Der Tatort ist die erfolgreichste Serie Deutschlands, acht Millionen Zuschauer schalten an einem Durchschnittssonntag ein. Wie kein anderes Format spiegelt und thematisiert der Tatort das hiesige Wertesystem. Um Deutschland kennenzulernen, kann es also sinnvoll sein, Tatortdeutschland zu betrachten. Die Hamburg Media School hat genau dies getan – mit einem bemerkenswerten Ergebnis.

140 Unternehmer bewohnen die Tatorte der vergangenen zehn Jahre. Titel wie „Schweinegeld“, „Tod einer Heuschrecke“ oder „Abgezockt“ geben ihrem Auftritt bereits einen wenig schmeichelhaften Rahmen. Insbesondere was den Umgang mit ihren Mitarbeitern angeht, sind die Unternehmer der Tatortwelt Negativbeispiele. Die Studie liefert mit Mitarbeitermanipulation, Intrigen, Abhängigkeit, Lohnbetrug, Kurzarbeit, Personaleinsparung, Schwarzarbeit, Entlassung und Lohndumping eine fast vollständige Aufzählung der Formen moderner Sklaverei.

Das negative Unternehmerbild trifft nicht auf Startups zu

Mit der Realität hat dies wenig zu tun – insbesondere in unseren Startups. Laut dem Deutschen Startup Monitor gehören flexible Arbeitszeiten, Home-Office und Feel-Good-Manager zum Startup-Alltag. Doch bei diversen Gesellschaftsgruppen scheint das Unternehmerbild eher dem Tatort zu entspringen. SPD-Generalsekretärin Fahimi löste erst kürzlich mit einem Facebook-Beitrag einen Shitstorm aus: „Wer es als Arbeitgeber nicht schafft, einen Stundenzettel ordentlich auszufüllen, ist entweder ein Gauner – oder schlichtweg zu doof.“

Fahimi scheint einer ganzen Fernsehnation aus dem Herzen zu sprechen: Unternehmer sind Gauner. Und so werden die 1600 zusätzlich geplanten Mindestlohn-Kontrolleure, wie wir gerade im Manager Magazin lesen konnten, selbstverständlich an der Waffe ausgebildet. Weder Tatortkommissare, noch Mindestlohn-Kontrolleure trauen sich offensichtlich, unbewaffnet zwischen Kickern und Club-Mate-Kästen zu ermitteln.

Dass die SPD auch anders kann, zeigt sie mit der Gründung eines Wirtschaftsforums. Sigmar Gabriel bekannte dazu in der Welt: „Die SPD braucht […] Unternehmer und Selbstständige, nur dann ist sie Volkspartei.“ Und er fügt hinzu: „Unternehmer sind für uns Partner, nicht Klassenfeinde.“ Das ist mindestens ein Hoffnungsschimmer.

Politiker sollten keinen Tatort gucken

Und dennoch überwiegen die Indizien dafür, dass das negative Unternehmerbild breit in der Gesellschaft verankert ist. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung haben ein Viertel der deutschen Lehrer ein schlechtes Unternehmerbild. Ob Mindestlohndokumentationspflichten-Verordnung oder Unternehmensinsolvenz – gerne stellen wir Unternehmer in Deutschland per Gesetz unter Generalverdacht. Die Redensart, „wo kein Kläger, da kein Richter“, gilt für uns oft nicht. Und wenn demnächst das Verbandsklagerecht bei Datenschutzverstößen kommt, dann können Verbraucherzentralen unseren Startups in bester Hilfssheriff-Manier die Fesseln anlegen.

Als Startup-Verband versuchen wir im Rahmen von Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit aus Vorurteilen fundiertes Wissen zu machen. Wir erreichen viele Menschen, doch 8 Millionen Zuschauer pro Woche erreichen wir noch nicht. Das haben uns die Tatortmacher voraus. Laut der Studie der Hamburg Media School verneinen diese in der Mehrheit übrigens, „eigene Erfahrungen mit Wirtschaft, Managern und Unternehmern“ zu haben. Vielleicht ist es an der Zeit, eine Startup-Tour für Drehbuchautoren zu organisieren. Ich lade die Redakteure der ARD herzlich dazu ein!

Dieser Artikel erschien zuerst in Berlin Valley News 05/2015.

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