Was hat dich dazu bewegt, zu gründen?
Madison Bell: 
Ich habe eine etwas ungewöhnliche Gründerinnen-Geschichte, denn ich wollte eigentlich nicht unbedingt gründen oder etwas mit Fintec machen. Bevor ich nach Berlin gekommen bin, habe ich ausschließlich im Silicon Valley gearbeitet und wollte einfach mal raus –  noch andere Erfahrungen sammeln. Als ich hier ankam war ich offen für alles und habe meine Mitgründer eher zufällig getroffen. Sie haben mir von ihrer Idee erzählt, ich mochte sie – und dann haben wir das Ganze gemeinsam weiterentwickelt.

Wie hast du denn deine Team-Mitglieder getroffen?
Madison Bell: Ich hatte ein Interview bei einer anderen Firma, das Angebot dann aber nicht angenommen. Was hier in Berlin sehr anders gehandhabt wird, als im Silicon Valley, sind Aktien-Vergütungen. Das gibt es kaum und das war für mich der „Dealbreaker”. Wenn ich für eine Organisation arbeite, dann will ich mich voll einbringen – und das soll sich natürlich auch auszahlen. Immerhin habe ich so einen guten Eindruck gemacht, dass einer meiner Interviewpartner mich mit Alex (Alexander Baatz, CMO bei Kontist) vernetzt hat – und wir haben uns über LinkedIn auf einen Kaffee verabredet.

Bekommen die Mitarbeiter von Kontist Firmenanteile?
Madison Bell: Das diskutieren wir tatsächlich schon lange im Team. Momentan machen wir es allerdings noch nicht, denn nicht jeder schätzt es, Anteile der Firma zu bekommen. Und wie geht man dann mit den Leuten um, die keine Anteile möchten? Das kann im Hinblick auf Verträge und Steuern etwas kompliziert werden.

„Durch unsere unterschiedlichen Blickwinkel werden viele interessante Diskussionen angestoßen.”

Was bringst du als Frau bei Kontist ein?
Madison Bell: Es ist schwer zu differenzieren, was ich durch meinen kulturellen Hintergrund und meine Erfahrung im Valley mitbringe, und was als Frau. Sicher habe ich eine stärkere Sensibilität für kulturelle Komponenten unseres Unternehmensmodells. Darauf achten meine männliche Teammitglieder nicht so. Durch diese unterschiedlichen Blickwinkel werden viele interessante Diskussionen angestoßen. Ich glaube, das ist ein generell ein Vorteil, den diverse Teams haben.

Wenn du zurückdenkst, was hat dir den Mut gegeben, immer dein Ding zu machen?
Madison Bell: Also, bei mir hat das viel mit Sport zu tun, vor allem mit College Field Hockey. Wenn du in der Top-Liga spielst trainierst du 40 Stunden die Woche, das ist hart. Ich habe dadurch viel über meine persönlichen Limits erfahren, aber auch mein Durchhaltevermögen trainiert und gelernt, dass ich mich auf mich selber verlassen kann. Als Torwart auf dem Feld war mir auch bewusst, dass jeder Fehler den ich mache, darüber entscheiden kann, ob das gesamte Team gewinnt oder verliert. Das war viel Druck, hat mir aber auch gezeigt, dass du immer auf der anderen Seite wieder auftauchst, auch wenn du verlierst.

„Man muss seine Grenzen kennen und wissen, was man bereit ist, zu geben.”

Hast du einen guten Tipp, wie man als Gründer am besten mit Kritik und Fehlschlägen umgeht?
Madison Bell: Mit das Wichtigste ist es, sich immer darauf zu stützen, was wirklich wichtig für einen ist. Man muss seine Grenzen kennen und wissen, was man bereit ist, zu geben. Es stimmt nicht, dass es nur die eine einzige große Chance im Leben gibt. Wenn du einen Traum hast und deine Energie darauf verwendest, kannst du fast immer einen Weg finden, auf dem sich dir erstaunliche Möglichkeiten erschließen.

Muss sich die Gesellschaft ändern, damit mehr Frauen den Schritt in die Gründung wagen?
Madison Bell: Ja, im US-Kontext ist vor allem das Thema Krankenversicherung wichtig. Und auch das Rollenbild ist noch sehr traditionell geprägt. Aus gesellschaftlicher Sicht können wir noch einiges tun, um Mütter nicht zu bestrafen, weil es in den bestehenden Strukturen keine Möglichkeit für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt. Außerdem finde ich, sollte dieses Thema nicht nur in Bezug auf Frauen diskutiert werden. Ja, es gibt Unterschiede, aber warum wird die Frage nach Vereinbarkeit von Kindern und Karriere meist nur in Bezug auf Frauen gestellt? Ich fürchte, dass viele VCs noch ein sehr traditionelles Rollenbild im Hinterkopf haben, wenn sie eine Frau pitchen sehen.

Was hast du vor Kontist im Silicon Valley gemacht?
Madison Bell: Nach meinem Studium habe ich zuerst zwei Jahre für Fanbase gearbeitet, einem online Sports Almanac. Allerdings hat sich das Produkt nicht so entwickelt wie wir gedacht hatten, also haben wir eine 180-Drehung hingelegt, das Team von 13 auf sieben reduziert und dann für ein halbes Jahr andere Optionen ausprobiert. Daraus entstand Nextdoor, eine privates Soziales Netzwerk für die unmittelbare Nachbarschaft. Das Interessante an dieser Erfahrung war, dass wir mit Nextdoor richtig viel Geld einsammeln konnten. Das gab uns die Möglichkeit ein wirklich tolles Produkt zu machen, ohne uns immer um Finanzen und Monetarisierung sorgen zu müssen – vor allem am Anfang. Eine wirklich einmalige Situation, denn normalerweise brauchst du eine steile Wachstumskurve, eine gute Erfolgsbilanz, bevor dir die Investoren größere Summen anvertrauen. 2013 bin ich dann zu Apartment List, was nochmal eine ganz andere Erfahrung war – vor allem in der Hinsicht wie Werte die Unternehmenskultur beeinflussen. Apartment List war schon auf 80 Mitarbeiter angewachsen und voll auf Umsatz fokussiert, das Produkt war eher zweitrangig als ich dazugekommen bin. Zweieinhalb Jahre später war ich dann wieder offen für etwas Neues und zog nach Berlin.

Gibt es etwas, was alle Firmen, für die du gearbeitet hast, gemeinsam haben?
Madison Bell: Ja, sie sind alle Daten-getrieben und bieten einen Service, der das Leben ein wenig einfacher, besser macht. Nextdoor hat es einfacher gemacht, lokal online zu interagieren. Mit Apartment List konnten Menschen einfacher eine Wohnung finden – und Kontist hilft, die persönlichen Finanzen zu verwalten; meiner Meinung nach etwas sehr persönliches und emotionales.

„Wir wollen, dass die Leute sich sicherer fühlen, wenn sie finanzielle Entscheidungen treffen.”

Wie sieht die Zukunft für Kontist aus?
Madison Bell: Unsere Vision ist es, das Finanzmanagement für Freiberufler und Unternehmer einfacher zu machen. Wurde diese Rechnung bezahlt? Wieviel Umsatzsteuer muss ich zahlen? Wieviel Geld kann ich mir auszahlen, wieviel sollte ich in die Firma zurück investieren? Wir wollen einen guten Überblick darüber geben, wo man selbst finanziell steht. Als Freiberufler weisst du oft erst genau, wieviele Steuern du dem Finanzamt schuldest, wenn du deine Steuererklärung machst. Das passiert aber oft erst zwei oder drei Jahre später. Wenn dein Unternehmen in der Zwischenzeit gewachsen ist, werden deine Steuervorauszahlungen niedriger gewesen sein als das, was du letztendlich schuldest und du bekommst eine happige Steuernachzahlung. Wenn du darauf nicht vorbereitet bist, führt das zu großen Problemen für dein Unternehmen. Wir wollen, dass die Leute sich sicherer fühlen, wenn sie finanzielle Entscheidungen treffen. Freiberufler sollten sich nicht auf diese administrativen Aufgaben konzentrieren müssen, sondern Zeit dafür haben, das zu tun, was ihnen wichtig ist.

Kannst du kurz euer Geschäftsmodell beschreiben?
Madison Bell: Das Konto selbst ist kostenlos. Wir bieten eine virtuelle Kreditkarte – es gibt ja ohnehin schon genug Müll auf der Welt – und eine Plastikkarte, die 29 Euro pro Jahr kostet. Das hilft Kosten auszugleichen. Später werden wir unseren Kunden verschiedene Möglichkeiten bieten. Freiberufler haben ja ein recht ein gutes Verständnis dafür, wieviel ihre Zeit wert ist. Unser Ziel ist es, ihnen möglichst viele Stunden pro Monat einsparen – danach berechnen wir unser Finanzierungsmodell. Natürlich werden die Kosten weit unter dem Stundensatz der Freiberufler liegen, aber dahin wird unsere Diskussion wohl gehen.

Praktische Hilfe für Selbständige

Im August startete Kontist den als Interessengemeinschaft organisierten Verein Freeliance. Freeliance soll Selbständigen durch Vermittlung von Praxiswissen in ihrem beruflichen Alltag zu unterstützen. Neben einem Netzwerk und verschiedenen Beratungsangeboten durch ausgewählte Experte, steht der fachlichen Austausch von Wissen und Best Practice innerhalb der Community im Mittelpunkt. Die nötigen Instrumente liefert eine geschlossene Online-Community, in der Diskussion und Experten-Talks in geschlossenen Gruppen möglich sind.

Kontist

Branche: Fintech
Beschreibung: Kontist will das Finanz OS für Selbständige werden.
Gründer: Christopher Plantener (CEO), Sebastian Galonska (CTO), Alexander Baatz (CMO), Madison Bell (Head of Product)
Gründungsjahr: 2016
Mitarbeiter: 30
Investoren: Founders Vækstfonden
Kooperationspartner: solarisBank Wirecard Bank Debitoor FastBill
URL: kontist.com

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