Lisa, du hast ja schon einige Apps programmiert und sogar schon ein Buch geschrieben. Kannst du etwas mehr über deine Projekte erzählen – und was dir dabei wichtig ist?
Lisa Ihde: Mir sind zwei Aspekte beim Programmieren wichtig: Verbesserung und Spaß. Verbesserung bedeutet für mich, dass das Projekt einen sinnvollen Anwendungsfall haben sollte und mir oder anderen bei der Lösung eines Problems behilflich ist. Ein paar meiner bisherigen Projekte skizziere ich gerne kurz:

  1. Bei „Coding da Vinci“-Hackathons habe ich bisher an drei Software-Projekten mitgearbeitet: skelex, SnailSnap und Altlas. „skelex“ ist zur Interaktion mit Schlangenkopfskeletten gedacht, die in Realität 5-7cm groß sind und somit sehr fragil. In der virtuellen Welt kann man diese größer skalieren, vermessen, einen CAT-Scan durchführen oder sogar die Schlange mit Mäusen füttern. Die Idee dahinter ist es, Ausstellungsstücke im Museum immersiv zu erleben.
  2. Auch mit „SnailSnap“ können Besucher die Sammlung eines Museums visuell neu erfahren. Mein Team und das Naturkundemuseum Berlin stehen immer noch im Austausch und planen zusammen die Ausstellung dieser Anwendung.
  3. Mit der Virtual-Reality- & Desktop-Anwendung „Altlas“ lassen sich historische Karten des Leibniz-Instituts für Länderkunde auf einen Globus projizieren. Mit einer Lupe untersucht der Nutzer die Details der Karten und durch Laser-Effekte werden Vorgänge wie das Skalieren visuell untermalt.
  4. Mit meinem ersten Buchprojekt „Meine eigene Homepage“ will ich Kinder ab 10 Jahren an die Gestaltung einer eigenen Website heranführen. Die Leserschaft erfährt auf 143 Seiten, wie sich mit HTML und CSS eigene Website-Ideen kreativ umsetzen lassen. Unterstützt wurde ich dabei von meinem Co-Autor aber auch dem CoderDojo Potsdam, wo wir die Verständlichkeit der einzelnen Kapitel für Kinder praktisch überprüfen konnten.

Außerdem engagierst du dich jetzt schon als weibliches Vorbild. Kannst du uns ein wenig mehr dazu erzählen und warum weibliche Rollenvorbilder für Mädchen wichtig sind?
Lisa Ihde: Ich engagiere mich als Mentorin für SchülerInnen, als Sprecherin auf Konferenzen wie dem „Ada Lovelace Festival“ (dem europäischen Event für Frauen in der IT) oder als Gleichstellungsbeauftragte an der Digital-Engineering-Fakultät von HPI und der Universität Potsdam. Als Mentorin betreue ich regelmäßig verschiedene Events von der Open Knowledge Foundation Deutschland, von Mozilla, Google, den Jungen Tüftlern, von Wissenschaft im Dialog, dem CoderDojo und des Hasso-Plattner-Instituts mit.

Ich kann mich kaum erinnern, dass wir zu Schulzeiten über Erfindungen von Frauen gesprochen haben. Meistens standen männliche Erfinder im Vordergrund. Solche Impulse können Mädchen beeinflussen und darauf sollte aufmerksam gemacht werden. Ich denke, wenn Mädchen möglichst früh in Kontakt mit IT-Angeboten oder weiblichen Vorbildern kommen – mit denen sie sich identifizieren können – werden sich mehr und mehr von ihnen für ein Informatik-Studium entscheiden.

Du selbst hast dich schon mit elf Jahren fürs Programmieren begeistert. Was fasziniert dich daran?
Lisa Ihde: Ich schätze die verschiedenen Facetten in der Informatik sehr und finde, dass man durchs Programmieren viele Möglichkeiten hat, Ideen schnell umzusetzen, die das Leben erleichtern. Zurzeit lerne ich in meinem Masterstudium verschiedene Forschungsschwerpunkte kennen und bin begeistert von den vielen abwechslungsreichen Themen.

Als Schülerin hast du dann bei Jugend hackt mitgemacht. Gab es außer dir noch viele andere Mädchen?
Lisa Ihde: Ungefähr 20 Prozent von den damals 120 TeilnehmerInnen waren Mädchen. In meinem Team habe ich damals eine neue Freundin gewonnen, mit der zusammen ich auch heute noch Mentorin bei Jugend hackt in Berlin bin.

Warst du damals an der Schule als Computermädchen eher cool oder eher ein „Nerd“?
Lisa Ihde: Als Computermädchen hat mich nie jemand bezeichnet, ich habe mich schon immer für Naturwissenschaften interessiert und gerne an Events wie Jugend hackt teilgenommen, um auf andere Gleichgesinnte zu treffen. Ich denke, dass Programmieren ein genauso schönes Hobby ist wie Handball spielen oder Tanzen, wobei ich auch das in meiner Freizeit getan habe.

Heute studierst du Informatik am Hasso-Plattner-Institut (HPI). Welche Erfahrungen machst du dort als Studentin?
Lisa Ihde: Am meisten schätze ich am Hasso-Plattner-Institut die vielen motivierenden und hilfsbereiten Menschen. Wenn ich mal ein Problem habe, finde ich oft Kommilitonen, die mir durch ihre Erfahrungen weiterhelfen können – und ganz plötzlich wird daraus ein Projekt, an dem wir als Team gemeinsam arbeiten. Außerdem engagiere ich mich am HPI in verschiedenen Studierendenklubs, unter anderem im Klub für Schüleraktivitäten, wo ich mein Wissen in Schülercamps und -workshops weitergebe. Auch hier knüpft man schnell neue Freundschaften und es entsteht schnell ein familiäres Gefühl, am HPI fühle ich mich super aufgehoben.

Warum sollten mehr Mädchen programmieren und Informatik studieren?
Lisa Ihde: Aus denselben Gründen wie Jungs: Jede/r sollte das studieren, was sie/ihn begeistert und antreibt – unabhängig vom Geschlecht. Ich programmiere seit ich elf Jahre alt bin, das ist nun schon mein halbes Leben. Ich wurde in allen meinen Interessen immer von meiner Mutter unterstützt. Auf meine Bitte hin hat sie mir ein Buch über das Erstellen von Websites gekauft und ich hatte daraufhin sehr viel Spaß dabei, eine Website für ihr Unternehmen zu entwickeln. Auch in der Schule wurde ich durch Arbeitsgemeinschaften und meinen Mathelehrer gefördert, sodass es für mich keinen Zweifel gab, Informatik zu studieren.

Was bringen Mädchen beim Programmieren ein, was Jungs eventuell nicht so einbringen?
Lisa Ihde: Ich denke, dass man nicht am Geschlecht unterscheiden sollte: In Projekten bringt jedes Teammitglied seine ganz speziellen Fähigkeiten ein. Gerade durch die verschiedenen Vorerfahrungen erzielt man erfolgreiche Projektergebnisse. Am HPI, aber auch in anderen Einrichtungen werden Camps, Hackathons und Workshops für SchülerInnen angeboten, in die junge Leute reinschnuppern und ausprobieren können, wie es ist, im Team zu programmieren.

Wer sind deine Vorbilder?
Lisa Ihde: Ich finde Frauen wie Sheryl Sandberg stark. Ich persönlich habe Software-Entwicklerinnen vor allem durch Community-Events wie von Mozilla oder Hackathons kennengelernt. Die erste weibliche Programmiererin, die ich getroffen habe, ist Melanie Krauth. Sie arbeitet seit 2017 im Naturkundemuseum Berlin und engagierte sich nebenbei als Dozentin bei der diesjährigen „informatica-feminale“ in Bremen. Aktuell befinde ich mich in einer Phase, wo ich mich langsam auf bestimmte Forschungsbereiche spezialisiere, die mich befähigen, in die Industrie zu gehen oder sogar ein eigenes Startup zu gründen. Ich werde überall neue Vorbilder für mich finden.

Konntest du als Stipendiatin auf der Reise zur Grace Hopper Conference in Houston, Texas, einige Vorbilder persönlich kennenlernen?
Lisa Ihde: Die Grace Hopper Conference hat mir ermöglicht, einen Talk von Priscilla Chan mitzuerleben. Außerdem konnte ich mich mit vielen Entwicklerinnen aus interessanten Softwareunternehmen unterhalten und habe andere bemerkenswerte Frauen aus der IT-Branche kennen gelernt. Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht und auch unter den Stipendiatinnen neue Freunde gefunden zu haben.

In welchen Netzwerken bist du aktiv und weshalb ist es wichtig, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen?
Lisa Ihde: Ich bin in sehr vielen Netzwerken aktiv, alle aufzulisten wäre schwierig. In meinen Netzwerken finde ich Gleichgesinnte, mit denen ich mich identifiziere und mit denen ich Interessen teile. Im Austausch bekomme ich ehrliche Empfehlungen oder lerne die Erfahrungen anderer kennen, die woanders oft schwer zu finden sind. Als Informatikerin kann ich Netzwerke wie „Women-Techmakers“ oder „Komm, mach MINT“ empfehlen, aber auch Open-Source Organisationen wie „Mozilla“. Außerdem möchte ich gerne auf „Design Thinking“ verweisen, da der nutzerorientierte Ansatz vor allem in der innovationsgetriebenen IT-Branche von Vorteil ist.

Wo siehst du dich nach deinem Studium?
Lisa Ihde: Ich kann mir sowohl eine Zukunft in der Forschung als auch in der Wirtschaft vorstellen. Auch ein Startup zu gründen kann ich mir vorstellen, ich fühle mich dafür am HPI besonders gut vorbereitet: Ich bin schon häufig mit HPI-Startups in Kontakt gekommen, denn neben Lehrveranstaltungen und Forschungsarbeiten bietet das HPI gezielte Services für angehende Unternehmer aus dem Institutsumfeld an. Alle Aktivitäten im Bereich Entrepreneurship werden dabei in der im Aufbau befindlichen HPI School of Entrepreneurship gebündelt.

Im Moment möchte ich mich jedoch noch nicht festlegen. Ein Vorteil meines Studiums ist auch, dass ich später in vielen unterschiedlichen Bereichen arbeiten kann. Neben der Softwareentwicklung sind einige meiner Kommilitonen auch ins Projektmanagement, Consulting oder in die Lehre gegangen.

Hast du schon einen Wunsch, eine Vorstellung davon, was du in Zukunft erreichen möchtest?
Lisa Ihde: Zu allererst möchte ich meinen Masterabschluss machen. Ich habe noch viele Ideen für Projekte, die ich gerne umsetzen möchte. Es ist schön, etwas auf der Welt zu hinterlassen, das viele inspiriert. Vielleicht wird meine nächste App nicht nur die Welt verbessern sondern hat auch das Potenzial für ein erfolgreiches Startup?

Lisa Ihde ist Masterstudentin für IT-Systems Engineering am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Dort engagiert sich die 22-jährige als Gleichstellungsbeauftragte. Sie beschäftigt sich sehr mit Virtual Reality, hat schon mehrere Apps programmiert, und ein Buch geschrieben. 2018 wurde sie mit dem ARD/ZDF Förderpreis für Frauen + Medientechnologie ausgezeichnet und reiste im September mit fünf weiteren Informatikstudentinnen zur Grace Hopper Konferenz, der weltweit größten IT-Konferenz für Frauen in Houston/Texas.

Lisa Ihde programmiert seit sie elf Jahre alt ist. Foto: privat
Lisa Ihde programmiert seit sie elf Jahre alt ist. Foto: privat

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