Wie ist die Positionierung von Nextdoor im Vergleich zu anderen großen Social Networks?

Marcus Riecke: Die Unterschiede überwiegen dramatisch. Nextdoor ist der Erfinder des sozialen Netzwerkes, das sich ausschließlich an Nachbarn richtet. Gegründet vor sechs Jahren in den USA von einem sehr erfahrenen Gründerteam. Anders als andere soziale Netzwerke nutzt man Nextdoor, um sich mit Leuten zu verbinden, die man eben nicht kennt. Außerdem ist Nextdoor nicht ein einziges, global skalierendes, soziales Netzwerk, sondern hunderttausende, denn jede einzelne Nachbarschaft wird als Social Network definiert. Dabei ist der Radius deiner möglichen Kontakte kartographisch definiert und somit beschränkt. Diese Nachbarschaften sollten in der Regel nicht größer als fünftausend Haushalte sein. In Nordfriesland könnte es aber sein, dass drei Dörfer nur fünfhundert Haushalte sind. Der dritte große Unterschied ist, dass wir ein privates soziales Netzwerk sind. Das mutet zwar oft kontraintuitiv an, aber bei uns sind sämtliche Konversationen und Mitgliedschaften nur für bestätigte Mitglieder dieser Nachbarschaft sichtbar. Es ist quasi eine Datenschutz-Käseglocke über jeder Nachbarschaft, in die keiner reingucken kann.

„WIR HABEN EINE DATENSCHUTZ-KÄSEGLOCKE, IN DIE KEINER REINGUCKEN KANN“

Adaptiert ihr eure internationale Platform eins zu eins in die lokalen Märkte oder habt ihr hier jetzt auch ein Tech-Team sitzen, das gravierende Anpassungen machen muss?

Marcus Riecke: Das ist relativ marginal, aber es gibt natürlich ein paar kleine Anpassungen. Aber nichts Grundlegendes, sondern eher Details.

Und wie sehen bei euch Teamgröße und Struktur aus?

Markus Riecke: Wir sind im Augenblick zwölf Leute auf Deutschland verteilt. Das Hauptteam sitzt in Berlin.

Ihr habt beeindruckende Investoren an Bord. Welche Vision habt ihr da verkauft?

Marcus Riecke: Da fehlen mir natürlich die Insights. Fakt ist aber, dass wir ein Netzwerk für Nachbarschaften aufbauen wollen, Clusters entwickeln, Wachstum zeigen und organisches Wachstum ohne Marketing-Ausgaben generieren. Unsere Mitglieder sind so begeistert von der Wertschöpfung, dass sie selber das Einladen von weiteren Nachbarn übernehmen. Bei uns wird Community wirklich gelebt, und zwar nicht auf der Plattform, sondern im echten Leben. Daraus resultiert organisches Wachstum und das ist wahrscheinlich das, was Investoren reizt.

Monetarisiert ihr schon?

Marcus Riecke: In Deutschland ist das sicherlich für die nächsten zwei Jahre noch kein Thema. Das Geschäftsmodell wird in Amerika gerade erprobt. Die Monetarisierung hat begonnen und ist natürlich ein werbefinanziertes Modell, bei dem es darum geht, die Geschäfte und Dienstleistungen der Nachbarschaft an Laufkundschaft zu kommunizieren und Leads zu generieren.

Klingt im Vergleich zu Facebook sehr kleinteilig.

Marcus Riecke: Das mag so sein. Wahrscheinlich ist es kleinteiliger als bei Facebook. Aber früher gab es ja auch mal die Gelben Seiten, wo letztendlich alle lokalen Dienstleister und Anbieter vertreten waren.

In Deutschland habt ihr mit Nebenan.de einen Wettbewerber, mit dem ihr euch messen lassen müsst. Wie genau guckt ihr da hin?

Marcus Riecke: Wir kommen mit der Macht der weltweiten Marktführerschaft um die Ecke und haben sechs Jahre Erfahrung darin, wie man so etwas aufbaut. Wir haben mittlerweile Millionen von Usern in drei Märkten, die in mehr als 160.000 Nachbarschaften Nextdoor nutzen. Und es ist ja nicht so, als ob Nextdoor in Amerika keine Mitbewerber gehabt hätte. Oder in England. Die Antwort ist also eher: Nein, wir gucken uns das nicht so genau an, sondern wir sind darauf vollauf konzentriert, Nutzen zu stiften bei unseren Nachbarn. In Deutschland läuft es sehr gut an.

Sind Nachbarschafts-Social-Networks ein Winner-takes-it-all-Markt? Und ist dadurch der zeitliche Vorsprung von Nebenan.de möglicherweise doch relevant?

Marcus Riecke: Der Markt ist riesig und weder wir noch die anderen sind jetzt an einem Punkt, wo nicht noch genügend Platz wäre. Außerdem belebt Wettbewerb das Geschäft und macht uns ja auch besser, womit ich aber nicht sagen will, dass uns Deutschland in den Schoß fallen wird.

Was sind aus deiner Sicht kritische Faktoren, die so ein Rennen dann entscheiden?

Marcus Riecke: Der entscheidende Faktor ist der Netzwerkeffekt. Wie schnell setzt welcher Netzwerkeffekt ein, und wie schnell kannst du mit welchen monetären Mitteln das Wachstum befördern? Da kommt dann wahrscheinlich irgendwann auch die Tiefe der Taschen zum Tragen. Da sind unsere wahrscheinlich ein bisschen tiefer. Aber genauso wichtig ist der Fundus an Erfahrung und an den ganzen Execution-Details, die eben dazu gehören.

Was sind denn die KPIs, anhand derer sich Erfolg bemisst?

Marcus Riecke: Vor allem die Anzahl der Nachbarschaften und dann die Lebendigkeit in einer einzelnen Nachbarschaft – also zum einen die Breite, aber auch die nötige Tiefe an Mitgliedern und eben auch die richtigen Mitglieder, damit Konversationen entstehen und eben Gemeinschaft baut. Wir haben mittlerweile Millionen von Usern in drei Märkten, die in mehr als 160.000 Nachbarschaften Nextdoor nutzen. Und es ist ja nicht so, als ob Nextdoor in Amerika keine Mitbewerber gehabt hätte. Oder in England. Die Antwort ist also eher nein, wir gucken uns das nicht so genau an, sondern wir sind darauf vollauf konzentriert, Nutzen zu stiften bei unseren Nachbarn. In Deutschland läuft es sehr gut an.

Das Gespräch mit Marcus Riecke führte Jan Thomas

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley #27. Marcus Riecke hat das Unternehmen Nextdoor mittlerweile verlassen.

Hier gibt´s einen Kommentar zum Wettbewerb zwischen Nextdoor und Nebenan.de

Marcus Riecke, Ex-Country Manager Germany bei Nextdoor ©Marcus Riecke
Marcus Riecke, Ex-Country Manager Germany bei Nextdoor ©Marcus Riecke

Marcus Riecke

Der ehemalige Country Manager Germany bei Nextdoor Germany war einer der ersten Mitarbeiter bei AOL Europa, hat Lycos mitgegründet, war VP Europe bei Ebay und CEO von StudiVZ.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 26

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