Digitale Transformation als Chance begreifen

Digitale Transformation – der Begriff begegnet einem inzwischen so oft, dass sich Parallelen zum Dotcom-Hype der New Economy vor 15 Jahren aufdrängen. Wenn jeder über „the next big thing“ spricht, ist es für gewöhnlich keines. Beim Thema „digitale Transformation“ gibt es aber einen gravierenden Unterschied: Statt Euphorie greift die Sorge um sich, ob man an der damit verbundenen Wertschöpfung partizipieren kann oder das eigene Business von der Digitalisierung dem Erdboden gleichgemacht wird. Und deshalb ist heute, anders als damals, das Ganze nicht die bloße Summe des Wunschdenkens von Analysten oder Nerds.

Tatsächlich ist die sichtbare Schaumkrone der heranrollenden Transformationswelle nur für die wenigsten klassischen Branchen ein Grund zum Jubeln. Die Evolution erfordert schnelle, flexible Unternehmensstrukturen, visionäre Unternehmenslenker und veränderungswillige Mitarbeiter. Schaut man sich den klassischen deutschen Mittelstand an, so darf man hieran zumindest Zweifel haben. Es mangelt dabei nicht an technischen Lösungen, sondern der Bereitschaft und Fähigkeit, diese im eigenen Unternehmen und dessen Wertschöpfungsprozessen einzusetzen.

Das hat auch die Politik erkannt und bemüht sich mit allerhand Plattformen von Industrie 4.0 bis zur Arbeitswelt der Zukunft, Deutschland für das digitale Zeitalter fit zu machen. Das wird aber nicht ausreichen, angesichts der immer rasanteren Digitalisierung mit ihrer disruptiven Kraft, die in – sagen wir – zehn Jahren, dazu führen wird, dass jede Wirtschaft eine digitale Wirtschaft ist – oder nicht mehr bestehen wird. Mit einiger Sicherheit werden zwar zum Beispiel die deutschen Maschinenbauer auch dann noch die weltweit besten Maschinen bauen. Nur wird das Geld jedenfalls auch mit digitalen, datengetriebenen Services an diesen Maschinen verdient werden, sogenannten Smart Services. Das hat beispielsweise die ThyssenKrupp Elevator AG erkannt. Der für Kunden entscheidende Aspekt ist die Zuverlässigkeit der Aufzüge. 1,1 Millionen davon generieren bestückt mit Sensoren jede Minute, 365 Tage im Jahr, wertvolle Informationen, die über eine Cloud-Lösung ausgewertet werden. Das Internet der Dinge verbessert damit wesentlich die vorausschauende Wartung und präventive Instandhaltung – ein herausragender Wettbewerbsvorteil angesichts eines technisch durchentwickelten Produkts.

Digitale Transformation hat also nicht nicht nur technologische Aspekte, sondern erfordert primär das Hinterfragen des gesamten Geschäftsmodells vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Virtualisierung, Flexibilisierung und Individualisierung sind dabei die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Henry Ford wird das Zitat nachgesagt: „Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen, hätte ich schnellere Kutschen gebaut.“ Die digitale Transformation bestehender Geschäftsmodelle sind häufig gänzlich neue. Wertschöpfung verlagert sich, von etablierten Unternehmen zu Startups, von klassischen Industrien zu datengetriebenen Geschäftsmodellen. Die Musikindustrie hat das bereits hinter sich, die Finanzbranche ist mittendrin, die Automobilbranche als nächstes dran. Als Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) haben wir es uns zum Ziel gemacht, eine Brücke zu schlagen von digitalisierten Unternehmen zu solchen, die diesen Schritt noch vollziehen müssen. „Bridging Worlds“ ist daher auch das Motto der diesjährigen Dmexco, deren Träger der BVDW ist.

Auf der Dmexco 2015 werden die entscheidenden Brücken geschlagen: zwischen Marken, Medien, Agenturen, Technologieanbietern und Startups, zwischen etablierten Geschäftsmodellen und Innovationen. Es ist mehr als bemerkenswert, dass die weltweite Leitmesse und Konferenz für die digitale Wirtschaft in Deutschland und nicht in den USA oder Asien stattfindet.

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 09/2015.

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