Es ist das alte Problem: „Wir geben um die 60 Milliarden für Marktforschung aus. 75 Prozent der neuen Produkte scheitern jedoch noch im ersten Jahr. Dann geben wir 500 Milliarden für Werbung aus, um zu kompensieren, dass die falschen Produkte hergestellt werden und die Leute davon zu überzeugen, sie zu kaufen“, erläutert Rob McInerney vom Londoner Startup Intelligent Layer die Mechanismen des Marktes.

Wer McInerney als Visionär bezeichnet, liegt sicherlich nicht ganz falsch. Der Jungunternehmer beschäftigt sich seit seinem Studium mit Anwendungsfeldern der künstlichen Intelligenz. Mit seinem Unternehmen Intelligent Layer ist nun der erste Schritt gemacht, maschinelles Lernen und computerbasierte Entscheidungen in die Produktion echter Produkte zu implementieren. Das Ziel: Unternehmen dabei zu helfen, nur noch Produkte zu entwickeln, die Konsumenten wirklich wollen.

Intelligent Layer hat zur Erprobung ihrer KI ein spannendes Produkt identifiziert: Bier.

Wie in anderen Teilen der Welt boomt die Craft Beer Szene auch in London. Diesen Trend machen sich McInerney und sein Cofounder Hew Leith zu Nutze. „Craft Beer ist ein Produkt, das sich ständig verändert. Mittlerweile werden Biere angeboten, die wir vor fünf oder sechs Jahren sicher nicht gesehen hätten. Der Geschmack der Menschen hat sich sehr verändert – und er verändert sich weiter“, erklärt McInerney. Ihr Startup-Projekt IntelligentX versucht mithilfe von künstlicher Intelligenz (sie nennen es Automatische- Brau-Intelligenz – ABI), das perfekte Bier zu produzieren. Damit dies gelingt, legt man im wahrsten Sinne des Wortes ein „Intelligentes Layer“ zwischen Verbraucher und Brauer. Dabei entsteht ein spannender Prozess: Konsumenten, die das AI Bier trinken, geben mittels ABI Feedback und definieren dadurch die Bierrezeptur nach ihrem Geschmack.

Zwischengelagerte Intelligenz

„Wir arbeiten mit Algorithmen, die den Verbrauchern Fragen stellen, Feedback sammeln und dieses interpretieren. Diese Erkenntnisse fließen in die Verbesserung der Rezeptur des Bieres ein“, so McInerney. „Unsere Algorithmen sind gut darin, Variablen zu identifizieren, die sich verändern könnten. Dann sammeln sie zu diesen Variablen detailliertere Informationen, um schließlich das Rezept entsprechend anzupassen.“

Bier ist nur der Anfang

Das Unternehmen hat Traction und große Pläne: Man möchte internationalisieren. Auch ABI soll in den kommenden Monaten als echte Plattform erreichbar werden. Bislang war das AI-Bier in der Brauerei der Gründer zu bekommen. Die KI wurde lediglich über die auf Flaschen abgedruckte URL „gefüttert“. Und natürlich möchte man die Produktpalette erweitern.

Die Krux der Technologie oder wohin mit der KI – ein neues Marketing

„Wir wollen das kundenzentrierteste Produktunternehmen der Welt werden und eine Veränderung der Industrie bewirken, bei der die Wünsche der Verbraucher im Fokus stehen.“ Denn viele Verbraucher sind von der derzeitigen Produktvielfalt schlichtweg überfordert: „Die Verbraucher haben nicht das Gefühl, von der Industrie gehört zu werden. Sie erhalten nicht die Produkte, die sie haben wollen. Und auf die Änderung von Geschmack reagieren Unternehmen oft nur mit der Anpassung von Werbung und Marketing. Diesen Missstand wollen wir beenden.“ Inwieweit dies gelingen wird, hängt für McInerney davon ab, wie sehr diese Unternehmen ihre Geschäftsmodelle anpassen können. Die Hersteller sollen dabei natürlich auch von der Technologie profitieren. „Betrachten wir einen normalen Brauer. Er experimentiert und bringt dann ein neues Rezept auf den Markt. Viele Brauer gehen noch in Kneipen und hören sich an, was die Verbraucher zu ihrem Produkt zu sagen haben, sie führen mini Fokusgruppen durch und machen Marktforschung. Mit unserer Technologie können Produzenten in viel größerem Umfang mit Fokusgruppen arbeiten“, beschreibt McInerney die Vorteile der KI. Sie dient dem Austausch von Wissen und soll den Verbrauchern eine Stimme verleihen, die normalerweise ungehört bleiben.

Ein Leben mit KI

Ob und inwieweit wir bald nur noch die Produkte kaufen, die wir tatsächlich wollen, ist nicht vorhersehbar. Die Demokratisierung der Produktionsprozesse ist dank IntelligentX auf einem vielversprechenden Weg. Es bleibt abzuwarten, in welchen anderen Lebensbereichen „Intelligent Layer“ helfen können, Prozesse in Richtung „gutes Leben“ zu optimieren.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 26

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Möchtest du informiert werden, wenn die neue Berlin Valley erscheint? Dann trag Dich hier für unseren Newsletter ein.

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei