Wir haben nachgefragt, wie zufrieden die Berliner Startup-Szene mit der Performance von Michael Müller als ihr Regierender Bürgermeister ist. Lob gab es wenig. Noch deutlicher ist aber die einstimmige Antwort der größten Berliner Startups: „Kein Kommentar“.

Phillipp Rogge, Foto: Klaus Madengruber
Phillipp Rogge, Foto: Klaus Madengruber

„USPs im Fall begriffen“

Philipp Sebastian Rogge
Gründer und CEO von Styla GmBH

Der Standort Berlin galt lange Zeit als äußerst attraktiv für Startups in Deutschland und Europa. Günstige Mieten, ein attraktives kulturelles Angebot und eine ganze Szene, die sich der Kreativität verschrieb und innovative Lösungsansätze verfolgte. Leider sind diese Punkte, die quasi die USPs Berlins waren, im Verfall begriffen. Dabei sind manche Dinge schlecht steuerbar, andere gut. So ist es selbstverständlich, dass die Attraktivität einer Stadt in zentralen Bereichen die Mieten steigen lässt. Aber dass Büro- und Wohnungsmieten in wenigen Jahren um mehr als 100 % steigen, ist dann doch Zeichen einer verfehlten Immobilienpolitik.

Ein weiterer Aspekt mit natürlichen Entwicklungen und gleichzeitigen Versäumnissen ist der Fachkräftemarkt. Berlin hat eine gewisse Anzahl an Programmierern und Webdesignern und diese sind natürlicherweise hart umkämpft. Dass aber kleine Unternehmen geeignete Mitarbeiter nur im Ausland und nur über teure Headhunter und Equity-Optionen finden können, belegt eine falsche Incentivierung und Steuerung der Zuwanderung in den Berliner Arbeitsmarkt. Hinzu kommen mehr und mehr Sicherheitsbedenken möglicher Kandidaten, die hinter zugehaltener Hand Fragen zu No-go-Areas stellen und ob sie in Berlin gut aufgehoben sind. Hier wünsche ich mir klare Initiativen der Berliner Regierung. Berlin hat nur dann gegenüber London und Paris eine Chance im Startup-Wettbewerb, wenn es weiterhin günstiger bleibt und exzellente Fachkräfte anziehen kann, die sich hier sicher fühlen.

Christoph Gerber, Foto: Talon.One
Christoph Gerber, Foto: Talon.One

„Sie sind das Problem“

Christoph Gerber
Gründer und CEO von Talon.One GmbH

Herr Müller, Berlin ist gescheitert und in diesem Sinne sage ich Ihnen wenig Neues, weil es das tägliche Leben aller Berliner bestimmt und auch Ihnen nicht neu ist. Ihre Sozial-Grüne-Linke-Regierung schafft durch Cliquenwirtschaft, verquere Ideologie und geballte Inkompetenz ein lebensfeindliches, unsoziales Berlin, welches sich „brutale” Kapitalisten und „wirtschaftsnahe” Liberale nicht mal in ihren Wunschträumen vorstellen würden: eine gescheiterte Wohnungsbaupolitik von lebensfeindlichen „Aktivisten” der Grünen in Kreuzberg. Eine linke Bausenatorin, deren Arbeit mit „Unfähigkeit” noch höflich zu bezeichnen ist. Eine Infrastruktur der Stadtverwaltung, die den Begriff „Verwaltung” nicht mehr verdient hat.

Dabei grinsen Sie, Herr Müller, jederzeit breit in die Kamera – und mir als geborenem Berliner kommt das Essen vom Vortag hoch. Herr Müller, verabschieden Sie sich. Sie machen diese Stadt kaputt. Herr Müller, Sie haben keine Lösung – Sie sind das Problem.

„Nicht Opfer des eigenen Erfolgs werden“

Andrea Peters
Vorstandsvorsitzende von media:net berlinbrandenburg e.V.

Andrea Peters, Foto: Die Hoffotografen
Andrea Peters, Foto: Die Hoffotografen

Die Startup-Szene und Digitalwirtschaft hier vor Ort entwickelt sich toll und der Senat um Michael Müller hat das Potenzial schon vor längerer Zeit erkannt und sehr unterstützt. Jetzt steht die Stadt vor der Aufgabe, sich auch für das einzusetzen, was die Talente und Kreativen angezogen hat und Berlins Einzigartigkeit ausmacht: Freiräume, günstige Mieten, Off-Kultur und viele Entfaltungsmöglichkeiten. Da gilt es, eine gute Balance zu finden, um nicht Opfer des eigenen Erfolgs zu werden.

Sven Ripsas
Sven Ripsas

„Mehr Vertrauen in die lokale Wirtschaft“

Prof. Dr. Sven Ripsas
Professor für Entrepreneurship, HWR Berlin

Berlin ist in den letzten zehn Jahren zu einem Global Player in Sachen Startups geworden. Aus Sicht der Hochschulen ist vor allem die Entscheidung von Michael Müller zu begrüßen, Staatssekretär Stefan Krach mit dem Wissenschaftsressort zu betrauen. Stefan Krach hat es verstanden, die Hochschulen im Bereich Entrepreneurship zu fordern und zu fördern. Doch reicht dies nicht aus, um dem Senat insgesamt ein „befriedigend“ als Zeugnisnote zu geben. Es ist wenig effizient, immer neue Projekte zur Gründungsförderung zu initiieren. Vielmehr bedarf es eines Forums, das die wissenschaftliche Kompetenz der Hochschulen zu konkreten Fragen des Entrepreneurship-Ökosystems bündelt und gemeinsam mit dem Senat nachhaltige Strukturen für die Weiterentwicklung definiert. Entrepreneurship ist ein komplexer Prozess und stellt die Grundlage unseres Wohlstandes dar. Sehr geehrter Herr Müller, sehen Sie dies als Einladung an, sich intensiver mit dem Phänomen „Entrepreneurship“ zu befassen. Lassen Sie uns gemeinsam das Berliner Startup-Ökosystem gestalten. Die Hochschulen haben mehr zu bieten, als zurzeit abgerufen wird.

Pia Poppenreiter, Foto: Anna Wasilewski
Pia Poppenreiter, Foto: Anna Wasilewski

„Ein Politiker so unscheinbar wie sein Name“

Pia Poppenreiter
CEO von Ohlala

Werfen wir einen Blick auf die aktuellen Forderungen der Gründer in Deutschland an die Politik, ist scheinbar der dringendste Anklagepunkt der Abbau von regulatorischen und bürokratischen Hürden für Startups. Da frag´ ich mich: Ist es nicht der Grundgedanke eines Startups, Dinge mutig neu zu denken? Um eine disruptive Geschäftsidee schnell zu validieren, muss man nicht fast Regeln – reflektiert im sinnvollen Maße – brechen, um voranzukommen? Muss man vielleicht gar nicht auf die Politik warten, um Hürden abzubauen? Meiner Meinung nach braucht es Folgendes in der deutschen Startup-Szene: transparente Term Sheets, prozessähnlich strukturierte Finanzierungsrunden mit gesetzter Timeline sowie gezielte Förderung und Weiterbildung von Gründern. Um das zu schaffen, braucht man auch kein politisches Mitwirken eines Michael Müller. Wir wären in diesem Fall auch nicht mal die Ersten, die das täten. Im Silicon Valley gehen sie mit gutem Beispiel voran. Da frag´ ich mich, warum hat das ein Oliver Samwer nicht kopiert?

Und hier geht es zum zweiten Teil unserer Michael-Müller-Umfrage.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berlin Valley Nr. 31.

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