Herr Bendisch, was ist die wichtigste Veränderung seit der Gründung der IBB Bet vor 20 Jahren?

Roger Bendisch: Seit 1997 haben wir einige Zyklen erlebt, das Platzen der New-Economy-Blase und die Finanzkrise inklusive. Das lässt sich schwer zusammenfassen. Aber seit 2007 geht es in Berlin stetig bergauf.

Was war der Auslöser für die Gründung?

Roger Bendisch: Die Stadt war nach dem Fall der Mauer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten: hohe Arbeitslosigkeit und kaum Perspektive. Die IBB als öffentliche Bank hat deswegen einen Zukunftsfonds aufgelegt, um der Stadt einen Ruck zu verpassen und neue Gründungen anzuschieben. Unter diesem Dach wurde auch der Venture-Capital-Fonds gestartet.

Wie sah das Ökosystem damals aus?

Roger Bendisch: 1997 haben sich eine ganze Reihe von VC-Gesellschaften gegründet, darunter Earlybird und BMP. Startup-Gründer waren vor allem Technologen, die eine Idee umsetzen wollten. Viele talentierte Leute haben sich aber nicht mit dem Thema Gründung beschäftigt, sondern sind lieber in die Industrie gegangen, zu Investmentbanken oder Beratungshäusern. Es war nicht sexy, ein Startup zu gründen. Das ist heute anders, Gründen ist in.

Was ist Ihre Definition von Startup?

Roger Bendisch: Ein Unternehmen, das auf Wachstum ausgerichtet und bis zu sieben Jahre alt ist.

„Wir schätzen die Zahl der Startup-Unternehmen auf etwa 5000“

Wie viele Startups gibt es in Berlin?

Roger Bendisch: Wir schätzen die Zahl der Startup-Unternehmen auf etwa 5000. Wir können das sehr gut ableiten aus der Anzahl an Unternehmensgründungen in den Bereichen, in denen wir finanzieren. Wir bekommen pro Jahr zwischen 400 und 500 Anfragen. Wir sehen 90 Prozent aller Deals, die in Berlin stattfinden.

Welchen Anteil hat die IBB Bet am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt?

Roger Bendisch: Wir sind über die Jahre eine Konstante gewesen. Allein im vergangenen Jahr haben wir Investitionen von insgesamt 120 Millionen Euro in unsere Portfoliounternehmen begleitet. Der Gesamtmarkt in Berlin war eine Milliarde Euro, wir sind also an zwölf Prozent des VC-Geschehens in Berlin beteiligt.

Wie sehr redet die Politik mit?

Roger Bendisch: In den 20 Jahren gar nicht.

Roger Bendisch: „Mit Venture Capital finanzieren wir interessante Firmen, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, Innovationen hervorbringen und erhebliche Steuern zahlen.“ (Foto: Alexander Freundorfer)
Roger Bendisch: „Mit Venture Capital finanzieren wir interessante Firmen, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, Innovationen hervorbringen und erhebliche Steuern zahlen.“ (Foto: Alexander Freundorfer)

Was geben Sie dem Land zurück?

Roger Bendisch: Wir agieren wie ein privater VC-Fonds. Aber wir setzen unsere Fondserträge revolvierend ein. Das heißt, die Mittel, die wir verdient haben, fließen in den neuen Fonds. Wir sind mittlerweile bei der vierten Fondsgeneration angekommen. Das Land bekommt dafür viel zurück. Mit Venture Capital finanzieren wir interessante Firmen, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen, Innovationen hervorbringen und erhebliche Steuern zahlen.

Und wie ist die Rendite?

Roger Bendisch: Wir sind profitabel in den beiden ersten Fonds. Der dritte ist ausfinanziert, aber da ist eine Beurteilung noch zu früh, der vierte ist in der Investitionsphase.

Die Rendite verraten Sie nicht?

Roger Bendisch: Nein.

Wo liegt Ihr Investment-Fokus?

Roger Bendisch: Uns interessieren vier Bereiche: Life Science mit Biotechnologie, Medizintechnik und E-Health, dann industrielle Technologien, überwiegend Unternehmen aus dem Bereich Halbleiter, aber auch zunehmend aus Cleantech und E-Mobility. Der dritte Bereich ist IT, überwiegend Software-, aber auch Hardware-Unternehmen. Der vierte Bereich ist der größte, die Kreativwirtschaft, der von Musik bis Werbung reicht.

„Heute entstehen hier Firmen, die internationales Kapital anziehen. Das war vor 20 Jahren nicht der Fall“

Sie investieren in einer sehr frühen Phase?

Roger Bendisch: Richtig: Seed oder Series A. Wir können aber bis zum Ende an den weiteren Finanzierungsrunden teilnehmen. Das hat sich dramatisch verändert: Heute entstehen hier Firmen, die internationales Kapital anziehen. Das war vor 20 Jahren nicht der Fall. Damals mussten die Firmen in die USA gehen, um amerikanisches Venture Capital zu bekommen.

Was gibt es außer Geld von der IBB Bet?

Roger Bendisch: Wir verstehen uns als aktiver Sparringspartner der Teams. Je nachdem, wie erfahren sie sind, unterstützen wir sie in allen Belangen des Unternehmensaufbaus: sei es bei der Personalsuche, bei der Suche nach Dienstleistern oder bei der  Kontaktanbahnung. Unsere Investmentmanager betreuen jeweils ein Portfolio von sechs bis acht Firmen, daher können wir eine sehr intensive Betreuung bieten. Das Coaching war von Anfang an ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.

Fragen auch Investoren bei Ihnen an?

Roger Bendisch: Ja, nicht nur Startups, auch Investoren fragen bei uns an. Wir investieren ja grundsätzlich nur gemeinsam mit privaten Investoren. In der Seed-Phase sind es Business Angels und Family Offices, in der nächsten Phase private Venture-Fonds, in der dritte Phase internationale Fonds, die die Internationalisierung der Startups unterstützen. Wir haben ein breites Netzwerk von mehr als 300 Venture-Fonds mit denen wir schon gemeinsam Finanzierungen gemacht haben.

Was war Ihr größter Flop?

Roger Bendisch: Das war unser Investment in die Solarfabrik Soltecture in Adlershof. Die wurde mit weit mehr als 100 Millionen Euro Venture Capital finanziert. Da haben wir gemeinsam mit anderen sehr viel Geld verloren, als die Chinesen den deutschen Markt aufgerollt haben.

Was hat Ihnen die meiste Freude gemacht?

Roger Bendisch: Das war auf jeden Fall Babbel. Damals haben wir in ein junges Team investiert, das inzwischen zum Weltmarktführer im Sprachenlernen aufgestiegen ist. Die zweiterfolgreichste Firma war Gate 5, die von Nokia gekauft wurde, dann von den deutschen Autobauern übernommen wurde und heute mit mehr als 1000 Mitarbeitern Navigationsdienste in Berlin entwickelt. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Wie geht es in Zukunft weiter?

Roger Bendisch: Für uns geht es mit Volldampf weiter. Wir haben im vergangenen Jahr über Plan investiert und das erste Halbjahr 2017 lief auch sehr gut. Das aktuelle Fondsvolumen sind 100 Millionen Euro, das reicht noch für die kommenden vier bis fünf Jahre. Es gibt nach wie vor unwahrscheinlich viele interessante Startups in Berlin – in allen Feldern. Wir haben gerade drei Life-Science-Beteiligungen gemacht. Hier entsteht viel mehr als nur Internetfirmen. Und Berlin hat Strahlkraft – die anderen Städte profitieren auch von dem Erfolg in Berlin.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

ROGER BENDISCH

Roger Bendisch ist seit 1997 Geschäftsführer der IBB Bet. Zuvor leitete er die Geschäfte bei Berlin Seed Capital Fund. Er ist 1959 in Berlin geboren, hat Betriebswirtschaft und Economics an der TU Berlin, der London School of Economics und der FU Berlin studiert und seine berufliche Laufbahn als Berater bei Prognos begonnen.

IBB-BET

NAME: IBB Beteiligungsgesellschaft
GRÜNDUNG: 1997
GRÜNDER: Investitionsbank Berlin
MITARBEITER: 18
STANDORT: Berlin-Wilmersdorf
SERVICE: Venture Capital für Berliner Startup-Unternehmen
URL: ibb-bet.de

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 25

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