Ihr eröffnet gerade einen zweiten Standort in Berlin. Kannst du kurz das Konzept der Factory beschreiben und wie es sich verändert hat?

Udo Schloemer: Die Grundidee der Factory war schon immer, einen Ort für Startups zu schaffen, an dem sie sich austauschen und gemeinsam Ideen und Projekte entwickeln können. Wir wollten auch von Anfang an Corporates einbinden, weil wir die Überzeugung haben, dass diese die Herausforderung der Digitalisierung innerhalb ihrer bestehenden Strukturen nicht meistern können. Doch es hat sich schnell herauskristallisiert, dass die Factory nicht einfach nur ein Real-Estate-Case sein soll, der Räume vermietet, sondern ein echter Businessclub. Wir wollen Leute aktiv vernetzen und ein relevantes soziales Netzwerk aufbauen. Je stärker die Digitalisierung voranschreitet, desto größer ist auch der Bedarf, sich analog auszutauschen – von Mensch zu Mensch. Daher haben wir nach und nach die Flächen der Factory in einen Club umgewandelt und flankierende Eventreihen etabliert. Heute erhält man für 50 Euro einen Flex Desk und auch den Zugang zu Events, zur Gastronomie sowie zu unserer Software.

Die Schließfächer werden mit der Factory-App gesteuert (Bild: Alexander Freundorfer)
Die Schließfächer werden mit der Factory-App gesteuert (Bild: Alexander Freundorfer)

Kannst du diesen Businessclub etwas genauer beschreiben?

Udo Schloemer: Klar. Wir fokussieren uns auf zwei Bereiche: Zum einen auf den Zugang der Corporates zu den Talenten. Bislang müssen Corporates ihre Hubs als Single Brand gründen und relativ viel Geld ins Branding stecken, um die Zielgruppe der Generation Y zu erreichen – ohne Garantie, dass die echten Cracks wirklich bei ihnen anfangen werden. Bei uns können sie ihren Hub risikolos auf 30 oder 40 Quadratmetern starten und sind mittendrin. Zum zweiten wollen wir zwar keine Räume mehr vermieten, aber dennoch den Startups vergleichbare Möglichkeiten bieten wie den Corporates. Daher gibt es für Startups kleinere Räume für bis zu zwölf Personen, die Startups anmieten können. Sobald sich das Startup etabliert hat und zu groß wird, verlässt es die Factory, bleibt aber Mitglied, um weiterhin Teil der Community mit seinen Möglichkeiten zu sein.

„Wir haben das Thema ‚work hard, play hard‘ noch stärker herausgearbeitet“

Jetzt eröffnet ihr einen zweiten Standort. Was ist der Unterschied zur ursprünglichen Factory?

Udo Schloemer: Ich würde sagen, wir haben das Thema „work hard, play hard“ noch stärker herausgearbeitet. Es gibt jetzt tatsächlich einen Play-Room mit Bällebad, Tischtennis, Tischkicker und Playstations. Innovation entsteht ja auch in den Momenten, wo man sich ausruht oder abgelenkt ist. Außerdem haben wir einen Coding-Room, wo die Programmierer aus mehreren Firmen in einem Raum sitzen können und ihre Erfahrung untereinander austauschen, obwohl sie an verschiedenen Produkten arbeiten. So etwas hat bislang eindeutig gefehlt. Es gibt auch einen eigenen Yoga-Raum, deutlich größere Eventräume, ein riesiges Cinema als Präsentationsraum, ein Restaurant, ein Bistro, Meetingräume, Workshop-Spaces und vieles mehr. Auf jeder Etage gibt es eine große Community-Kitchen. Eines meiner persönlichen Highlights ist die Bibliothek, eine Art überdimensionaler Thinktank, wo man sich zurückziehen und ohne Mobiltelefon wirklich mal abschalten kann. Und wir haben drei Innenhöfe, die wir natürlich wettermäßig entsprechend nutzen. Nicht zu vergessen den großen Fahrradkeller.

Bewegliche Meeting- Hütten sorgen für Flexibilität (Bild: Alexander Freundorfer)

Ihr habt einige spannende Ankermieter und Kooperationen.

Udo Schloemer: Das IoT-Segment entwickelt sich zu einer Kernkompetenz von Deutschland. Das wird die nächste große Welle. Deswegen haben wir auch den Zuschlag für den IoT-Hub digital der Bundesregierung bekommen. Wir haben jetzt ein eigenes Makers Camp mit echter Werkbank, mit 3D-Drucker und Lötkolben, wo du wirklich deine Ideen umsetzen kannst. Und wir konnten Next Big Thing als Company Builder für IoT gewinnen. Das ist echter Deep Tech.

Mit der Code-University haben wir noch einen zusätzlichen USP: die erste Universität in Europa, bei der die Programmierer von morgen ausgebildet werden. Das bedeutet Zugang zu den Toptalenten von morgen und auch internationale Anziehungskraft. Wir glauben nach wie vor, dass Berlin der bedeutendste Hub in Europa wird, weshalb wir uns darauf konzentrieren, die besten Leute der Welt hier anzusiedeln.

Blühende Landschaften: Zur Factory am Görlitzer Park gehört eine herrliche Aussicht (Bild: Alexander Freundorfer)
Blühende Landschaften: Zur Factory am Görlitzer Park gehört eine fantastusche Aussicht (Bild: Alexander Freundorfer)

Zusätzlich haben wir die Newschool eingebunden, eine staatlich anerkannte Ersatzschule, die das klassische Schulmodell verlässt. Dort unterrichtet man projektbasiert, nicht nach Lehrplan, und ersetzt Lehrer durch ein Netzwerk vieler Experten. Du siehst, wir setzen voll auf das Thema Education, machen das aber nicht selbst, sondern mit starken Partnern. Darin spiegelt sich auch die Entwicklung der Factory in den vergangenen anderthalb Jahren wider: Am Anfang haben wir noch gedacht, wir bauen ein Ökosystem, in dem wir alles selber anbieten. Inzwischen halten wir uns aus den Inhalten raus und versuchen, die besten Partner zu finden. Wir sind eine echte Plattform geworden. Unser USP sind die Partner und das Matchmaking.

„Wir wollen langfristig eines der bedeutendsten Alumni-Programme der Welt aufbauen“

Kannst du erklären, wie das Matchmaking funktioniert?

Udo Schloemer: Unseren Slogan „Community of Innovators“ meinen wir sehr ernst. Diese Community bringen wir über verschiedene Kanäle zusammen. Zum einen via Events, wo wir bewusst die richtigen Zielgruppen mit ähnlichen Interessen zusammenzubringen. Außerdem haben wir eine eigene Software entwickelt, in der jeder seine Skills eintragen kann. Dieser Prozess wird durch unsere Scouts unterstützt, die unsere Mitglieder kennen und wissen, was sie suchen. Dieses menschliche Know-how funktioniert zurzeit sogar noch besser als die Software, kann aber perspektivisch natürlich keine 3000 Leute verwalten. Ich denke, wir haben die Möglichkeit, langfristig eines der bedeutendsten Alumni-Programme der Welt aufzubauen. Mit den stärksten Membern, die untereinander Innovation betreiben und sich gegenseitig helfen. Unabhängig davon, wo man auf der Welt lebt.

Maximaler Raum für Begegnung (Bild: Alexander Freundorfer)
Maximaler Raum für Begegnung (Bild: Alexander Freundorfer)

Wie ist euer Team strukturiert?

Udo Schloemer: Wir haben im Moment knapp 70 Mitarbeiter und werden mit dem neuen Standort wohl auf circa 80 Mitarbeiter wachsen. Schwerpunkte sind natürlich Community-Management und Marketing. Unser Ziel ist es, eine international starke Marke aufzubauen. Für uns ist es wichtig, die internationalen Talente, die nach Berlin kommen, früh einzubinden. Unsere Kooperation mit Techcrunch Disrupt ist hierfür ein gutes Beispiel, denn alle Besucher der Disrupt können sich auch in der Factory aufhalten.

Und das Design?

Udo Schloemer: Wir glauben an Innovation und an unternehmerischen Mut. Innovation zu fördern, heißt, dass jeder, der den Mut hat, ein Unternehmen zu gründen, auch dafür belohnt werden muss. Deswegen haben wir beschlossen, dass wir Projekte, wo immer es möglich ist, mit einem Startup realisieren und nicht mit etablierten Unternehmen. Aus diesem Grund haben wir das Interieur der gesamten Factory mit dem Startup 99Chairs umgesetzt. Auf ihrer Plattform sind Architekten aus der ganzen Welt versammelt. Wir haben sie gefragt, ob sie sich zutrauen, das Projekt Factory zu realisieren und sie haben es genial umgesetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie an dieser Aufgabe enorm gewachsen sind. Was mir aber am meisten gefällt: Wir haben eine Ausschreibung unter vier etablierten Innenarchitekten gemacht. Nicht einer war in der Lage, so schnell eine Planung zu liefern wie 99chairs, die das alles in sechs Wochen geplant haben.

Für die geschmackvolle Inneneinrichtung des 14.000 Quadratmeter großen Campus ist das Startup 99Chairs verantwortlich (Bild: Alexander Freundorfer)
Für die geschmackvolle Inneneinrichtung des 14.000 Quadratmeter großen Campus ist das Startup 99Chairs verantwortlich (Bild: Alexander Freundorfer)

Betrachtest du die Factory auch als Startup?

Udo Schloemer: Tatsächlich führen wir unser Unternehmen wie ein Startup – mit allen Höhen und Tiefen. Und mit vielen Herausforderungen, auch hinter den Kulissen. Wir sind derzeit in einer Wachstumsphase, wo wir nicht immer nur kuscheln können. Am Ende des Tages geht es auch ums Business. Wir haben jetzt Investoren in der Factory, die unseren Netzwerkgedanken mittragen, die bei Corporates vernetzt sind und mit denen wir uns gegenseitig Vorteile bringen können. Zeitgleich ist es wichtig, dass wir unseren Businessplan ernst nehmen. Wir wollen ja – zumindest wirtschaftlich – der Startup-Welt irgendwann entwachsen.

Wie stehst du zu dem Vergleich mit Wework?

Udo Schloemer: Ich sehe klare Unterschiede. Wework schafft eine sehr moderne und angenehme Umgebung für innovative Unternehmen. Durch Wework entsteht ein Raum, wo Corporates außerhalb ihres Unternehmens etwas gestalten können. Im Unterschied zu Wework legen wir jedoch den Schwerpunkt auf die Community und nicht darauf, Räume oder Schreibtische zu vermieten. Wir sehen Wework daher eher als nachgelagerte Stufe für Teamgrößen ab circa 15 Personen, die ihren Proof of Concept bereits haben und wachsen wollen. Über die Software bleiben wir mit diesen Teams aber weiterhin verbunden.

Überlebensgroße Tierbilder vor rauer Betonwand setzen künstlerische Akzente (Bild: Alexander Freundorfer)
Überlebensgroße Tierbilder vor rauer Betonwand setzen künstlerische Akzente (Bild: Alexander Freundorfer)

Was denkst du über die astronomischen Finanzierungsrunden von Wework? Ist das nachvollziehbar?

Udo Schloemer: Die Frage ist ja, was man erreichen will. Wework will durch das starke Wachstum die Marke etablieren und seinen Mitgliedern den Vorteil bieten, dass sie in unterschiedlichen Städten arbeiten können. Die Finanzierungsrunden und die Verpflichtungen, die Wework eingeht, finde ich sehr mutig. Sie zahlen sehr hohe Mietpreise und haben einen harten Businesscase, wodurch sie ein klares Income per Square Meter brauchen. Was da in kurzer Zeit aufgebaut wurde, halte ich für den nackten Wahnsinn. Da ziehe ich den Hut. Ob das langfristig wirtschaftlich tragfähig ist, ist eine andere Frage. Bei uns spielen solche Überlegungen keine Rolle. Eines unserer wichtigsten Ziele ist, den Membership-Beitrag so gering wie möglich halten, um Innovation zu fördern. Wir fokussieren uns darauf, den Corporates großen Nutzen durch Zugang zu Talenten bieten, den sie dann auch finanzieren.

Das Interview führte Jan Thomas.


„Digital ist genauso wichtig, wenn nicht wichtiger“

Der neue CEO Ramin G. Far über seine Herausforderungen und die Factory als Marke

Seit November 2017 ist Ramin G. Far neuer CEO der Factory. Er folgt auf Niclas Rohrwacher und Lukas Kampfmann, die das Unternehmen verlassen haben. Far war zuvor Gründer und CEO der international ausgerichteten Produktvergleichsseite Versus.com, die vor allem in den USA erfolgreich ist (Exit Juli 2016 an Menschdanke). Zeitgleich ist Far als Investor aktiv.

Die Personalie lässt insofern aufhorchen, da es sich bei Far um einen echten Digitalprofi handelt, der vor seiner eigenen Gründung bei diversen Konzernen (unter anderem Daimler und MTV) für Branding-Themen verantwortlich war. Far sieht sich mit diesem Background bestens gewappnet für die Aufgaben der nächsten Jahre: „Wir haben in der Factory ein Hammerwachstum. Die Factory ist einer der Hidden Champions in der Stadt. Vielen ist nicht bewusst, wie schnell wir wachsen. Meine Vorgänger haben hier extrem gute Arbeit geleistet, insbesondere bei der Kundenzufriedenheit und der Markenarbeit. Man kennt uns in Berlin, in Europa und im Silicon Valley. Meine Aufgabe ist es nun, da weiterzumachen, wo meine Vorgänger aufgehört haben. Wir wollen in den kommenden fünf Jahren mit vergleichbarer Geschwindigkeit wachsen und weiterhin unser Markenversprechen einlösen.“

Das Markenversprechen der Factory sieht er vielschichtig: „Eine Marke steht für konstante Qualität. Für Credibility. Dafür steht die Factory. Wir bieten das beste Netzwerk für Entrepreneure. Aus diesem Grundgedanken entsteht ein ganzes Ökosystem mit Startups, Corporates und VCs und unseren Facilitys.“ Diesen physischen Gedanken will die Factory auch digital vorantreiben, will sich dabei aber klar von anderen Plattformen wie Linkedin abgrenzen. „Digital ist für uns genauso wichtig, wenn nicht wichtiger. Da liegt sehr viel Potenzial. Hier wollen wir den nächsten Schritt schaffen. Wir haben tolle Leute in unserem Space, die sich in vielen Bereichen ähneln. Diese auf einem neuen Level zusammenzubringen, ist der Gedanke, der mich antreibt.“

Betreiber: Factory Works GmbH
Adresse: Lohmühlenstra.e 65, 12435 Berlin
Größe: 14.000 qm
Eröffnung: Ende 2017
Arbeitsplätze: Platz für über 1000 Mitglieder
Für: Startups, Corporates, Freelancer, Entrepreneure
Öffnungszeiten: Montag-Freitag, 8–21 Uhr
URL: factoryberlin.com/goerlitzerpark

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 26

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

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