Marco und Jan, mit der Noah habt Ihr eine erfolgreiche Digital-Konferenz aufgebaut. Stimmt es, dass der Ursprung dieser Konferenz in einer Pleite lag?

Marco Rodzynek: Ja, das ist richtig. Wir beide sind von Haus aus Banker und kennen uns aus unserer gemeinsamen Zeit bei Lehman Brothers, für die wir beide damals schon verschiedene Internet-Unternehmen betreut haben. Aber wie bekannt ist, musste die Bank 2008 Insolvenz anmelden. Das kam für uns überraschend und hat uns dementsprechend beide ziemlich erschrocken – und ganz davon abgesehen kam plötzlich auch kein Gehaltsscheck mehr. Von daher war klar: Etwas Neues muss her.

Wie kamt Ihr auf den Gedanken, eine Digital- und Investoren-Konferenz zu gründen?

Marco Rodzynek: Ein Geschäftsfreund von mir hat mir den Tipp gegeben, dass es eine spannende Firma geben würde, die nach professionellen Investoren sucht. Das war Fotolia. Ich habe mich dann mit Gründer Oleg Tscheltzoff getroffen und die Transaktion betreut – das war mein erster M&A-Deal in eigener Regie. Nachdem all das gut funktioniert hat, Geld reinkam und ich mich in meinem neuen Business sicher gefühlt habe, kam mir der Gedanke: Es gibt so viele Banker am Markt, aber es gibt keine gute Konferenz, auf der sich der Kapitalmarkt mit den Unternehmen trifft. Und dieser Gedanke war der Grundstein für die Noah – genau dieses Umfeld selbst zu kreieren.

„Es gibt so viele Banker am Markt, aber es gibt keine gute Konferenz, auf der sich der Kapitalmarkt mit den Unternehmen trifft“

Nachdem Ihr auch weiterhin im M&A-Geschäft tätig seid, habt Ihr mit der Noah ein Umfeld geschaffen, von dem Ihr auch selbst profitiert.

Marco Rodzynek: Ja, wir betreuen unter dem Label Noah Advisors auch weiterhin M&A-Transaktionen. Das ist unser zweites Standbein. Im vergangenen Jahr haben wir unter anderem Parship und Käuferportal an ProSiebenSat.1 Media verkauft, zuletzt Silver Lake zum Investment in Flixbus beraten. Und die Konferenz ist sicherlich ein Nährboden für dieses Business und öffnet viele Türen. Wir haben schließlich rund 400 unterschiedliche Investoren-Fonds auf der Noah, was eine richtig gute bekannte Marke geworden ist. Klar, dass wir auch selbst den Konferenzgedanken leben: We connect leaders. Aber trotzdem sind nur ein kleiner Teil der Sprecher und Besucher auch unsere M&A-Kunden, wir sind dort sehr selektiv und konzentrieren uns auf fortgeschrittene Geschäftsmodelle, bei denen wir echten Mehrwert bringen können.

Wie finanziert sich eine Konferenz wie die Noah?

Jan Brandes: Grundsätzlich haben wir auf jedes Kapital von außen verzichtet und haben uns bewusst für ein gesundes, organisches und nachhaltiges Wachstum entschieden, statt wie einige andere Veranstalter Kapital aufzunehmen und hauptsächlich in Marketing zu investieren. Wir haben es geschafft, tolle langfristige Partner zu finden, die uns unterstützen. Relativ ungewöhnlich bei uns ist, dass der Großteil unserer Einnahmen durch Ticketverkäufe generiert wird, was allerdings auch an den zugegebenermaßen recht hohen Ticketpreisen liegt. Unsere Teilnehmer kommen zur Noah, weil sie bei uns Business machen können. Da ist der Ticketpreis eher sekundär.

„Unsere Teilnehmer kommen zur Noah, weil sie bei uns Business machen können“

Was heißt das konkret?

Jan Brandes: Die Preise starten bei 790 Euro vor Mehrwertsteuer.

Schließt Ihr damit nicht eine Menge potenzieller Besucher aus?

Marco Rodzynek: Ja, das wollen wir ganz bewusst. Ich bin der Meinung, dass dieses Preisniveau eine Art Eintrittsbarriere darstellt. Wir sind im oberen Segment, das heißt, Location, Ausstattung, technische Produktion, Catering muss top sein. Unser Essen wird beispielsweise in Berlin vom Feinkost-Unternehmen Käfer bereitgestellt. Noch wichtiger ist uns aber, die hohe Qualität unserer Teilnehmer beizubehalten, das heißt Top-Management-Teams, Top-Investoren von Corporates und Fonds, Politiker sowie ausgewählte Journalisten und Influencer. So hast du nur Leute auf der Konferenz, die wirklich dorthin kommen, um gezielte Meetings für Fundraising oder Kundenakquise zu machen. Wir sagen daher: Ja, wir haben vielleicht teurere Ticketpreise als andere Veranstaltungen, die sich vorwiegend über Sponsoren finanzieren. Aber …

… dafür das beste Umfeld, um Geschäfte einzuleiten und abzuwickeln.

Jan Brandes: Genau! Unser Fokus ist ganz klar, Top-Leute zusammenzubringen und ihnen ein tolles Umfeld zu bieten. Wir sind selbst überrascht, dass selbst bei den absoluten Top-Sprechern viele Leute nicht im Saal sitzen, sondern lieber auf der Terrasse networken.

Marco Rodzynek: Wir hatten in der Vergangenheit sogar schon Leute, die aus Neuseeland eingeflogen sind – für ein einziges, wichtiges Meeting. Wir wollen den Leuten dabei helfen, ihre Business-Ziele zu erfüllen. Und wir tun alles dafür, um das so einfach und angenehm wie möglich zu gestalten.

„Wir sind selbst überrascht, dass selbst bei den absoluten Top-Sprechern viele Leute nicht im Saal sitzen, sondern lieber auf der Terrasse networken“

Was ist das im Detail?

Marco Rodzynek: Wir haben beispielsweise eine eigene App, die wir in diesem Jahr noch deutlicher in den Vordergrund stellen wollen und um einige Funktionen erweitert haben, zum Beispiel einen Terminplaner. Außerdem werden wir dieses Jahr den ersten Anlauf nehmen, Leute auf Basis Ihrer Noah-Ziele miteinander in Kontakt zu bringen.

Ihr begrenzt die Redezeit der Speaker grundsätzlich auf zehn Minuten. Warum?

Jan Brandes: Wenn wir es nicht von Anfang an so gemacht hätten und wir nicht diese Bandbreite an Top-Sprechern hätten, würden sich wohl die wenigsten CEOs bereit erklären, für zehn Minuten Redezeit auf eine Konferenz zu kommen (lacht). Auch heute noch gibt das teilweise harte Diskussionen. Bei ganz großen Sprechern mit top Inhalten geben wir dann auch mal fünf Minuten mehr. Wie zum Beispiel beim neuen Priceline CEO Glenn Fogel. Er kommt seit sechs Jahren auf die Noah. Priceline ist mittlerweile fast 100 Milliarden Dollar wert.

Marco Rodzynek: Wenn du Ausnahmen machst, stellt sich sofort die Frage: Wem genau gibst du mehr Zeit? Und wir wollen schließlich den gesamten digitalen Sektor beleuchten. Wir haben Lieferdienste. Wir haben Supermärkte. Wir haben Fashion. Wir haben Travel. Fintech sowieso. Und wir haben sogar Old Economy wie Siemens oder Thyssenkrupp. Und noch immer habe ich nicht alle Branchen genannt. Sie sehen: Wir wollen einen weiten Themenkreis beleuchten, daher lassen wir uns auf die Diskussionen um die Redezeit nicht ein.

„Wir wollen den gesamten digitalen Sektor beleuchten“

Jan Brandes: Ein weiterer Grund, warum zehn Minuten genug sein sollten, ist, dass wir ein sehr breites Publikum haben, das größtenteils gar kein Interesse hat, sich in alle Bereichen zu vertiefen. In den vielen Networking-Meeting-Lounges kann man dann noch tiefergehend über Bitcoin Interest Rates oder ähnliche oder andere Details diskutieren.

Habt Ihr Angst, dass Ihr Konkurrenz bekommt – gerade auch aus dem Ausland?

Marco Rodzynek: Einmal wurden wir kopiert und zwar in Kuala Lumpur – die haben auch überhaupt keinen Hehl daraus gemacht. Das ist auch okay: Ich war sogar diese Woche dort und habe einen Vortrag gehalten. Grundsätzlich ist das Ökosystem dort aber so, dass ich das nicht als direkte Konkurrenz sehe. Und ansonsten: Wir haben unser Ökosystem über Jahre strategisch aufgebaut, und der Wert, den wir liefern und der uns von vielen anderen Veranstaltungen unterscheidet, lässt sich auch mit viel Funding, aggressivem Marketing und Discount-Ticketpreisen nicht so leicht replizieren. Wir denken, eine Konferenz wie Noah gibt es nicht noch einmal, auch nicht in Amerika.

Ihr habt die Noah in London gestartet, mittlerweile findet ein Ableger auch in Berlin statt. Habt Ihr auf der anderen Seite Expansionspläne?

Jan Brandes: Unsere oberste Priorität liegt auf den bestehenden Events. In Berlin gelingt es uns immer besser, echte Old-Economy-Unternehmen, auch aus dem Ausland, an Bord zu holen, aber es ist ein langer Weg, um das komplette Ökosystem einzufangen. In London arbeiten wir daran, das Event noch stärker auf das Zusammenbringen der besten Firmen mit den besten Kapitalgebern zu fokussieren. Dabei setzen wir verstärkt auf Technologie, in dieser Hinsicht sind wir selbst momentan ein echtes Startup mit allem, was dazu gehört.

Marco Rodzynek: Wir wollen den Content noch weiter verbessern. Wir wollen die Technik verbessern. Wir wollen die Teilnehmer besser machen. Das ist der momentane Fokus. Alles Weitere gibt sich dann von alleine. Das Wichtigste ist wie immer, es soll allen Spaß machen und weiterhin auch viel bringen.

Das Interview führte Jan Thomas.

Noah Conference Logo (Bild: Noah Advisors)

NOAH CONFERENCE

Die Noah Conference wurde 2009 erstmals in London gelauncht und findet seit 2015 auch jährlich in Berlin statt. Die Konferenz bringt führende Unternehmer, Investoren und Multiplikatoren der Digital-Branche zusammen. Am 22. und 23. Juni treten im Berliner Tempodrom auf insgesamt drei Bühnen mehr als 200 Speaker auf. Darunter sind auch Vertreter von mehr als 25 digitalen Unicorns sowie 15 traditionell nicht digitalen. Unter diesen Unternehmen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden und die auf der Noah auftreten, sind unter anderem Stripe, Farfetch, Gett, Cloudflare, Sigfox und Delivery Hero.
Marco Rodzynek, Gründer von Noah Advisors (Bild: Jan Michalko)

MARCO RODZYNEK

Marco Rodzynek ist geschäftsführender Gesellschafter und Gründer von Noah Advisors. Bis zur Gründung von Noah war Rodzynek elf Jahre als Head of Internet und Media Investment Banking für Lehman Brothers tätigt.
Jan Brandes, Managing Director bei Noah Advisors (Bild: Jan Michalko)

JAN BRANDES

Jan Brandes ist seit 2010 Managing Director bei Noah Advisors. Vor dem Wechsel zu Noah war Brandes im Bereich Media/TMT Investment Banking für Lehman Brothers tätig.

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2 Kommentare auf "Noah Conference: „Manche kommen aus Neuseeland für ein einziges Meeting“"

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