Berthold, was ist euer Investment-Fokus?

Berthold von Freyberg: Target Partners investiert in Technologie-Startups. In E-Commerce, beziehungsweise allgemein in transaktionsbasierte Geschäftsmodelle, investieren wir kaum. In unserem Portfolio befinden sich überwiegend Software-, aber auch einige Hardware-Startups. Als Tech-VC gehören wir zu einer Minderheit im deutschsprachigen Raum, der Großteil des hiesigen VC-Kapitals fließt nicht in Tech. Daher investieren wir in der Frühphase vor allem allein. In den späteren Runden kommen dann häufig Investoren aus dem europäischen Ausland und den USA hinzu. Das Interesse an Tech-Startups in Deutschland ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen.

Ist Landwirtschaft für euch ein attraktiver Markt?

Berthold von Freyberg: Absolut. Wir sind seit 2014 in Trecker.com investiert, die – kurz gesagt – eine betriebswirtschaftliche Software für Landwirte entwickelt haben. Landwirte zeichnet oft ein sehr moderner Maschinenpark aus. So gab es zum Beispiel bei Traktoren und Mähdreschern eine Spurverlassenswarnung, lange bevor die Automobilindustrie sie einführte. Aber die betriebswirtschaftliche Software, die Landwirte nutzen, ist in den neunziger Jahren stecken geblieben. In vielen landwirtschaftlichen Betrieben herrscht immer noch Zettelwirtschaft. Da gibt es also enorm viel Potenzial.

Ist der Markt auch lukrativ?

Berthold von Freyberg: Allerdings. Trecker.com beispielsweise rechnet pro Hektar pro Monat ab. Und wir kommen allein in Deutschland auf ein Volumen von 17 Millionen Hektar. Andere interessante Märkte sind Osteuropa bis zur Ukraine und Weißrussland, Südamerika und Teile Nordamerikas – also ein riesiger Markt. Uns interessieren Märkte, in denen die Digitalisierung einen großen Wertbeitrag leisten kann. Und das ist in der Agrarindustrie zweifellos der Fall.

„DIE BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHE SOFTWARE, DIE LANDWIRTE NUTZEN, IST IN DEN neunziger JAHREN STECKEN GEBLIEBEN“

Agtech ist aber mehr als nur Farmmanagement-Software.

Berthold von Freyberg: Das ist richtig. Wenn wir in die USA schauen, sind dort im vergangenen Jahr 3,2 Milliarden Dollar in Agtech-Unternehmen geflossen, fast zwei Drittel davon gingen in Food-Marktplätze, E-Commerce und in mit Landwirtschaft verbundene Biotechnologie. Nur etwa elf Prozent der Investitionen sind in den Bereich Farm-Management-Software, Sensor-Technologien und IoT gegangen. In diesem Bereich ist Target Partners unterwegs.

Wer ist da noch unterwegs?

Berthold von Freyberg: In den USA hat es im vergangenen Jahr 580 Startup-Deals von 670 Investoren gegeben. Die allermeisten von ihnen haben nur einen Deal gemacht. Zu denen, die mehrmals investierten, gehören Angel Funds und Google Ventures, die an den Daten interessiert sind, sowie auf Agtech spezialisierte Funds wie New Crop Capital in den USA, Anterra Capital in den Niederlanden oder Syngenta Ventures in der Schweiz. Auch Israel ist im Bereich Agtech wegen seiner besonderen geografischen Bedingungen sehr aktiv: Greensoil Investments ist einer der Fonds. Interessant ist, dass im Jahr 2013 vier neue Agtech-Fonds entstanden sind, dann war es für zwei Jahre etwas still, aber 2016 sind gleich fünf spezialisierte Fonds neu hinzugekommen.

„UNS INTERESSIEREN MÄRKTE, IN DENEN DIE DIGITALISIERUNG EINEN GROSSEN WERTBEITRAG LEISTEN KANN“

Woran liegt das?

Berthold von Freyberg: Die Investoren merken, dass die Landwirtschaft ein von Software und Big Data noch weitgehend unberührtes Feld ist, in dem enorme Chancen liegen. Vor zehn Jahren undenkbar, da der ländliche Raum erst mit Verzögerung zur breitbandigen Mobilfunkabdeckung kommt. Und das ist Voraussetzung, um Traktor- oder Mähdrescherfahrer mit mobilen Apps und Maschinen mit Sensoren auszustatten, die Daten in Echtzeit erfassen und in die Cloud senden.

Gibt es noch andere Herausforderungen in dem Markt?

Berthold von Freyberg: Wie in jedem Vertical: Die Gründer, die neue Technologien in diesem Bereich anbieten, kommen typischerweise nicht aus den entsprechenden Industrien. Sie sind selten Landwirte und müssen sich also erst intensiv einarbeiten. Aber diese Außensicht hilft Revolutionäres umzusetzen. Die Herausforderung ist, ein Produkt zu entwickeln, das haargenau auf das passt, was der Kunde will.

Ist es problematisch, dass es vor allem Investoren außerhalb Deutschlands sind, die sich für diesen Bereich interessieren?

Berthold von Freyberg: Es wird sicher in Deutschland und Europa zu wenig in Agtech investiert. Das gilt aber für Technologie-Startups im Allgemeinen und ist kein Spezialproblem bei Agtech. Deutschland nennt sich zwar Technologieweltmeister, wohl bezugnehmend auf den Mittelstand und die großen Konzerne. Bei Startups liegt der Fokus aber nach wie vor eher auf E-Commerce. Gerade im Bereich betriebswirtschaftlicher Software ist Europa aber im Vorteil: Die Startups begegnen von Anfang an unterschiedlichen Währungen, Sprachen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Das Team von Target Partners (v.l.n.r.): Michael Münnix, Kurt Müller, Berthold von Freyberg und Waldemar Jantz (Foto: Target Partners)
Das Team von Target Partners (v. l. n. r.): Michael Münnix, Kurt Müller, Berthold von Freyberg und Waldemar Jantz (Foto: Target Partners)

Kann man mit Agtech die gleichen Renditen erzielen wie im E-Commerce?

Berthold von Freyberg: Nur in Deutschland ist E-Commerce der Benchmark. Dabei sehen wir etwa in den USA, wie wertvoll Tech-Startups werden können. Betrachten wir die Marktkapitalisierung, sind fünf der heute zehn wertvollsten US-Unternehmen Tech-Konzerne, die jünger als 50 Jahre sind: Apple, Google, Microsoft, Amazon – wegen AWS – und Facebook. Bei Technologie-Startups dauert es in der Regel deutlich länger, bis sie groß werden, aber langfristig sind diese Unternehmen deutlich wertvoller als E-Commerce-Companies, die ganz selten außerhalb ihrer Heimatmärkte skalieren können. Die E-Commerce-Bereiche von Amazon und Alibaba sind da die Ausnahmen.

Siehst du bei Agtech besondere Trends?

Berthold von Freyberg: Im Software-Bereich sind es Big Data und Business Intelligence. Dann sind auch technologiegetriebene Plattformen interessant, die mehr Transparenz und Liquidität in die regionalen Märkte bringen. Da gibt es zum Beispiel den großen Betriebsmittelmarkt, also etwa für Saatgut und Verbrauchsgüter. Hier sind die Landwirte derzeit auf die regionalen Einkaufsgenossenschaften und den Landhandel angewiesen. Das ändert sich jetzt – sowohl für die Anbieter als auch für die Landwirte. Fragmentierte Strukturen werden aufgebrochen und die Märkte werden transparenter. Davon profitieren beide Seiten.

Das Interview führte Corinna Visser. 

Berthold von Freyberg (Bild: Target Partners)

BERTHOLD VON FREYBERG

Berthold von Freyberg ist Partner und einer der Gründer von Target Partners. Er bringt 22 Jahre Venture-Capitalund Technologieerfahrung in Deutschland und den USA in die Partnerschaft ein. Zuvor war er als Investment-Manager bei TVM Capital tätig. Von 1994 bis 1997 arbeitete er bei Microsoft in Seattle.

TARGET PARTNERS

NAME: Target Partners
GRÜNDUNG: 1999
GRÜNDER: Waldemar Jantz, Kurt Müller und Berthold von Freyberg
MITARBEITER: 7
STANDORT: München
SERVICE: Mit 300 Millionen Euro Kapital unter Management zählt Target Partners zu den führenden Venture Capital Investoren in Europa. targetpartners.de

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 23

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