„Nach langem Warten wird einem König endlich eine Tochter geboren. Aus Freude darüber lädt er seine Untertanen zu einem Fest, darunter auch zwölf weise Frauen…“ (aus Dornröschen)

Das berühmte Werk der Gebrüder Grimm ist nicht nur ein Kindermärchen – es thematisiert beiläufig auch das s.g. Adoleszenz-Phänomen. So sieht beispielsweise der US-Psychoanalytiker Bruno Bettelheim in Dornröschen den abstrakten Prozess des pubertierenden Erwachens, „dessen glücklicher Ausgang sodann gewährleistet, dass das Kind nicht dauernd im scheinbaren Nichtstun verhaftet bleiben wird.“

Am Mittwoch dieser Woche lud Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zum zweiten s.g. “Berliner Startup Round Table – ein Hintergrundgespräch” (offener Dialog), dem, wie bereits im Vorjahr, zahlreiche prominente Vertreter der Berliner Digitalindustrie beiwohnten. Anwesend waren u.a. Startup-Vertreter wie Ijad Madisch (Researchgate) und Jens Begemann (Wooga), Simon Schaefer (the factory), Verbandsvertreter wie Sascha Schubert (Entrepreneurs Club) und Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups) sowie Journalisten wie Alexander Hüsing (Deutsche Startups) und Michelle Kuepper (Venture Village); insgesamt ca. 70 Gäste mit unterschiedlichstem Background. Über mangelnde Unterstützung aus den Reihen der Berliner Startup-Szene kann sich Wowereit also wahrlich nicht beschweren.

Unerschrocken vor der großen Dornenhecke

Und so wie Kinder ihren Großmüttern und Märchenonkeln abends mit offenen Mündern beim Märchenerzählen zuhören, staunten wahrscheinlich auch einige der Anwesenden nicht schlecht: Denn das plötzliche Signal, das von Wowereit (immerhin Deutschlands dienstältester Landesvater) ausging, war eindeutig und ein bisschen kampfeslustig zugleich. Beflügelt durch die soeben erschienene McKinsey-Studie „Berlin gründet – Fünf Initiativen für die Startup-Metropole Europas“ (diese habe bereits „große Verbreitung erfahren“) rief Wowereit die sportliche Parole aus, dass es fortan das Ziel Berlins sein müsse, den ersten Platz unter den Startup-Metropolen in Europa zu belegen. Derzeit rangiert Berlin laut McKinsey noch auf Platz 5, weltweit auf Platz 15. Die geplante Ausholjagd klingt also nach einer echten Herausforderung. Fast wagemutig angesichts der Tatsache, dass die Stadt Berlin ja selbst noch ein Startup ist. Sollte Wowereit also tatsächlich nochmal die Abenteuerlust gepackt haben? Hält hier gar Gründergeist im Rathaus Einzug?

Berliner Dämmerschlaf und das große Wachküssen

„In der Phase der Adoleszenz bzw. Pubertät kommt es zu deutlichen Änderungen in der Selbstwahrnehmung und der Gestaltung der Beziehungen des Einzelnen zur Umwelt.“ (Stangl-Taller)

Viele (Gründer und Medien) monierten in der Vergangenheit nicht selten (und nicht zu Unrecht) das latente Desinteresse Wowereits an der Berliner Digitalwirtschaft. Warum die zarten Pflänzchen stören – beim Wachstum auf dem Asphalt? Doch seit einem guten Jahr dreht sich der Wind. Es riecht tatsächlich ein bisschen nach digitalem Frühling im Roten Rathaus. Startups seien nun wichtig für die Stadt, heißt es.

Vieles sei passiert im letzten Jahr: Die Politik zeige sich präsenter im Startup-Umfeld, baue Brücken zwischen Startups und anderen Wirtschaftszweigen. So konnte man behilflich sein, das Interesse der Medien auf die Startup-Szene zu lenken oder beispielsweise Researchgate mit der Berliner Charitée zu vernetzen. Viele Maßnahmen und Events, beispielsweise die lange Nacht der Startups, hätten dazu geführt, dass die Startup-Szene reichhaltiger geworden sei, ist Wowereit überzeugt. Vor einem Jahr habe man 3 Ziele ausgerufen: „Vernetzung, Rahmensetzung, Sichtbarmachung.“, ergänzt Thomas Letz, koordinierender Kopf der Senatskanzlei. Diese seien weitestgehend erreicht. Sogar die TechCrunch Disrupt komme dieses Jahr nach Berlin. Und auch die von der Stadt Berlin co-organisierte Digital Media Conference in New York verfolgt das Ziel, zwischen beiden Startup-Hubs eine Brücke zu schlagen. Man möchte verstärkt internationale Venture Capital Geber nach Berlin holen, denn Wachstumskapital steht nun mal für Wachstum. Das Standortmarketing soll Berlin international als „Stadt der Chancen“ positioniert werden: „Komme nach Berlin, um Deine Ideen zu verwirklichen“. Nebenwirkungen wie steigende Mieten werden dabei billigend in Kauf genommen.
Doch sind das alles wirklich vielversprechende Maßnahmen oder nur gekonnte Nebelkerzen?

Wowereit will sich fortan messen lassen. „Wir wollen nicht nur ankündigen!“, so sein hemdsärmeliger Eigenapell. Er habe das Ziel vorgegeben, sich nicht mit dem Ranking zufriedenzugeben. Einen Zeitraum für die Umsetzung seiner ambitionierten und begrüßenswerten Pläne konkretisierte Wowereit indes nicht. Ohnehin waren die meisten Ankündigungen im Detail dann eher unkonkret. Einen Investor fände Wowereit mit diesem Geschäftsplan sicherlich nicht. Wir werden auf jeden Fall im kommenden Jahr etwas genauer hinschauen auf die Startup-Strategie der städtischen Organe.

Die Grundstimmung ist positiv

Und dennoch – die Stimmung in der Berliner Gründerszene scheint ihm Recht zu geben: In unserem gerade erschienen Magazin „the Hundert – Standpunkte zur Online-Hauptstadt Berlin“ (hier zum kostenlosen Download) haben wir einhundert Berliner Branchenkenner um ihre Statements zur Online-Szene in Berlin abzugeben. Zu lesen war ein in Summe überraschend optimistisches und bejahendes Gesamtbild gegenüber der Stadt. Zwar wurde die Berliner Politik in den hundert Beiträgen kaum kritisiert – aber auch (noch) nicht positiv erwähnt.

Doch Wowereit bekräftigt: Man habe ihre Wichtigkeit für den Standort Berlin verstanden. Dies belegten auch die Zahlen aus der „Studie zur Digitalen Wirtschaft in Berlin“ der IBB, die im Mai 2013 veröffentlicht wurde. Berlin stehe gut da im nationalen Vergleich, wusste Jens Holtkamp, Leiter der Unternehmenskommunikation der IBB, zu berichten. Laut IBB Studie belegt Berlin Platz eins der Gründerszene in Deutschland, gleichbedeutend mit 60.000 Arbeitsplätze (im Vergleich: die industrielle Industrie verzeichnet 105.000 Arbeitsplätze). Aber hier sei noch viel Luft nach oben. Holtkamp stellte dar, dass der Anteil der Digitalwirtschaft an der Bruttowertschöpfung in Berlin mit dem wichtigen Tourismussektor gleichgezogen (beide bei etwas über 4 Prozent) habe (diese Parität wurde allerdings von Klaus Wowereit direkt und getreu dem Churchill-Motto „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ angezweifelt). Doch auch die anderen Zahlen der IBB-Studie belegen die Wirtschaftskraft der Digitalwirtschaft in Berlin: 5353 Unternehmen erwirtschaften 8,9 Milliarden Euro Umsatz. Das Beschäftigungswachstum in der Digitalwirtschaft in Berlin beträgt seit dem Jahr 2008 fast 50 Prozent.

Bühne frei für McKinsey – endlich ein Masterplan…(?)

Während man die IBB-Studie eher als Bestandsaufnahme Berlins im nationalen Kontext begreifen kann, geht die vor einer Woche veröffentlichte McKinsey-Studie „Berlin gründet – Fünf Initiativen für die Startup-Metropole Europas“ einen deutlichen Schritt weiter. Sie präsentiert einen Masterplan mit zahlreichen Handlungsanregungen, der von Katrin Suder, Leiterin des Berliner McKinsey-Büros, schwungvoll vorgetragen wurde. Das wundert nicht – überzeugende Präsentationen gehören bei McKinsey schließlich zum kleinen Einmaleins. Doch Frau Suder Enthusiasmus wusste tatsächlich zu begeistern, wenngleich nicht jeder ihre Thesen teilte.
Laut Eigenaussage fasst „Berlin gründet“ das Stimmungsbild und die aktuelle Lage der Gründerszene in der Hauptstadt systematisch zusammen. Die Performance Optimierer von McKinsey haben dafür „in über 100 strukturierten Interviews und Gesprächen die Meinungen von Gründern, Startups, Wagniskapitalgebern, Betreibern von Inkubatoren, Anbietern lokaler Infrastruktur sowie nationalen und internationalen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ausgewertet. Die Ergebnisse wurden quantifiziert und mit internationalen Städten verglichen.“ Zwischenfazit der Studie: Berlin habe beste Voraussetzungen, sich zur führenden Gründermetropole in Europa zu entwickeln. Bis 2020 könnten in Berlin über 100.000 neue Arbeitsplätze durch Startups entstehen. Doch damit nicht genug: „Berlin muss insgesamt 500.000 neue Jobs schaffen, um zukunftsfähige, ökonomisch eigenständige Metropole mit ausgeglichenem Haushalt zu werden“. Dieses Ziel sei jedoch nur zu erreichen mit „starker fokussierter Gründungsdynamik – Berlin braucht mehr innovative Gründungen“. Irgendwie selbstverständlich.

Die Handlungsempfehlungen von McKinsey sehen dabei eine klare Fokussierung auf wenige Maßnahmen vor: Neben einem neuen Berliner Gründercampus empfiehlt McKinsey einen 100-Millionen Euro schweren Berliner Gründerfonds: „Um mehr Kapital für wachsende Startups zur Verfügung zu stellen, soll ein neuer Privatfonds mit rund 100 Millionen Euro eingerichtet werden, der sich speziell an junge Unternehmen mit einem Kapitalbedarf ab 3 Millionen Euro richtet. Als Kapitalgeber kommen vor allem Konzerne und Mittelständler in Frage, mit denen bereits erste Gespräche geführt werden“. Befüllt werden soll der Topf also nicht aus der leeren Landeskasse, sondern durch Großunternehmen, die ja ohnehin in Berlin noch unterrepräsentiert sind (nur 4 der 30 DAX-Konzerne haben einen Standort in Berlin), die aber die Nähe zu Startups suchen (müssen).

Daher schlägt McKinsey als weitere Initiative vor, über den Senat eine Taskforce „Berliner Unternehmensdialog“ nach Londoner Vorbild einzurichten. Die Aufgabe: Etablierte Unternehmen mit Gründern zusammenzubringen und sie so für eine Unterstützung zu gewinnen.

Und auch der Gründergeist müsse in die Stadt einkehren. Angefangen mit neuen Auswahlkriterien für Professoren (stärkerer Fokus auf Entrepreneurship), Stärkung des Mindsets der Studenten, Einführung eines Gründer Gap-Years und einem großangelegtem Gründercampus für digitale Tech-Startups.
Das aus McKinsey Sicht spannende an Berlin: „Berlin hat das Potenzial, Modellstadt zu werden, die Lösungen für Probleme der Zukunft vieler Städte entwickelt und exportiert.“

Im Anschluss an die Präsentation forderte Wowereit auch softe Faktoren, die für das Leben in einer sich internationalisierenden Metropole immanent wichtig sind: „Menschen mit anderer Hautfarbe und anderer Religion müssen sich in Berlin wohlfühlen können. Die s.g. innere Liberalität muss gelebt werden“. In Berlin müsse die Willkommenskultur noch ausgebaut werden. Zweisprachigkeit in den Behörden gerate zur Pflicht. Es scheint also, Berlin werde sich langsam seiner internationalen Möglichkeiten bewusst.

Kollektives Brainstorming

Die letzte Stunde der Veranstaltung dominierte dann eine muntere Diskussion darüber, wie man den Online-Standort Berlin fortan entwickeln müsse. Während Early Birds Christian Nagel die Wichtigkeit großer Exits unterstrich (derer gab es in Berlin in den Jahren 2001 bis 2012 lediglich 12 – im Vergleich zu London mit 96), warnte Prof. Günter Faltin davor, dass die McKinsey-Studie die bereits vorhandenen Institutionen der Stadt nicht ausreichend berücksichtige. Einig schienen sich die meisten jedoch darin, dass man dringend ausländische VCs vom Standort Berlin begeistern müsse. Warum allerdings ein wirtschaftlich gesundes Land wie Deutschland nicht mit eigenen Mitteln und aus eigener Finanzkraft wachsen kann, blieb dabei unbeantwortet (und ungefragt). Die gesamte Diskussion war sachlich, aber letztlich ohne Zielführung. Konkret umsetzbare Maßnahmen wurden wohl notiert, allerdings nicht festgezurrt. Auch vermisste man ein konkretes To-Do für die Anwesenden, damit Hilfsbereitschaft nicht in blindem Aktionismus mündet. Wünschenswert wäre hierbei eine transparente Roadmap mit den Schritten bis 2014 – inklusive Angebote an die Berliner Gründerszene, wie diese sich bei der Umsetzung der Roadmap involvieren kann. Und diese scheint gewillt, das Stadtoberhaupt auf seiner Odyssee zu unterstützen.

Schon Bettelheim wusste, „Kinder brauchen Märchen“. Die Zukunft wird weisen, ob die politische Führung Berlins den hohen Erwartungen der Digitalszene entsprechen kann. Es wäre märchenhaft, wenn die Geschichte von Prinz Wowereit und Dornröschen Berlin ein gutes Ende nähme. Wowereit will wachküssen. Und Wowereit will sich messen lassen. Und das ist gut so. „Deine Zukunft ist, wozu du sie machen willst. Zukunft heißt wollen.“ (Dalai Lama). Und es scheint, Wowereit hat mit dem Wollen begonnen.

„Es schlief immer noch alles, sowohl Menschen, als auch Tiere. Es war vollkommen still. Der Königssohn fand Dornröschen, gab ihm einen Kuss, und es erwachte. Daraufhin erwachte auch der ganze Hofstaat und das Leben war wieder im Gange. Der Königssohn heiratete Dornröschen und sie lebten glücklich, bis an ihr Lebensende.“

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1 Kommentar auf "Prinz Wowereit und Dornröschen Berlin"

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