Wenn Menschen mit einer Hörschädigung Filme schauen, wird ihnen ein großer Teil der Geschichte über die Untertitel vermittelt. Doch bisher fehlte dabei ein wichtiger Aspekt: die Emotionen. Die Untertitel verraten nicht, ob die Darsteller flüstern oder schreien. Kam der Satz aufgeregt über die Lippen oder gelassen? Bei dieser Lücke setzt das Startup Silicon Surfer an. „Während sich Bild und Ton weiterentwickelt haben, gab es keine Weiterentwicklung bei der Schrift“, sagt Gründer Tim Schlippe.

Zusammen mit einem Professor für Benutzerschnittstellen und einem Experten für Typografie begann der promovierte Sprachforscher, sich deshalb damit zu beschäftigen, wie sich die neuen technologischen Möglichkeiten auf Schrift auswirken können. Das Team verglich gesprochene und geschriebene Sprache und kam auf die Idee, Informationen der gesprochenen Sprache – Lautstärke, Geschwindigkeit, Tonhöhe – im Schriftbild darzustellen. Der Beginn von WaveFont. Die Software formatiert die Schrift passend zur Aussprache. Wenn jemand lauter spricht, wird die Schrift dicker. Spricht jemand schneller, werden die Buchstaben schmaler. Durch die Veranschaulichung von Betonung und Geschwindigkeit können die Zuschauer den Sprachstil und die Emotionen einer Person auf dem Bildschirm nachempfinden.

Die Zielgruppe ist riesig

Schlippe hat WaveFont bei deutschen Gehörlosenvereinen und -verbänden getestet. Fast alle Teilnehmer würden die Technologie nutzen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gelten mehr als fünf Prozent der Weltbevölkerung als hörgeschädigt. Das sind rund 466 Millionen Menschen. Schlippe will aber nicht nur Hörgeschädigte erreichen. „Die WaveFont-Untertitelung bringt einen Mehrwert zur herkömmlichen Darstellung auch für Nutzer von Smartphones, die Videos ohne Ton schauen.“ Und auch diejenigen, die Fremdsprachen lernen, können von der Darstellung der Aussprache profitieren.

Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne im August 2018, die ihr Ziel von 10.000 Euro erreichte, konnte Schlippe WaveFont weiterentwickeln. Nun lassen sich nicht nur deutsche und englische Untertitel darstellen, sondern auch spanische. Außerdem ist die Integration in Videos bei Facebook, Instagram und YouTube möglich. Aktuell sind die Silicon Surfer ausgewählt, um als Botschafter Baden-Württembergs an der Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW) in Texas teilzunehmen. Es ist ein weiterer Schritt zur Verwirklichung von Schlippes Vision: WaveFont soll bei TV-Sendern, Werbe-Agenturen und Social-Media-Netzwerken zur Standardtechnologie werden.

Etwas bewegen

Tim Schlippe ist Gründer und Geschäftsführer von Silicon Surfer. Der aus Ettlingen stammende Informatiker hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert und im Bereich multilinguale Spracherkennung promoviert. Im Anschluss arbeitete er bei einem Software-Unternehmen. Mit seiner Software-Technologie WaveFont möchte er etwas bewegen und Menschen integrieren. Im vergangenen Dezember hat Schlippe das Wirkungsschaffer-Stipendium für Social Startups in Stuttgart gewonnen. silicon-surfer.com