Wir haben nachgefragt, wie zufrieden die Berliner Szene mit der Performance von Michael Müller als ihr Startup-Bürgermeister ist.

Finn Age Hänsel, Foto: Movinga
Finn Age Hänsel, Foto: Movinga

 

„Das Rote Rathaus bleibt gründerfreie Zone“

Finn Age Hänsel
CEO von Movinga

Was macht der Senat eigentlich für die Startups in Berlin? Liest man die letzten Nachrichten vom (wahrscheinlich) gescheiterten Siemens-Startup-Campus in Berlin, ist das ein sinnbildlicher Vorgang in der Tradition des derzeitigen Senats. Man muss es so sagen: Berlin ist nicht dank Unterstützung des Senats Gründungshauptstadt geworden –sondern eher trotz der Ignoranz des Senats.

Was hätte der Senat nicht alles für Chancen, die Gründerszene vor der Haustür zu nutzen? Smart-City-Ansätze, Digitalisierung von Prozessen, Bürgerportale mit ordentlicher UX – die Liste ist endlos. Alles liegt vor der Tür und viele Gründer in der Hauptstadt lechzen gerade danach, der Politik digital auf die Beine zu helfen. Die Antwort bleibt aber leider Desinteresse. Während viele Gründer zu Beratungen im Kanzleramt ein- und ausgehen, bleibt das Rote Rathaus gründerfreie Zone. Man ist sich gegenseitig fremd. Ein Fehler: Denn während andere Städte wie Paris und London massiv um Startups werben und Rahmenbedingungen schaffen, scheint sich Berlin auf seinem Besitzstand auszuruhen. Eine vertane Chance.

„Who is Michael Müller?“

Gen Sadakane
Gründer und Creative Director von EyeEm

Gen Sadakane, Foto: Georg Roske
Gen Sadakane, Foto: Georg Roske

Who is Michael Müller? Das war mein erster Gedanke. Berlin wird erwachsener, das Party-Image ist wichtig, aber Nachhaltigkeit und Verantwortung werden auch immer wichtiger und präsenter. Auch die Berliner Startup-Welt wird erwachsener, so zumindest mein persönliches Gefühl. Und da ist es natürlich wichtig, dass grundlegende Meilensteine für die Stadt gesetzt werden. Startup-Ideen und Gründer werden professioneller und schneller. Sie tragen einen großen Beitrag zum Berliner Standort bei. Berlin muss ein Ort der Kreativität bleiben, Künstler, Designer, Gründer aus der ganzen Welt kommen hierher. Und sie sollen auch in Zukunft kommen. Berlin ist mannigfaltig und sollte nicht nur in eine Schublade gesteckt werden. Es ist nicht die Fashion-Hauptstadt, nicht die Medien-Hauptstadt oder nur die Startup-Hauptstadt. Es ist eine Hauptstadt für alle. Und das ist auch schon gelungen.

Herr Müller sei profillos, heißt es. Ich kenne ihn nicht persönlich und eventuell stimmt das auch. Wir würden uns über einen Besuch freuen und die aktuellen Herausforderungen diskutieren, wie beispielsweise die stark steigenden Gewerbeimmobilienpreise. Wir arbeiten eng mit der Kreativagentur Spring Brand Ideas und ihrem Kunden Berlin Partners zusammen und helfen gerne dabei, Berlin so zu gestalten, wie wir Berlin kennen und haben wollen, um das zu bewahren, warum wir hierher gezogen sind. Denn das können wir nur alle gemeinsam erreichen – gerne mit Herrn Müller.

Sascha Schubert
Sascha Schubert, Foro: Stefan Kny

„Zwischen Überforderung und Reformunwilligkeit“

Sascha Schubert
Stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband Deutscher Startups

Berlin ist Startup-Hauptstadt und Michael Müller damit Startup-Bürgermeister. Die Note, die Berliner Start-ups ihrer Landesregierung geben, ist nach einem kleinen Zwischenhoch aktuell wieder auf 3,6 gefallen. Berlin ist das seit Jahren am schnellsten wachsende Bundesland, hat die Arbeitslosigkeit halbiert und erwirtschaftet einen Überschuss. Die Stadt ist direkt von der Krise in die Growth-Phase geschlittert. Wäre Michael Müller Gründer und Berlin ein Startup, dann würde er spätestens jetzt wissen, dass ein Hockey Stick nicht nur ein Sportgerät ist. Doch während von Startup-Gründern und -Gründerinnen Wachstum als wünschenswert angesehen wird, regiert Müller eine Stadt, die darüber diskutiert, ob Wachstum gut oder schlecht ist. Die Verwaltung schwankt zwischen Überforderung und Reformunwilligkeit. Was ist die Konsequenz? Schlechte Glasfaserversorgung, zu wenig Gewerbeimmobilien, zu wenig Wohnungen, langsame und analoge Verwaltung, alte und marode Schulen, Straßen und U-Bahnen. Die Stadt muss besser, effizienter, digitaler, schneller werden. So wie unsere Startups.

Christian Amsinck
Christian Amsinck

„Lorbeeren sind der falsche Platz zum Ausruhen“

Christian Amsinck
Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg

Berlin ist in den letzten zehn Jahren zu einem Global Player in Sachen Startups geworden. Aus Sicht der Hochschulen ist vor allem die Entscheidung von Michael Müller zu begrüßen, Staatssekretär Stefan Krach mit dem Wissenschaftsressort zu betrauen. Stefan Krach hat es verstanden, die Hochschulen im Bereich Entrepreneurship zu fordern und zu fördern. Doch reicht dies nicht aus, um dem Senat insgesamt ein „befriedigend“ als Zeugnisnote zu geben. Es ist wenig effizient, immer neue Projekte zur Gründungsförderung zu initiieren. Vielmehr bedarf es eines Forums, das die wissenschaftliche Kompetenz der Hochschulen zu konkreten Fragen des Entrepreneurship-Ökosystems bündelt und gemeinsam mit dem Senat nachhaltige Strukturen für die Weiterentwicklung definiert. Entrepreneurship ist ein komplexer Prozess und stellt die Grundlage unseres Wohlstandes dar. Sehr geehrter Herr Müller, sehen Sie dies als Einladung an, sich intensiver mit dem Phänomen „Entrepreneurship“ zu befassen. Lassen Sie uns gemeinsam das Berliner Startup-Ökosystem gestalten. Die Hochschulen haben mehr zu bieten, als zurzeit abgerufen wird.

Masoud Kamali, Foto: WestTech Ventures
Masoud Kamali, Foto: WestTech Ventures

„Herr Müller, werden Sie bitte Mr. Startups von Deutschland!“

Masoud Kamali
CEO von West Tech Ventures GmbH

Die Wowereit-Ära begann mit zwei Aussagen: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ und „Berlin ist arm, aber sexy“. Mit seiner ersten Aussage hat Wowereit eine Situation beschrieben: Deutschland ist bunt, divers und liberal. Mit der zweiten hat er die Jugend aufgefordert, nach Berlin zu kommen, wo eine liberale Gesellschaft auf sie wartet und wo es, weil noch arm, auch bezahlbar ist! Zuerst kamen die Künstler und dann die Startups. Und jetzt kommt langsam, aber sicher auch die „Deutschland AG“, die sogenannten Corporates. Obwohl Wowereit länger an der Macht klebte, als man erwartet hatte (welcher Politiker gibt schon freiwillig auf?), hat er das Land vorangetrieben. Berlin ist eine Boomstadt und wächst und wächst. Es ist nicht mehr arm, aber sexy.

Herr Müller folgte zunächst dem Kurs von Wowereit und wurde mit einigen Problemen konfrontiert. Allerdings sind die Probleme der Start-ups auch jene, die alle anderen in der Bevölkerung haben, zum Beispiel bezahlbarer Wohnraum, fehlende Fahrradwege oder digitale Verwaltung. Aber für das langsame Internet kann Herr Müller doch nichts! Dies ist die Aufgabe der Industrie: der Deutschen Telekom, von Vodafone und der Bundesregierung. Wobei es in Berlin wirkliche Probleme mit dem Internetzugang nicht gibt. Das Einzige, was Herr Müller wirklich für die Startups machen könnte, wäre, die Stimme der Startups im Bundesrat zu sein. Die bayerische Regierung macht sich stark für die Autoindustrie. Herr Müller, werden Sie bitte Mr. Startups von Deutschland!

„Wäre Berlin ein Startup, wäre es eines ohne CEO“

Christoph Räthke
Gründer der Berlin Startup Academy

Christoph Räthke, Foto: Yasmina Haryono
Christoph Räthke, Foto: Yasmina Haryono

Was kann Lokalpolitik tun, um Startups zu fördern? Nicht so viel, wie manche denken – was nicht von alleine wächst, kann man auch nicht ziehen. Noch weniger allerdings tut der Berliner Senat. Die Stadt könnte zum Beispiel die Produkte lokaler Startups nutzen, Stichworte Mobilität oder Fintech. Oder örtliche Mittelständler ermutigen, Pilotprojekte mit Startups zu beginnen. Oder Silodenken und Ineffizienz der Berliner Unis beim Thema Gründung angehen. Oder ihren Bürgermeister zur Symbolfigur der Einladung an talentierte Menschen aus der ganzen Welt machen. Nichts davon, weder auf konzeptioneller noch symbolischer oder konkreter Ebene, ist in den letzten Jahren passiert und es wird sich auch nichts rühren, solange Berlin weiter links wählt. Wäre Berlin ein Startup, wäre es eines ohne CEO.

Hier geht es zurück zum Teil 1 unserer Umfrage zum Thema Startup-Bürgermeister.

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