Immer wieder – erst für die Kita, dann für die Schule – suchte Polly Schmincke nach umweltfreundlich produzierten Schreibwaren für ihre beiden Kinder und fand sie nicht. „Nicht mal einen Malblock aus Recycling-Papier konnte ich hier auftreiben“, sagt Polly. Und da sie gerade dabei war, sich beruflich neu zu orientieren, beschloss sie 2012, selbst einen Laden für ökologischen und nachhaltigen Büro- und Schulbedarf in Berlin-Mitte zu gründen. Neun Monate suchte Polly nach Produkten und dem passenden Ladengeschäft, besuchte Hersteller und Messen, um das umweltfreundliche Sortiment zusammenzustellen. Das Kassensystem fand sie im Internet.

2,5 Millionen kleine Unternehmen

Etwa 2,5 Millionen kleine und mittlere Unternehmen gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Wer sie in die digitale Welt bringen will, fängt am besten bei der Kasse an. Inzwischen gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl von Anbietern – von den Herstellern aus der alten Welt mit ihren komplexen Systemen, die eigentlich für die großen Ketten entwickelt wurden, über unzählige kleine Anbieter reiner Kassensoftware bis hin zu den Startups, die iPad-basierte Systeme anbieten. Keiner hat den Markt bisher geknackt.

Alle Anbieter werben um kleine Unternehmer, die sich eigentlich lieber um ihr Geschäft, als um ihre Technik kümmern wollen. Zu den Herausforderern auf dem Markt gehören unter anderen Inventorum, Locafox oder Oderbird. Neu kommt jetzt Enfore, das vierte Startup von Marco Boerries, hinzu, das noch im zweiten Quartal in den Markt starten will. Der Gesetzgeber hat die Gewerbetreibenden noch einmal gezwungen, sich mit dem Thema Kassensystem zu beschäftigen: Zwar besteht in Deutschland immer noch keine Verpflichtung eine Registrierkasse einzusetzen, doch wer sie einsetzt, für den gelten seit dem 1. Januar 2017 neue Pflichten. Die Registrierkassen müssen nun den „Grundsätzen zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff“ (GoBD) entsprechen. Sie müssen direkt digitale Unterlagen für die Buchhaltung veränderungssicher erzeugen können.

„Die Zeiten der alten Registrierkasse waren auch schon 2012 vorbei, als ich meinen Laden eröffnet habe“, sagt Polly Schmincke. „Also habe ich nach Kassensoftware gegoogelt und eine Firma in Berlin-Zehlendorf gefunden.“ Über die Firma konnte sie damals auch günstig gebrauchte Hardware erwerben, die sie außerdem benötigte: Kassenlade, Computer, Scanner, Drucker. 1500 Euro hat Polly allein für die Hardware ausgegeben. Dann konnte sie loslegen. „Ich hatte null Business-Erfahrung“, sagt sie. Alles habe sie sich selbst beigebracht, Learning by doing.

Dabei gab es immer wieder auch Probleme mit der Kassensoftware. „Irgendwann habe ich festgestellt, dass das ,Wir’, das auf der Website der Softwarefirma stand, in Wahrheit nur eine Ein-Mann-Bude war. Und wenn der Programmierer nicht zu erreichen war, gab es keinen Ansprechpartner und ich hatte ein Problem.“

Eines schönen Tages habe dann der Projekt-Manager eines Startups, das sein Büro zufällig um die Ecke hatte, mit seinem iPad bei ihr im Laden gestanden und gefragt, ob sie Interesse an einem neuen Kassensystem habe. „Der kam wie der Engel vom Himmel“, sagt Polly. „Denn ich hatte immer mehr Probleme mit der alten Software.“ Polly wurde die erste Kundin von Inventorum. Seither gibt sie regelmäßig Feedback.

Integrierte Warenwirtschaft

4000 Artikel hat Polly Schmincke in ihrem Laden. „Ich brauche ein vernünftiges Warenwirtschaftssystem“, sagt sie. „Und zwar eines für Einsteiger, das man direkt versteht und ohne Vorkenntnisse bedienen kann.“ Auch das könne Inventorum ihr bieten. „Grundsätzlich hat es alles was ich brauche“, sagt sie. „Und ich muss mich um meine Bestände nicht mehr kümmern, da auch der Onlineshop mit dem System synchronisiert wird.“ Zwar entdeckt sie immer wieder Kleinigkeiten, die besser laufen könnten, doch sie ist zufrieden mit dem neuen System. Dennoch hat sie eine Fallback-Lösung: Ihre Kartenzahlung läuft nicht über Inventorum, da sie den anderen Vertrag bereits vorher abgeschlossen hatte. Und wenn das Kassensystem einmal nicht funktionieren sollte, können die Kunden bei Polly Paper immer noch mit Karte zahlen – und die Rechnung schickt Polly später – dann wieder über Inventorum – per E-Mail.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 22

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Digitaler Laden: Man fängt am besten bei der Kasse an"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Der Markt für Kassensysteme ist riesig und wächst ständig. Startups wie Inventorum, Locafox, Orderbird oder bald Enfore fordern etablierte Anbieter heraus Der Beitrag Digitaler Laden: Man fängt am besten bei der Kasse an erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

trackback

[…] Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland. Wer sie in die digitale Welt bringen will, fängt am besten bei der Kasse an. Inzwischen gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl von Anbietern – von den Herstellern aus der […]

wpDiscuz