Startup-Standort Berlin – Dieser Artikel hätte eigentlich von uns kommen müssen – und dann doch irgendwie nicht… Netzexperte Martin Weigert (Netzwertig) analysiert den Wandel in der Berliner StartupSzene.

Der Startup Standort Berlin – weniger schwätzen, endlich machen!

Noch vor einem guten halben Jahr hatten wir selbst in einem Artikel („der Schatten über Berlin“) den gravierenden Unterschied der Innen- und Außenwirkung der Berliner Startupszene kritisiert. Viel Lärm um nichts und viel heiße Luft, wollte man meinen. Denn dem ganzen Hype zum Trotz fehlten der Berliner Startup-Szene damals wie heute die großen (international vorzeigbaren) Exits. Auch wenn diese „Währung“ nicht jedem schmecken mag – wer z.B. auf den aktuellen Konferenzen Heureka oder Capital on Stage gewesen ist, der hat x-fach mitbekommen, dass man ohne externes Kapital scheinbar kein großes Online-Unternehmen aufbauen kann. Und für Investoren zählen nun mal die Exits als wichtigster Indikator. Erst sie machen einen Standort wirklich attraktiv.

Martin Weigert nimmt in seinem aktuellen Artikel Bezug auf einen eigenen Bericht über die Berliner Startup-Szene, den er Anfang Januar verfasst hatte und registriert erste Tendenzen Richtung Substanz:„Blickt man auf die Art der Startups, die in den letzten Monaten VC-Millionen angeboten bekamen, dann entsteht der Eindruck, dass sich Geldgeber verstärkt auf die Unterfangen konzentrieren, die funktionierende, schon heute statt vielleicht in drei Jahren Umsatz generierende Businessmodelle vorweisen können, und die darauf abzielen, existierende Bedürfnisse der Nutzer zu befriedigen, anstatt erst neue zu schaffen.“

Sicher hat Martin Weigert mit vielem, was er anführt, Recht. Die gerade vollzogene Einverleibung von Gidsy in den Eventführer GetYourGuide mag ein erstes Signal von „seriös schlägt sexy“ sein. Auch die Fußball-App iLiga (frisch ausgestattet mit 10 Millionen Euro von Earlybird Ventures) und das Wissenschaftsnetzwerk ResearchGate sind Hoffnungsstreifen am Firmament – blicken sie beide doch bereits auf eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte zurück. Doch das war es dann leider auch schon mit seinen Beispielen. Zu wenig für eine echte Trendwende. Martin Weigert führt (zu Recht) auch viele altbekannte Fragezeichen heran – Unternehmen wie 6Wunderkinder, Amen und EyeEm, die nach wie vor substanzielle Erfolgsmeldungen vermissen lassen. Was aber nicht bedeuten muss, dass man deswegen gleich an den Unternehmen zweifeln sollte. Sie lassen sich nur einfach noch nicht als Aushängeschild für die international relevante Erfolgsgeschichte von Berlin heranziehen. Und doch gibt es aus unserer Sicht (neben vielen Rocket-Internet-Startups) zahlreiche andere Unternehmen, die uns hoffnungsvoll stimmen: Hitfox, Delivery Hero oder Madvertise sind sicher spannende Beispiele, die allzu oft vergessen werden. Und auch die Präsenz von europäischen Headquarters großer US-Unternehmen wie airbnb, Fab, Groupon oder etsy sprechen eine klare Sprache für den Standort und dessen internationale Reputation. Sie sind wichtiger Teil des entstehenden Ökosystems.

Deutsche Mentalität bei VCs und Gründern

Von daher gibt es sicher viel Positives zu entdecken. Die Richtung stimmt. Aber die These, dass die neuen Stars der Berliner Online-Szene Unternehmen sind, die auf substanzielle Geschäftsmodelle setzen, scheint dennoch deutlich verfrüht. Man ist versucht, den Spruch „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ zu bemühen. Dafür sind die Beispiele noch zu rar. Allerdings mag es an der deutschen Mentalität liegen, dass wir gar nicht in der Lage sind, ein „Twitter oder Facebook erdenken zu können“. Wir sind eher Ingenieure. Von daher ist das Rocket Internet-Modell wahrscheinlich das treudeutscheste, was man sich vorstellen kann. Zusätzlich beschweren sich viele Gründer über den Unterschied zwischen deutschen und ausländischen VCs. Während die US-VCs Risiko gewöhnt sind, meiden die deutschen VCs das Risiko wie der Teufel das Weihwasser. Laut zahlreicher Gespräche mit Berliner Gründern wollen deutsche Investoren immer zuerst einen “Proof of Concept”, was die Realisierung bestimmter Ideen von vorneherein deutlich erschwert. Dies ist sicher nicht der einzige Grund, aber garantiert ein entscheidender Beleg für die angezogene Handbremse, mit der die Berliner Startupszene Richtung Internationalität bummelt. Und leider muss man auch nach wie vor feststellen, dass es eine Unzahl von Gründern gibt, die sich mit Miniprojekten auf Makromärkte stürzen. Das ist aus Gründersicht legitim, aus Sicht des Standorts Berlin jedoch gleichbedeutend mit Stillstand. Nach wie vor gibt es in Berlin zu wenig Unternehmer, die ein echtes technologie-getriebenes Konzept verfolgen. Und in diesem Zusammenhang kann man den Machern von Amen, Wunderlist oder EyeEm dann doch wieder auf die Schulter klopfen. Auf die schläfrige Berliner Politik, die die Chancen der Stadt komplett ignoriert, gehen wir an dieser Stelle nicht weiter ein. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass der Gründerstandort Berlin nicht “wegen” sondern “trotz” der Berliner Politik erblüht.

Doch die Stimmung klart sich insgesamt auf: Auf der gestrigen Konferenz Capital on Stage hier in Berlin haben 20 namhafte internationale Investoren wie Index, Wellington Partners, Earlybird, DN Capital oder Target Partners die Vorzüge Berlins in den Himmel gelobt. Die Einstellung der Investoren gegenüber Berlin scheint derzeit sehr optimistisch. Alle loben den guten Spirit, der in der Stadt herrscht. Berlin sei schon jetzt der zweite europäische Hub neben London. Ein sehr guter Punkt dazu kam von Christian Thaler-Wolski von Wellington Partners: In London kann ein Startup mit 500.000 Euro ein halbes Jahr lang überleben. In Berlin mit dem gleichen Geld ein ganzes Jahr. Das mag in naher Zukunft ein entscheidender Faktor werden.

Doch alle Investoren scheinen sich einig in der Bitte: Weniger schwätzen, endlich machen!

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