Die Location hätte passender nicht gewählt werden können. Das Radialsystem V, eines der ersten Pumpwerke Berlins und im zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört, verbindet in seiner Architektur wunderbar den restaurierten Altbau mit dem modernen Überbau aus Stahl, Glas und Beton. Diese Location stellt die Kulisse für den NKF Summit, der sich in der zweiten Ausgabe genau diesem Thema widmet – der Verschmelzung von alter und neuer Welt.

Das ist aber gar nicht so selbstverständlich. Startups sind führend bei Innovation, Disruption und Agilität. Etablierte Unternehmen bringen Markterfahrung, Kundenstämme und Kapital mit. Diese Grenze zu überwinden und Corporates zu helfen, ihre Zukunftsfähigkeit in der digitalen Transformation und im internationalen Wettbewerb dauerhaft zu sichern, das ist das Ziel der eintägigen Konferenz von NKF Media. Der Verlag ist unter anderem Herausgeber der Startup-Magazine the Hundert und Berlin Valley.

Arbeitskräfte sind keine Maschinen

Was passiert, wenn man den digitalen Wandel verschläft, erklärt Florian Langenscheidt in seiner Auftakt-Keynote. Der Unternehmer, Business Angel und Publizist hat erlebt, wie ein erfolgreiches Geschäftsmodell von digitalen Modellen überrannt wurde. „Über Jahrzehnte war der Brockhaus das Tor zu einer besseren Zukunft. Wir haben sehr viel Geld mit dem gesammelten Wissen verdient – dann kamen Google und Wikipedia“, sagt Langenscheidt und gibt offen zu: „Wir haben die neuen Player nicht ernst genommen und den Wandel verschlafen.“ Damit das anderen Unternehmen nicht passiert, fordert er ein radikales Umdenken. Nicht Sportler oder irgendwelche B-Promis, sondern erfolgreiche Unternehmer sollten unsere Helden sein. Der Erfolg liege in Diversität, in heterogenen Teams. Und schließlich müssen Unternehmen Skepsis überwinden und bereit sein, neue Wege zu gehen.

Und die Zeit drängt. „Wir erleben Digital Hurricanes“, sagt Markus Heinen, Partner beim Beratungsunternehmen EY. Die Arbeitswelt und die Ansprüche an den Arbeitsplatz ändern sich. Unternehmen sind gefordert, immer nach dem „Purpose“ ihres Geschäftsmodells zu fragen, um die digitalen Talente für sich gewinnen zu können. „Bis 2019 wird ein Drittel der Workforce in den USA aus Freelancern bestehen. Man darf Arbeitskräfte nicht als Maschinen begreifen“, sagt Heinen.

Zwischen den Vorträgen und Panels erhalten auch ausgewählte Startups die Gelegenheit, ihr Unternehmen und ihre Vorgehensweise auf der Hauptbühne zu präsentieren. Marcus Börner beispielsweise möchte mit Optiopay die Art und Weise, wie Menschen Geld erhalten und ausgeben, grundlegend verändern. Dazu gehöre auch der Mut zum Scheitern, wenn man Veränderung vorantreiben möchte, sagt Börner. Und Benjamin Bauer, Gründer der börsennotierten Online-Bestellplattform Delivery Hero, ermutigt die rund 500 Summit-Teilnehmer, konstant Fehler zu machen. „Wichtig ist nur, dass man daraus etwas lernt“.

Weil wir das schon immer so machen, ist kein Grund

Insgesamt stehen heute beim NKF Summit 40 Speaker in 20 Sessions auf der Hauptbühne. Parallel bietet der Deep Dive Room Workshops, unter anderem von Project A, Xing und I-potentials, sowie zahlreiche Startup-Pitches zum Reinschnuppern. Weiterer Programmpunkt: Ein Speed-Networking mit zwölf Investoren, darunter Join Capital, G+J Digital Ventures, Westtech Ventures, E.ventures, Point Nine Capital, Partech und Cavalry Ventures. In einem zweiten Speed-Networking treffen anschließend zwölf Startups auf zwölf Corporates.

Gegen 11 Uhr wird es das erste Mal voll auf der Hauptbühne. Zur ersten Paneldiskussion treffen Andrea Peters, Vorstand von Media:net Berlinbrandenburg, UnternehmerTUM-Leiterin Kirstin Hegner, Sebastian Schäfer, Managing Director des Techquartiers, und Stephanie Renda, Vorstandsmitglied beim Bundesverband Deutsche Startups, aufeinander und diskutieren die „Digital Hub Initiative“ der Bundesregierung. Im Zentrum der Initiative steht dabei die Vernetzung innerhalb der Hubs (Startups, Wissenschaft, Mittelstand und Großunternehmen) sowie die Vernetzung der Hubs untereinander. Inzwischen sind in Deutschland zwölf Hubs entstanden. „Perspektivisch müssen wir aber aufhören, nur über unseren eigenen Standort zu reden, sondern uns mit den zwölf Hubs international etablieren“, sagt Peters. Lob kommt vom Flying Health Incubator für dieses vorbildlich mit Frauen und Männern besetzte Panel.

Einen ungewöhnlichen Ansatz für die Zusammenarbeit von alter und neuer Welt stellt indes Philip Siefer, Gründer von Einhorn Products, vor. Der Geschäftsführer des Berliner Kondom-Startups hat für einige Tage die Rolle mit dem Geschäftsführer der 180 Jahre alten Wiener Ottakringer Brauerei getauscht. Auch wenn der Boss-Tausch mit einer Menge Spaß verbunden war, gab es auch erhellende Momente. „Wenn ich auf die Frage ‚Warum macht ihr das so?’ die Antwort ‚Weil wir das schon immer so machen’ erhalte, ist das doch kein Grund. Oder zumindest ein schlechter“, sagt Philip.

Um Beweglichkeit auf allen Ebenen geht es auch bei Daimler. Seit zehn Jahren bereits verfolgt das Automobilunternehmen mit dem Bereich Business Innovation – jetzt Lab 1886 – das Ziel, das Kerngeschäft der Automobilproduktion um kreative Lösungen und neue Geschäftsideen zu bereichern (mehr dazu auch in der aktuellen Ausgabe von Berlin Valley). Leiterin Susanne Hahn freut sich auf eine neue Mobilitätsära, in die Daimler mit Partnern wie etwa dem Flugtaxi-Startup Volocopter starten wird. Insgesamt setzt das Unternehmen auf Schwarmintelligenz und die Erhöhung der Attraktivität von Initiativen wie Startup Autobahn.

Besser mit statt gegen Startups arbeiten

Das zweite Panel des Tages wird kontrovers und diskutiert das große Problem von Nähe und Distanz beim Accelerator-Modell. „Um den Spirit der Startups nicht zu zerstören, muss man auf Augenhöhe mit Startups kommunizieren und diese als eigenständige Einheit betrachten“, sagt Professor Stephan Stubner, Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management. Thimo V. Schmitt-Lord, CEO von Bayer Foundations, entgegnet, dass Corporates und Startups nicht die gleiche Kultur, sondern die gleiche Vision brauchen. „Es ist in jedem Fall besser, mit statt gegen Startups zu arbeiten“, sagt Jens Pippig, Gründer des Prosiebensat.1-Accelerator, und Martin Wild, CDO der MediaMarktSaturn Retail Group, hält das gegenseitige Verständnis für „die Brücke zwischen Startups und etablierten Unternehmen“.

Letzter Redner des Vormittagsprogramms ist Martin Heinig, COO vom globalen Strategy & Operations Team von SAP. Er leitet das Innovation Center Network sowie die SAP Labs Berlin und erklärt, wie Corporates mit Startups in Kontakt treten können. Berlin biete dafür den optimalen Rahmen. Events, Meet-ups und nicht zuletzt Konferenzen wie der NKF Summit seien dafür unverzichtbar.

Wie es am Nachmittag weiterging, lest ihr hier …

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3 Kommentare auf "NKF Summit Vol. 2: „Wir erleben Digital Hurricanes“"

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