Historisch betrachtet haben wir noch sehr wenig Erfahrung mit digital leadership, mit digitalen Produkten und Dienstleistungen, sodass wir uns immer wieder auf gemeinsame Entdeckungsreisen begeben. Gleichzeitig ist die Entwicklungsgeschwindigkeit digitaler Produkte sehr hoch und der Markt weniger gut überschaubar, da einerseits global und andererseits schnelllebig. Heute noch eine Idee, morgen ein am Markt angebotenes Minimal-Viable-Produkt (MVP).

Digital Leadership bedeutet: Wir führen zu und innerhalb dieser Entdeckungsreise

Ergo: Wir führen zur und innerhalb dieser Entdeckungsreise. Wir führen innerhalb erhöhter Aufmerksamkeit für Veränderung und Reaktion darauf.

Nicht zuletzt durch die Digitalisierung sind wir in einer vermehrt komplexen und mehrdeutigen Welt angelangt. Digital Leadership wird immer wichtiger. Wir können nicht genau wissen, was die richtige Herangehensweise ist. Wir experimentieren und scheitern ein ums andere Mal (hoffentlich früh). So erlangen wir Erkenntnisse, die uns wiederum andere Herangehensweise eröffnen. Bereits bekannte Fehler wollen wir nach wie vor vermeiden. Fehler im Sinne von „Oh, das überrascht uns. Damit hätten wir nicht gerechnet“ wollen wir häufiger machen, draus lernen und unser digitales Kunden-, Markt- und Produktverständnis schärfen.

Ergo: Wir führen, indem wir ein Umfeld gestalten, in dem Experimente Alltag sind und Scheitern nicht als „falsch“ interpretiert wird. Wir führen, indem wir durch Mehrdeutigkeit Raum für Kreativität entstehen lassen.

Digitale Produkte werden nicht von hart körperlich arbeitenden Menschen entwickelt. Heute raucht und arbeitet vermehrt der Kopf. Wir befinden uns im Wissenszeitalter und sind entsprechend auf Erfahrungen, Erkenntnisse, Abwägungen, Schätzungen und damit entsprechend komplexe und innovative Gedankengänge und digital Leadership angewiesen.

Nun können wir in die Köpfe der Mitarbeitenden nicht reinschauen. Wir sehen nicht, wie viel und welches Potenzial da noch ist und welche Blockaden möglicherweise stören. Wir können das nur erahnen.

Ergo: Wir führen, indem wir eine Atmosphäre gestalten, in der sich Menschen frei entfalten und ihre Gedanken offen teilen können. Wir gestalten tragfähige Beziehungen, indem wir uns selbst nahbar und greifbar machen sowie konsequent verhalten.

Eine Atmosphäre zu gestalten, in der sich Menschen frei entfalten können.

1+1 = 0,5 oder 4 (nicht 2 – wirklich nicht)

Der Wunsch nach „High Performance“ ist groß. Leider funktionieren Teams nicht wie Maschinen, bei denen spontane Ausfälle durch den „Ersatz von Ressourcen“ in Form neuer Teammitglieder ausgeglichen werden können. Gruppendynamiken greifen sowohl auf Team- als auch auf Organisationsebene. So stellen Katzenbach und Smith schon 1993 in „the Wisdom of Teams: Creating the High-Performance-Organization“ die Performance und die Effektivität von Arbeitsgruppen im zeitlichen Verlauf einander gegenüber. In dieser wird die gewünschte Performance erst nach einer Zeit der Zusammenarbeit erreicht. Das bedeutet, dass 1+1 zunächst leider für eine ganze Weile eher 0,5 ergibt. Durch Entwicklungsprozesse und digital Leadership gilt es, gezielt 1+1=4 zu erreichen.

Ergo: Wir führen Teams und Organisationen. Wir führen, indem wir sowohl Aktionen als auch Interaktionen beachten und wertschätzen.

Gönn dir: Date dich selbst

Vor allem Führungskräfte erscheinen mir in Coachings häufig überzeugt, selbst schnell und frei von jeglichen Biases interpretieren zu können. Nicht nur das Umfeld, unsere Teams und unsere Mitarbeitenden sind komplex. Auch Interpretationsprozesse sind es. Der größte Bias sind wir selbst, wenn wir unsere Urteile nicht in einen Kontext setzen. Alles, was wir beobachten, durchläuft unseren persönlichen Filter. Zu verstehen, was diesen Filter prägt, ist unglaublich wertvoll. Je besser wir uns kennen, desto facettenreicher sind die Möglichkeiten, die wir finden, auf und mit Menschen, Situationen und uns selbst umzugehen.

Ergo: Wir führen, indem wir uns selbst besser kennenlernen und damit arbeiten. Wir führen, indem wir uns eine größere Vielfalt an Herangehens- und Lösungsmöglichkeiten schaffen.

Zeit( & )raum in der Führung

Führung von Mitarbeiten und digital Leadership ist keine unidirektionale Aneinanderreihung von Maßnahmen, die zu einem Ziel führt, welches dann abgehakt wird, um das nächste anzugehen. Führung ist ein Prozess, den wir beeinflussen, jedoch nicht vorhersagen können. Manchmal sind viel – versprechende Maßnahmen wirkungslos, manchmal bewirken sie etwas anderes als beabsichtigt, wirken später oder haben ungeahnte Wechselwirkungen.

Ergo: Wir führen, indem wir Führung als einen andauern – den Prozess betrachten und Veränderung Zeit und Raum geben. Profit beißt nicht. Er will nur spielen.

Jedes Unternehmen hat seinen Zweck und entsprechende Ziele. Auch wenn Mitarbeitende die wichtigste „Ressource“ sind, so ist Arbeit kein Hobby. Wirtschaftliches Denken soll ein wichtiger Punkt sein und bleiben. Die Arbeitslast sowie den Stresslevel betrachtend muss unter – schieden werden, ob das Unternehmen gerade um das Überleben kämpft oder ob wir im Daily Biz unterwegs sind.

Ergo: Wir führen durch stetige Sensibilisierung für Zweck und Ziele. Wir führen Unternehmen partizipativ zum Erfolg.

Führung ist ein ganzheitlicher Prozess

Auf „Wie funktioniert gute Führung?“ muss es mehr als eine Antwort geben. Digital Leadership, Führungsmodelle, -instrumente und -frameworks sind Hilfsmittel, die alle nur so gut wirken, wie sie im Kern verstanden, angewendet und in den Kontext passend eingebunden werden.

Kristina Müller

Kristina Müller, Expertin zum Thema digital Leadership. Foto: Lucia Bartl
Kristina Müller, Expertin zum Thema digital Leadership. Foto: Lucia Bartl

Kristina Müller ist freiberufliche Agile Transition & Leadership Coach. Als Wirtschaftspsychologin (B. Sc.) und Systemische Beraterin hat sie mehr als fünf Jahre Erfahrung im agilen Kontext. Dabei spielt sie die komplette Klaviatur: vom C-Level bis zur Mitarbeitendenebene, von Corporates bis zum Startup, vom Start in die Agilität bis Advanced Agile. Da jede Organisation in Business, Purpose, Kultur, Arbeitsweisen u. v. m. individuell ist, sind ihr ein ganzheitlicher Blick und Co-Creation wichtig.