Berlin, München: eine unendliche Geschichte. Die eine ist Hauptstadt, die andere noch immer die sogenannte heimliche Hauptstadt. Die eine ist seit einigen Jahren die Hochburg der Galerien, der Mode, der Musik und der Startups, die andere die Hochburg der Dax-Konzerne, der Hochtechnologie, der Forschung, des Geldes – ein wirtschaftliches Powerhouse. Die eine ist die Hochburg der Coolness, der besten Clubs, der neuesten Trends, die andere die Hochburg der entspannten Lebensfreude – nicht zuletzt dank der vielen Biergärten und der Nähe zu den Alpen. Lebenswert jedenfalls sind beide Städte.

Ich zitiere jetzt bewusst nicht „arm, aber sexy“ – huch, nun ist es doch geschehen. Aber so arm ist Berlin inzwischen auch gar nicht mehr, zumindest nicht arm an Gründungswilligen aus aller Welt. Berlin ist ein Talentmagnet für angehende Gründer. Und deshalb auch ein Magnet für internationale VCs und den ein oder anderen Hollywoodstar, der schnell mal vorbeikommt, um in Startups zu investieren.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die größten Startups, die meisten Finanzierungsrunden, die höchsten VC-Investments, die mit Abstand höchste internationale Aufmerksamkeit – alle erste Plätze gehen an Berlin.

Forschung und Lehre in München

Der Ruf Berlins als Startup-Mekka ist seit einigen Jahren wie Donnerhall. Berlin hat sich international eindeutig als eine der globalen Startup-Hauptstädte positioniert. Und das, so sagen viele, nicht wegen, sondern trotz der Landespolitik. Dabei sollte man aber München nicht aus den Augen verlieren. Ganz im Gegenteil glaube ich, dass hier ein vielleicht noch viel größeres Potenzial schlummert.

München hat gleich eine ganze Reihe von nahezu unschlagbaren Stärken: zuallererst die beiden Top-Unis TU und LMU inklusive dem gemeinsamen Center for Digital Technology and Management (CDTM) mit seinem Fokus auf Innovation, Produktentwicklung und Entrepreneurship. Dazu kommen die seit vielen Jahren erfolgreichen Hochschul-Initiativen rund um die ö.rderung von Entrepreneurship wie das LMU Entrepreneurship Center und UnternehmerTUM. Unabhängige Inkubatoren wie das Werk1 und andere ergänzen dieses Angebot. Und nicht zu vergessen die zahlreichen Forschungsinstitute wie etwa das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Viele von ihnen sind international führend.

Der vielleicht wichtigste Aspekt aber ist die räumliche Nähe von Forschung und Lehre zur Praxis. In keiner anderen Stadt gibt es mehr Dax-Konzerne als in München. Und nicht nur das. München weist zudem eine einzigartige Branchenvielfalt auf: Man findet führende Unternehmen aus den Bereichen Technologie (Siemens, Infineon), Versicherung (Allianz, Munich Re), Mobilität (BMW und Sixt, auch Audi ist nur einen Katzensprung entfernt), Medien (Prosiebensat1, Burda), Banking (HVB, Wirecard), Luft- und Raumfahrt (Airbus), Sicherheit (Giesecke & Devrient), Sport (FC Bayern). Diese Liste ließe sich lange fortführen.

All diese Unternehmen werden seit Jahren immer offener für eine pragmatische und für beide Seiten wertstiftende Zusammenarbeit mit Startups. Der Aufbau von Schnittstellen zum Heben solcher Synergien wird mehr und mehr als zusätzliches neues Instrument im großen Werkzeugkasten der Innovation etablierter Unternehmen begriffen. Und kann – wenn es richtig gemacht wird – gleichzeitig ein erstklassiges Sprungbrett für Startups sein. Und diese Zusammenarbeit funktioniert einfach am besten, wenn sie nicht in ein Innovationslabor in einer anderen Stadt ausgelagert wird, sondern räumlich nahe bei den wirklich Geschäftsverantwortlichen geschieht. Als Beispiel kann etwa die BMW Startup Garage dienen.

Dazu kommt, dass das Umland von München voll ist von innovativen Hightech-Zulieferern, beispielsweise für die Automobil- und die Luftfahrtindustrie. Das ist nicht zu unterschätzen in einer Zeit, in der zwar Software „alles aufisst“, aber gleichzeitig neue Hardwarekomponenten im Rahmen von IoT, Robotik, Industrie 4.0 und so weiter eine immer wichtigere Rolle spielen.

Perfektionismus und „mia san mia“

Perfektionismus und das Selbstverständnis, dass, wenn man das, was man macht, richtig macht, ist vermutlich eine der tragenden Säulen der wirtschaftlichen Stärke Münchens und der umgebenden Region: einer der besten Flughäfen der Welt, einer der besten Fußballvereine der Welt mögen als allseits bekannte Beispiele dienen. Das Handelsblatt schrieb kürzlich treffend: München sei „eine Stadt, die ins Gelingen stärker verliebt ist als andere”.

Wenn in München Startup-Events gemacht werden, wie etwa DLD oder Bits & Pretzels, dann erscheinen dort wie selbstverständlich international bekannte Persönlichkeiten wie Mark Zuckerberg, Eric Schmidt oder Kevin Spacey. Und natürlich treten dort auch bayerische Staatsminister und der Münchner Bürgermeister auf.

Politik hilft parteiübergreifend

Woran es München und Bayern definitiv nicht mangelt, sind selbstbewusste Politiker. Und dementsprechend meint es die Politik auch ziemlich ernst: Bereits vor langer Zeit wurde etwa das Potenzial von Biotechnologie erkannt und seitdem in schöner Eintracht durch die Stadt- und die Landespolitik in und um München mit hunderten Millionen Euro gefördert. Vor einigen Jahrzehnten hat sich das schon mal durch die gezielte Ansiedlung und Förderung von Luft- und Raumfahrtunternehmen als wegweisend und erfolgreich erwiesen. Dass die Autobahn A9 nördlich von München nun zur Teststrecke für autonome Mobilität ausgebaut wird, ist nur ein weiterer Beleg. Das alles gepaart mit der unbestritten hohen Lebensqualität lockt auch internationale Powerplayer in die bayrische Hauptstadt. München ist Heimat geworden für wichtige Standorte von Google, Amazon, Microsoft, General Electric, Intel, Oracle und vielen anderen. IBM hat München sogar als sein globales IBM Watson IoT Headquarter gewählt.

Meine Hypothese: München wird noch mehr als heute ein zentraler Hub für technologieorientierte Startups werden, besonders solche mit Hightech- und B2B-Fokus. Der Deutsche Startup Monitor belegt das schon in seinen 2016er Zahlen: Im Vergleich zu Berlin (58 Prozent) etwa machen 74 Prozent der befragten Münchner Startups ganz oder überwiegend ihren Umsatz über B2B. München das Silicon Valley Deutschlands und Berlin das New York City? Vielleicht kein so schlechter Vergleich. Beide Städte schielen immer wieder auf die jeweils andere, um zu sehen, wie man einander übertrumpfen kann. Wettbewerb ist natürlich gut. Ich möchte aber lieber eine Lanze brechen für ein gezieltes Miteinander statt ein unproduktives Gegeneinander. Sind wir froh, dass wir zwei so großartige, dynamisch sich entwickelnde Ökosysteme haben.

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