Susanne, du bist Leiterin Lab1886 bei Daimler. Welche Aufgabe hat dieser Bereich im Unternehmen?

Susanne Hahn: Das ganze Thema Mobilität wird immer komplexer und das Auto ist zwar nach wie vor attraktiv, aber die Nutzung wird sich ändern. Wir haben die Aufgabe, neue Geschäftsmodelle zu identifizieren und sie umzusetzen. Daimler will von der Nummer eins der Fahrzeughersteller zur Nummer eins einer neuen Mobilitätsära werden. In diesem Zuge ist CASE Teil unserer Unternehmensstrategie. CASE steht für Connectivity, Autonomous, Shared & Services und Electric. Diese vier Felder haben das Potenzial, die ganze Automobilindustrie auf den Kopf zu stellen. Wir helfen dem Konzern, eine Innovationsmaschinerie aufzubauen, die dem gewachsen ist.

Wie lange gibt es das bei Daimler schon?

Susanne Hahn: Dieter Zetsche war in diesem Bereich Vorreiter und hat das Innovationslab Daimler Business Innovation bereits vor zehn Jahren eingeführt. Aus dieser Unit haben wir uns gerade ins Lab1886 transformiert.

Wie genau fördert ihr neue Ideen?

Susanne Hahn: Mitarbeiter können ihre Ideen entwickeln und in einem Shark Tank vorstellen. Wenn die Idee überzeugt und intern Sponsoren findet, bilden wir mit den Mitarbeitern ein Team aus internen und externen Experten und setzen sie mit unserem Knowhow und dem Spirit und der Geschwindigkeit eines Startups um. Nach wenigen Monaten wird entschieden, ob wir die Idee in eine der Business Units implementieren, ausgründen oder stoppen. Das ist ein sehr strukturierter, aber gleichzeitig völlig neuer Innovationsprozess.

„Uns liegt mehr an Kooperationen, in denen Startups von uns und wir von ihnen lernen können. Im Idealfall ist es ein Geben und Nehmen“

Fördert ihr auch externe Startups?

Susanne Hahn: Dafür gibt es die Startup Autobahn. Das ist unsere offene Innovations-Plattform, mit der wir den Startup-Spirit und die Gründungen im Raum Stuttgart stärken wollen. Zweimal im Jahr können Startups sich bewerben, etwa 30 nehmen wir in jeder Runde auf. Diese Unternehmen arbeiten dann in der Arena2036 – einer Art Forschungslabor in Stuttgart-Vaihingen – zusammen mit Mentoren und Experten an ihrer Vision. Der Fokus liegt vor allem auf Hardware- und IoT-Themen. Wir arbeiten aktuell mit rund zehn Partnern zusammen, darunter DHL und Porsche: Unternehmen treffen bei Startup Autobahn potenziell auf mehr als 2000 B2B-Kunden und 200.000 Mentoren. Das Innovationspotenzial der Region Stuttgart ist einmalig und es ist toll, dass wir das so gut nutzen können.

Arbeitet Daimler auch außerhalb der Business Innovation mit Startups zusammen?

Susanne Hahn: Kooperationen mit Startups gibt es in den meisten Business-Units. Daimler hat sich gerade beispielsweise an Volocopter beteiligt, einer senkrecht startenden und elektrisch angetriebenen Drohne, die Menschen transportieren kann. Wir haben beobachtet, dass diese Urban Air Taxis im Kommen sind. Es gibt zwar noch viele technische und regulatorische Punkte zu klären, aber wir glauben daran. Und mit den Möglichkeiten unseres Konzerns können wir als strategischer Partner Volocopter helfen, sein Geschäftsmodell weiter aufzubauen und zu skalieren.

Auf dem Weg in eine neue Mobilitätsära: Susanne Hahn auf dem NKF Summit im September in Berlin. (Foto: Philipp Primus)
Auf dem Weg in eine neue Mobilitätsära: Susanne Hahn beim NKF Summit im September in Berlin. (Foto: Philipp Primus)

Du sagst, ihr seid ein strategischer Partner. Gibt es auch Fälle, in die ihr rein monetär investiert?

Susanne Hahn: Wir wollen davon wegkommen, Startups nur mit monetären Mitteln zu helfen. Uns liegt mehr an Kooperationen, in denen Startups von uns und wir von ihnen lernen können. Im Idealfall ist es ein Geben und Nehmen.

Was hast du bisher von Startups gelernt?

Susanne Hahn: Sie sind viel flexibler als ein großer Konzern. Schnelligkeit und Kreativität stehen ganz oben. Ich glaube, dass wir durch die Zusammenarbeit mit Startups noch mehr Unternehmergeist in unseren Konzern bringen können.

„Die nachhaltige Mobilität in diesem urbanen Raum ist eine große Herausforderung, an deren Lösung wir uns aktiv beteiligen“

Welches Ziel hat die Zusammenarbeit mit Startups?

Susanne Hahn: Die Startup-Welt und die Konzern-Welt haben beide Vorteile. Wir wollen diese Vorteile so kombinieren, dass sich Synergien ergeben, mit denen die Startups und auch wir unsere Vision für die Zukunft verwirklichen können.

Welche Innovationen sind bisher bei euch entstanden?

Susanne Hahn: Car2go haben wir beispielsweise 2011 ausgegründet. Der erste Pilot wurde bereits im Jahr 2008 umgesetzt. Car2go hat mittlerweile mehr als 2,8 Millionen Kunden und ist international Marktführer des flexiblen Carsharings.

Marktführer: Car2go hat weltweit mehr als 2,8 Millionen Kunden. (Foto: Alexander Fischer)
Marktführer: Car2go hat weltweit mehr als 2,8 Millionen Kunden. (Foto: Alexander Fischer)

Ihr werdet auch das Konzept für die IAA vollständig verändern. Kannst du darüber etwas erzählen?

Susanne Hahn: Die Me Convention ist ein ganz neues Format, das es noch nie gegeben hat. Wir schaffen gemeinsam mit der SXSW eine Plattform, um sich über die Mobilität der Zukunft auszutauschen. Dafür haben wir viele Experten und Startups eingeladen. Das soll keine Daimler-Show werden. Es wird Workshops geben, eine Coworking-Fläche, ein interaktives Lab und auch ein Festival-ähnliches Programm.

Wie werden sich Menschen in Zukunft bewegen?

Susanne Hahn: Schon bald wird die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten leben. Die nachhaltige Mobilität in diesem urbanen Raum ist eine große Herausforderung, an deren Lösung wir uns aktiv beteiligen. Mit den vier Feldern von CASE beschreiben wir unsere Vorstellung davon, was die Zukunft der Mobilität stark prägen und neu definieren wird. Gerade Elektromobilität wird im Zusammenhang mit der Energiewende eine große Rolle spielen, das autonome Fahren verschafft den Menschen vor allem Zeit. Wir möchten, dass unsere Kunden möglichst viel ihrer wertvollen Zeit für sich nutzen können. Das funktioniert in einem selbstfahrenden Auto oder auch, indem man einfach über einen Stau fliegen kann.

Das Gespräch führte Anna-Lena Kümpel.

SUSANNE HAHN

Susanne Hahn ist seit März 2016 verantwortlich für den international aufgestellten Bereich Lab 1886. Das ist der konzerninterne Think- und Act-Tank mit der Aufgabe, neue Geschäftsmodelle zu erdenken, zu pilotieren und zu realisieren. Susanne Hahn, geboren 1976, trat bereits im Januar 2001 über das Nachwuchsförderprogramm in die Daimler AG ein.

Lab1886

NAME: Lab1886 (Daimler Business Innovation)
GRÜNDUNG: 2007
GRÜNDER: Daimler AG
MITARBEITER: 130
SERVICE: Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Inkubator
URL: daimler.com/innovation

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 25

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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