Philippe, Ihr bietet Lösungen für betriebliche Gesundheit an. Wie funktioniert das Geschäftsmodell von Machtfit genau?

PHILIPPE BOPP: Der Kern von Machtfit ist eine Onlineplattform, auf der die Mitarbeiter unserer Kunden die für sich passende Maßnahme finden und buchen können. Das können Bewegungsmaßnahmen wie Yoga oder Pilates, aber auch stressreduzierende Maßnahmen oder Ernährungsberatung sein. Wir arbeiten bundesweit mit 4000 Anbietern zusammen, dadurch können wir sehr individuell auf die Wünsche eines Auftraggebers eingehen. Diese Gesundheitsangebote kann der Arbeitgeber lohnsteuerfrei bezuschussen. Dazu stellt er seinen Mitarbeitern über die Plattform ein Budget zur Verfügung, bei dem er selbst bestimmen kann, wie hoch der Eigenanteil an den Kosten eines Kurses ist. Darüber hinaus bieten wir viele weitere Services an, die Unternehmen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützen, zum Beispiel die Organisation von Inhouse-Kursen.

2011 seid Ihr gestartet. Wie kam es zu Eurer Gründung und zu der Idee?

PHILIPPE BOPP: Wir sind inspiriert worden durch unsere Zeit im Praktikum bei Adidas 2008. Adidas bietet seinen Mitarbeitern sehr viele Aktivitäten an, sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Umgebung. Die Stimmung unter den Mitarbeitern war dadurch sehr gut, man hat sich stark mit dem Arbeitgeber identifiziert. Das wollten wir auch Firmen ermöglichen, die Sport nicht als Unternehmens-DNA haben. In einem Businessplan-Seminar an der TU Berlin habe ich die Idee 2011 ausgearbeitet. Damals kochte das Thema gerade hoch. Ein neues Gesetz führte dazu, dass Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mit bis zu 500 Euro im Jahr lohnsteuerfrei fördern können. Und dann haben wir losgelegt. Machtfit war geboren.

Welche Rolle spielt betriebliches Gesundheitsmanagement in Unternehmen?

PHILIPPE BOPP: Das Thema hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Machtfit war damals einer der ersten Anbieter, die gesundheitsfördernde Maßnahmen systematisiert über eine Plattform an Unternehmen und ihre Mitarbeiter vermittelt haben. Am Anfang ging es darum, dem Mitarbeiter irgendetwas anzubieten, Hauptsache, er bewegt sich. Mittlerweile steht am Anfang eine Analyse, mit der die Bedarfe im Unternehmen ermittelt werden: Was sind die individuellen Herausforderungen des jeweiligen Mitarbeiters? Für diese werden ihm ganz gezielt Lösungen angeboten. Leider machen noch nicht alle Unternehmen etwas, aber wir gehen davon aus, dass mit diesem Jahr das Interesse noch einmal verstärkt zunehmen wird. Mit dem neuen Präventionsgesetz, das 2015 verabschiedet wurde, nimmt der Gesetzgeber die Krankenkassen in die Pflicht, zwei Euro pro Versicherten im Jahr für betriebliche Gesundheit auszugeben. Das bedeutet fast eine Verdreifachung der bisherigen Budgets.

Du sagst, das Thema hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Woran liegt das?

PHILIPPE BOPP: Das Thema ist nicht mehr nur ein Nice-to-have, sondern zum Must-have geworden. Wir sind mit Machtfit 2012 an den Markt gegangen und haben im ersten Jahr einige kleinere Kunden und die Total Deutschland GmbH als erstes großes Unternehmen gewinnen können. Viele Unternehmen haben aber anfangs noch gezögert. Durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel müssen sich Arbeitgeber gut aufstellen. Die neue Generation sucht Jobs nicht mehr nur nach dem besten Gehalt aus, sondern auch danach, was der Arbeitgeber einem sonst noch bietet. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Man möchte sich wohlfühlen und vom Arbeitgeber wertgeschätzt werden. Das kommt uns zugute. Inzwischen haben wir Verträge mit mehr als 100 Unternehmen mit insgesamt 50.000 Mitarbeitern. Was wir zudem merken, ist, dass immer mehr Budgets ausgegeben werden.

Was bringt mir betriebliches Gesundheitsmanagement als Unternehmer noch?

PHILIPPE BOPP: Zum Return on Investment gibt es unterschiedliche Studien. Fakt ist, Gesundheitsmanagement zahlt sich aus und steigert die Mitarbeiterzufriedenheit sowie ihre Gesundheit. Nicht nach zwei Monaten, sondern eher nach sechs bis zwölf Monaten. Das ist ein Prozess, der implementiert werden muss. Hier setzt Machfit an.

Ist ein Arbeitgeber auch zu gewissen Maßnahmen betrieblicher Gesundheit verpflichtet?

PHILIPPE BOPP: Es gibt Dinge, die alle Unternehmen machen müssen. Dazu gehört eine psychische Gefährdungsbeurteilung, bei der über einen Fragebogen und eine kurze Analyse die Gefährdung für psychische Erkrankungen im Unternehmen kontrolliert wird. Liegt eine Gefährdung vor, müssen entsprechende Maßnahmen unternommen werden. Das wissen viele nicht, wird aber von den Berufsgenossenschaften überprüft. Auf der anderen Seite sind die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet, Geld für Präventionsmaßnahmen auszugeben und den Unternehmen dafür zur Verfügung zu stellen. Das Geld kann auch über Dienstleister wie Machtfit in die Unternehmen hineingetragen werden. Der Arbeitgeber hat also einen zusätzlichen Anreiz, aktiv zu werden, muss aber nicht alles selbst zahlen.

Wie geht Ihr bei Neukunden vor?

PHILIPPE BOPP: Wir schauen zunächst, wo steht das Unternehmen? Was wünscht sich der Gesundheitsmanager des Unternehmens von uns, was möchte er selbst machen? Diese Dinge klären wir im persönlichen Gespräch. Dann werden die passenden Module zusammengeklickt und Kommunikationsmaterialien zur Verfügung gestellt, und dann wird das Ganze implementiert. Im Laufe des Jahres werden wir zudem Self-Service-Leistungen für kleinere Unternehmen anbieten, sodass sich diese auch direkt einbuchen können.

Inwieweit kann das Unternehmen die Art der Maßnahmen selbst bestimmen und ist das ratsam?

PHILIPPE BOPP: Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze. Der eine setzt auf die individuelle Analyse: Genau das ist dein Problem, deshalb bekommst du nur diese eine Lösung. Die andere Variante ist: Ich biete dir die Möglichkeit an, dass du überhaupt etwas für deine Gesundheit machst. Ich grenze das Angebot ein, sodass das Sportangebot nicht gesundheitsgefährdend ist, aber du entscheidest, ob du zum Yoga gehst oder eine Ernährungsberatung machst. Im Endeffekt geht es um ein positives Erlebnis und darum, mit Eigenverantwortung an das Thema ranzugehen, sonst fehlt der nachhaltige Effekt.

Wie viel Guthaben hinterlegt der Arbeitgeber pro Angestellten?

PHILIPPE BOPP: Der Durchschnitt liegt ungefähr bei 200 Euro pro Mitarbeiter im Jahr – wohlwissend, dass nicht alle Mitarbeiter das Budget nutzen werden.

Weil ihnen die Zeit dafür fehlt?

PHILIPPE BOPP: Das kann vorkommen. Es gibt aber auch Leute, die bereits aktiv sind und deshalb das Angebot nicht nutzen. Diese nutzen die Plattform stattdessen zur Information über Fitness und Ernährung. Und dann gibt es aber auch immer diejenigen, die einfach keinen Sport machen wollen. Man wird nie alle erreichen.

Was kostet der Service bei Machfit?

PHILIPPE BOPP: Die Kosten richten sich nach der Mitarbeiterzahl. Bei kleinen Unternehmen bis 100 Mitarbeitern geht das bei 1500 Euro im Jahr los. Die Version, die spannend für Unternehmen ab 500 Mitarbeitern ist, kostet einmalig ab 7000 Euro zuzüglich 700 Euro im Monat an Serviceleistung. Zudem erhalten wir pro Kurs, der über uns gebucht wird, eine Provision in Höhe von 15 Prozent.

Welche Maßnahmen empfehlt Ihr kleineren Unternehmen, die sich Machtfit noch nicht leisten können?

PHILIPPE BOPP: Was in kleineren Unternehmen wichtig ist, und häufig schon gemacht wird, ist, Dinge gemeinsam zu unternehmen, zum Beispiel in eine Kletterhalle gehen. Man sollte aber auch immer etwas ergänzend für den Einzelnen anbieten. Nicht jeder fühlt sich wohl, mit anderen Sport zu machen. Wir entwickeln deshalb gerade ein Produkt, das jedem die Möglichkeit gibt, über Online-Coachings aktiv zu werden.

Was macht Ihr selbst für Eure Mitarbeiter?

PHILIPPE BOPP: Wir nehmen zum Beispiel an der Fußballliga des Urban Sports Club teil. Unseren Mitarbeitern bieten wir aber natürlich auch unsere eigene Lösung an. Darüber hinaus organisieren wir immer mal wieder Badminton-Turniere, gehen Squash spielen und jeden Tag haben wir einen Kollegen, der zehn Minuten Stretching anbietet, um den Kopf zwischendurch freizubekommen. Da haben wir tatsächlich eine hundertprozentige Teilnahmequote.

Urban Sports Club bietet ja auch Unternehmenslösungen an. Ist das Konkurrenz für Machtfit?

PHILIPPE BOPP: Wir sind uns bislang noch nicht bei potenziellen Kunden begegnet, zumal wir das Angebot des Urban Sports Club auch eher als komplementär zum Machtfit-Angebot betrachten.

Das Gesundheitswesen ist geprägt von großen Playern. Wie schwierig war es für Euch als junges Unternehmen Fuß zu fassen?

PHILIPPE BOPP: Anfangs sehr schwierig. Die Unternehmen fanden zwar immer toll, was wir machen, aber wenn es um die Vertragsunterzeichnung ging, haben viele erst mal gezögert. Mittlerweile sind wir etabliert am Markt: Man kennt und vertraut uns. Dadurch können wir leichter neue Kunden gewinnen, was nicht heißt, dass die Entscheidungsprozesse deutlich kürzer sind, aber wir sind in viel mehr Entscheidungsprozessen drin.

Vor Machtfit hattet Ihr keine Expertise im Bereich Gesundheitswesen. Welche Stolpersteine sind Euch in der Gründungsphase begegnet?

PHILIPPE BOPP: Wir hatten alle nicht nur vom Gesundheitswesen wenig bis keine Ahnung, sondern auch keinerlei Erfahrungen in Unternehmensführung und Organisationsaufbau. Deshalb sind wir anfangs ganz viel gestolpert. Wir haben komplett unterschätzt, wie schwierig sich generell das Thema Gesundheit in den Unternehmen platzieren lässt. Außerdem haben wir nicht kalkuliert, wie lang die Verkaufszyklen in diesem Bereich sind. Da war wiederum unsere Unerfahrenheit von Vorteil, die uns in den ersten Monaten geholfen hat trotz vieler Rückschläge durchzuhalten. Dieses Durchhaltevermögen hat sich mittlerweile ausgezahlt.

Ein Jahr nach Eurem Launch habt Ihr Eure erste Finanzierung erhalten. War es schwer, Investoren zu finden?

PHILIPPE BOPP: Ja, da es ein neuer Markt war und wir ein B2B-Modell bieten – das war insbesondere damals nicht so angesagt bei den Investoren. Es ist ein nachhaltiges Modell; man pumpt nicht heute zig Tausend in Online-Marketing rein, und dann steigen die Umsätze. Die Entscheidungszyklen in den Unternehmen sind lang. Aber wenn wir drin sind, dann bleiben wir auch in den Unternehmen. Wir bauen uns also einen Kundenstamm auf, der uns monatlich Umsätze generiert und zusätzlich großes Up-selling-Potenzial bietet.

Was sind Eure nächsten Schritte? Wo geht die Machtfit-Reise hin?

PHILIPPE BOPP: Wir konzentrieren uns darauf, das Mehrbudget, das jetzt 2016 über die Krankenkassen in den Markt geschwemmt wird, zu nutzen, um unsere Marktposition auszubauen und als führende Plattform für Gesundheitsmanagement eine dominante Stellung in Deutschland einzunehmen. Im nächsten Schritt wollen wir das Ganze auch über die Landesgrenze hinaus tragen. Da es überall unterschiedliche gesetzliche Regelungen gibt, kommt man allerdings schnell in eine Komplexität rein, wenn man sich jedem Markt einzeln annimmt. Entweder geht man also mit einer einfachen Lösung in viele Märkte rein, oder man sucht sich einen großen Markt aus und fokussiert sich darauf. Diese zwei Optionen gibt es, und wir sind gerade noch in der Entscheidungsfindung.

Das Gespräch führte Corinna Visser. Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 02/2015.

Machtfit Gründer Philippe Bopp im Interview

Philippe Bopp

Der Geschäftsführer von Machtfit kennt seine Mitgründer zum Teil schon seit dem Kindergarten. Der 31-Jährige hat einen Bachelor in European Studies an der Universität Passau absolviert und Innovation Management and Entrepreneurship an der TU Berlin studiert.
machtfit-logo

Quick Facts:

Name: Machtfit GmbH

Gründer: Philippe Bopp, Max Kazenwadel, Gregor Bierhals, Daniel Tunggul, Jonathan Fiebelkorn

Gründung: 2011

Mitarbeiter: 20

Standort: Prenzlauer Berg

Service: Vermittlung von gesundheitsfördernden Maßnahmen für Unternehmen

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