Im Vergleich zu Estland hat Deutschland bei der Digitalisierung noch viel Nachholbedarf. Deutschlands Botschafter Christoph Eichhorn, die in Berlin lebende Estin Marie Hermanns und die Vorstandvorsitzende von Medianet Berlinbrandenburg Andrea Peters kommentieren die Digitalisierung des baltischen Staates und das Zusammenspiel mit Berlin.

Weniger Nervkram

Christoph Eichhorn, deutscher Botschafter

Christoph Eichhorn, deutscher Botschafter in Estland (Bild: Botschaft Bundesrepublik Deutschland)
Christoph Eichhorn, deutscher Botschafter in Estland (Bild: Botschaft Bundesrepublik Deutschland)

Deutschland ist eine Top-Industrienation in der Welt. Wenn wir diesen Spitzenplatz halten wollen, geht es nur mit Digitalisierung. In Estland kann man lernen, wie’s geht. Es lohnt sich anzuschauen, wie Estland den Datenschutz organisiert. Ein staatlicher Rechtsrahmen, das kennen wir auch. Aber: Ich als Bürger kann in Estland meine Daten selbst kontrollieren und schützen: Ich kann mich abends zu Hause mit meiner digitalen Chipkarte hinsetzen und in sehr kurzer Zeit feststellen, ob zum Beispiel die Polizei Tallinn gestern auf meinen Datensatz zugegriffen hat. Wenn ich mir das erklären kann, ist es in Ordnung. Wenn ich mich wundere, wer auf meine Daten zugreift, habe ich das Recht auf eine sehr schnelle Auskunft. Wenn das alles in Ordnung ist – gut. Wenn nicht – drastische Strafen, die abschrecken. Diese Mischung aus Schutz durch Staat und Bürger funktioniert sehr gut.

Ein anderes Beispiel ist der Autokauf vom Sofa aus: Von der Bestellung mit digital autorisierter Unterschrift bis zum Losfahren mit angeschraubtem Nummernschild verlasse ich meine Wohnung nicht. Und schon gar nicht, um mir das Nummernschild zu besorgen. Alles digital. Die deutsche Lieblingssportart – Warten auf der Kfz-Zulassungsstelle – in Estland unbekannt.

Wie ist es dazu gekommen? Der politische Ansatz in Estland war top-down: Bereits 2000 hatte die Regierung landesweit flächendeckend Internet und das E-Government-System aufgebaut. Und alle Schulen ans Netz gebracht. Mit internetgestütztem Mathe-Unterricht. Seither haben die Bürger im Alltag gemerkt: Es funktioniert; es macht das Leben einfacher, schneller, billiger. Kaum noch Behördengänge, weniger Nervkram. Wenn wir in Deutschland nur einen Teil von dem umsetzen können, was in Estland täglich funktioniert, hätten wir Deutschland erheblich vorangebracht. Das gilt auch für die Industrie 4.0: Wenn sich der digitale Vorreiter Estland und der Industrieriese Deutschland enger zusammentäten, haben wir enorme Chancen. Es liegt an uns, diese Chancen zu ergreifen.


Großartige Erfahrung

Andrea Peters, Vorstandvorsitzende von Medianet Berlinbrandenburg

Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende von Medianet Berlinbrandenburg (Bild: HofFotografen)
Andrea Peters, Vorstandsvorsitzende von Medianet Berlinbrandenburg (Bild: Hoffotografen)

Unser Besuch in Tallinn war eine wirklich großartige Erfahrung. Es ist beeindruckend, mit welchem Elan und Fortschritt alle Bereiche, Politik, Wirtschaft und Hochschulen, an der Digitalisierung der Branchen arbeiten. Davon profitieren alle. Bereits sehr früh setzt dieser Weg an. Kinder kommen aus den Schulen in die Inkubatoren der Universitäten, um dort aus Lego Roboter zu bauen. Gleichzeitig kommen sie mit jungen Gründern und Startups in Kontakt.


Berlin als Karrierechance

Marie Hermanns, gebürtige Estin und Head of Business Intelligence der Solarisbank in Berlin

Marie Hermanns, Head of Business Intelligence bei der Solarisbank (Bild: Marie Hermanns)
Marie Hermanns, Head of Business Intelligence bei der Solarisbank (Bild: Marie Hermanns)

In Berlin ist Englisch die Muttersprache der Startup-Community. Das macht es für Esten wie für andere Internationals leicht, sich zu integrieren und eine Karriere zu starten. Es existiert sogar eine aktive estnische Community. Esten profitieren beispielsweise von den Veranstaltungen der estnischen Botschaft und vom estnischen Kulturverein KAMA. Berlin bietet mir zudem Karrierechancen, die ich so in Estland nicht gehabt hätte. In meiner Heimat ist der professionelle Umgang mit Daten und Business Intelligence nicht so weit entwickelt wie in Berlin. Oft planen estnische Firmen, ihren Hauptsitz außerhalb des Landes zu errichten, da der Markt in Estland vergleichsweise klein ist und es an Finanzierungsoptionen mangelt.

Deutlich weiter ist Estland hingegen im Bereich des E-Governments. In Deutschland gestaltet sich die Beziehung zwischen der Regierung und den Bürgern bislang noch analog. Als Estin in Berlin ist mein Leben um einiges bürokratischer geworden. Da ich die Vorteile einer digitalen Regierung selbst kennengelernt habe, weiß ich, wie bürokratische Hürden durch die Digitalisierung eliminiert werden können. Darüber hinaus sind die einzigartige Natur in Estland und die grenzenlose Internetabdeckung Gründe, warum ich immer wieder gerne in die Heimat reise. Bei uns hat man sogar auf unbewohnten Inseln Internetempfang.

Vorteile Tallinn

  • Unternehmensorientierte Regierung auf der Suche nach effizienten, skalierbaren und digitalen Lösungen
  • Junges und IT-affines Land
  • Durch eine schnelle Markteinführung und enge Zusammenarbeit zwischen der Startup-Community und der Regierung lassen sich gut große Ideen ausprobieren

Vorteile Berlin

  • Talent aus aller Welt
  • Zugang zu riesigen Märkten
  • Vergleichsweise leichter Zugang zu signifikanten Finanzmitteln
  • Unternehmerische Stadt mit einer bemerkenswerten Startup-Szene

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 22

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