tokenisierung eine neue Krypto-Dimension eröffnet. Der Gedanke dahinter ist simpel: Alles, was gehandelt werden kann, kann auch tokenisiert werden. Ganz gleich, ob Immobilie, Aktie oder Kunstwerk.

Durch die Tokenisierung soll ein neuer Level an Markteffizienz und Handelbarkeit erreicht werden. In Zukunft soll es möglich sein, dass beispielsweise der Besitzer einer Wohnung innerhalb von Sekunden einen bestimmten Prozentsatz seiner tokenisierten Eigentumswohnung an einer Börse handeln kann. Aus einem schwer handelbaren Asset soll so ein hoch liquider Vermögenswert werden. Mehrere Krypto-Startups auf der ganzen Welt arbeiten bereits an genau diesem Use Case. Die größten Hürden gehen dabei nicht von der Technologie selbst, sondern von der Regulierung aus.

Nicht nur im Fall der Tokenisierung, sondern im gesamten Krypto-Diskurs sind öffentliche Institutionen mit der Innovationsgeschwindigkeit überfordert. Aufkommende Fragen zur Haftung, Verantwortlichkeit und Überwachung passen nur schwer in das regulatorische Korsett der Behörden. Hier eine neue digitale Offenheit seitens öffentlicher Institutionen zu schaffen, wird erfolgsentscheidend für den Blockchain-Standort Deutschland und die Krypto-Adaption sein. Es ist die Ruhe, der der Sturm folgt.

Die Gastautoren: Sven Wagenknecht, Chefredakteur bei BTC-Echo und Philipp Giese, Chief Analyst von BTC-Echo. Foto: BTC-Echo
Die Gastautoren: Sven Wagenknecht, Chefredakteur bei BTC-Echo und Philipp Giese, Chief Analyst von BTC-Echo. Foto: BTC-Echo
Philipp Giese, Chief Analyst von BTC Echo. Foto: BTC Echo

Sven Wagenknecht und Philipp Giese

Die beiden Autoren beschäftigen sich in ihren Funktionen als Chefredakteur beziehungsweise Analyst für BTC-ECHO, einer der reichweitenstärksten, deutschsprachigen Medienplattformen für Bitcoin, digitale Währungen und Blockchain seit 2015 mit der Entwicklung dieses neuen Ökosystems sowie den entstehenden Technologien, Projekten und Investitionsmöglichkeiten. btc-echo.de